Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „b\$ fr W*lt" Nr. 44 Platz zu bieten den ruhelosen ewigen Wanderern, dass Ahasver in der einstigen Heimat eine neue Heimat finde. Unter dem Beifall der Versammelten dankte hierauf Frau Dr. Kahn nochmals dem Vortragenden. Grenzen der Dankbarkeit. Es ist eine schöne Sache um die Dankbarkeit. Allein auch sie hat ihre Grenzen. Der Tribut der Dankbarkeit darf nicht auf Kosten der Menschenwürde und Männlichkeit gezollt werden. Wenn jemand mir keinen Fusstritt versetzt, mich rieht beschimpft und verleumdet, bin ich ihm nicht zu Dank vejpflichtet, denn er lässt mir nur die primitivste, elementarste Gerechtigkeit widerfahren. Wenn Schmach und Schande sich unverdienterweise an meine Fersen heften, wenn uns etwas Böses angedichtet wird und jemand sich aufrafft, um diese Verdächtigung ins Reich der Fabel zu verweisen, habe ich auch keine Veranlassung, ihm verbunden zu sein; denn er vollbringt kein Werk der Nächstenliebe, er gibt nur der Wahrheit die Ehre. Dank gebührt nicht dem, der anerkennt, dass ich auch ein Mensch bin und auf menschliche Behandlung Anspruch habe. Dankbarkeit ist im Grunde genommen nur da 8m Platze, wo jemand mehr leistet als das, was sich eigentlich von selbst versteht, was seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit ist, wo er mit Aufopferung seiner selbst sich für mich einsetzt. Wir Juden sind im ganzen und grossen infolge des Druckes, unter dem wir jahrhundertelang schmachteten, unempfindlich und Hand in Hand damit überempfänglich geworden. An uns hat sich Friedrich Hebbels Ausspruch, dass die Not die Fühlfäden des inneren Menschen nicht abstumpft, sondern verfeinert, nicht bewährt. Uns ist das Bewusstsein abhanden gekommen, dass das schöne Wort: „Das Glück der Erdenkinder ist die Persönlichkeit" sich auch auf uns bezieht, dass wir das unveräusserliche Recht haben, zu leben, uns in unserer Weise auszuleben, und dass uns dieses Recht nicht verkümmert werden darf. Wir sind unseres Selbstbewusstseins verlustig gegangen und darum überquellen wir von Dankbarkeit g^gen denjenigen, welcher die Peitsche nicht gegen uns schwingt, uns in unserem armseligen Dasein nicht stört, uns vegetieren lässt. Wir überströmen von Dank gegen diejenigen, welche uns in ihrer Ueberhebung, die weniger aus Vorbedacht als aus Dummheit entspringt, tolerieren, und bedenken nicht, wie verletzend und beleidigend für uns das Wort ,Duldung' ist. Wir sollten von Goethe lernen, welcher sieh gegen die blosse Duldung aufbäumt und im Namen der Religion volle Religions¬ und Gewissensfreiheit fordert. Wie echt menschlich gibt er der Fürstin Galitzin, als sie ihm eröffnet, man habe sie vor ihm gewarnt, da er sich so fromm zu stellen wisse, dass man ihn für religiös, ja für katholisch halten möchte, zu bedenken : „Geben Sie mir zu, verehrte Freundin, ich stelle mich nicht fromm, ich bin es am rechten Orte, mir fällt es nicht schwer, mit einem klaren, unschuldigen Blick alle Zustände zu beachten und sie wieder auch ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafter Verzerrung, wodurch sich dünkelhafte Menschen nach eigener Sinnesweiße an dem Gegenstande versündigen, war uns von jeher zuwider. Was mir widersteht, davon wend' ich den Blick weg, aber manches, was ich nicht gerade billige, mag ich gern in seiner Eigentümlichkeit erkennen; da zeigt sich denn meist, dass die anderen ebenso recht haben, nach ihrer eigentümlichen Art und Weise zu existieren, als ich nach der meinigen." Vollends triefen wir von Dankbarkeit, wenn sich Männer erheben, um für uns Zeugnis abzulegen. Wir geraten in einen Taumel, geberden uns wie toll und stimmen überschwengliche Hymnen auf diejenigen an, welche dartun, dass wir beileibe nicht so schlecht sind wie die kläffende Menge meint, dass wir keine Wilden, sondern im Grunde brave, gesittete Menschen sind, denen es nicht im Traum einfällt, Andersgläubige um ihres Glaubens willen zu hassen und zu betrügen, geschweige denn ihnen vor Ostern behufs Zubereitung der ungesäuerten Brote das Blut abzuzapfen und ihre Hostien zu entweihen. Wie Evangelisten erscheinen uns diese Verkündiger der Wahrheit, die uns eine besondere Gnade erweisen. Wir hören nicht auf, sie über den grünen Klee zu loben, ihnen zu Ehren Weihrauchfässer zu schwingen. Es ist geradezu empörend, diesem knechtischen, frivolen Treiben so vieler unserer Glaubensgenossen zuzusehen, und ich möchte aus der Haut fahren, wenn ich auf jüdische Blätter stosse, die sich so tief erniedrigen, dass sie ihren Lesern mit Begeisterung und Entzücken erzählen, wie dieser und jener geruht haben, ein objektives Urteil über die Juden abzageben. Als ob es überhaupt ein Verdienst wäre, die Geschichte nicht zu fälschen! Wie sollen andere uns achten, wenn wir uns selbst nicht achten, wenn wir uns so sehr vergessen, dass wir den verhimmeln, der die Wahrheit über uns sagt! Nicht Männer, die sich fühlen, sondern nur feige, erbärmliche Sklavenseelen können es als eine Dankbarkeit heischende Grosstat und Wohltat empfinden, wenn sie nicht verlästert und in den Kot gezerrt, sondern geprüft werden und bestehen. Die Juden bedürfen daher dringend eines Erziehers und Befreiers. Es ist hoch an der Zeit, dass sie sich samt und sonders dem Zionismus in die Arme werfen, der den Befähigungsnachweis für diese Aufgabe glänzend erbracht hat«. Wir haben seit Jahren Gelegenheit gehabt, ihn an der Arbeit zu sehen und müssen zu unserer Freude konstatieren, dass er ein Meister in der äusserst schwierigen Kunst ist, Degenerierte zu regenieren, kraftlose und anämische Individuen zukernigen und kraftstrotzenden Charakteren zu züchten, den Blinden, der Selbsterkenntnis gänzlich Ermangelnden den Star zu stechen und das Bewusstsein ihrer selbst einzuflössen. b. m. Die Juden in Mähren. Die leidige Judenfrage spukt jetzt allenthalben in den diversen Referaten der tschechischen Politiker. Und das ist jedenfalls erfreulieh. Denn während man bisnun im tschechischen Lager gewohnt war, die Juden als „Deutsche" oder quantite negligeable zu betrachten, rechnet man seit dem Wachsen der jüdischnationalen Bewegung mit unseren Stammesbrüdern als mit einem Faktor, der in absehbarer Zeit einen mächtigen Einfluss haben wird. Schon auf dem allmährischen tschechischen Studententage in Mähr.-Ostrau wurde es allen klar, dass Mähren, und vornehmlich einen grossen Teil der Intelligenz, ein realistisch-fortschrittlicher Geist durchweht. Herr Just. K y j o v s k y hielt auf dem Arbeitskongresse der fortschrittlichen Intelligenz und Studentenschaft, der am .17. September d. J. in Kremsier tagte, ein ausführliches lief erat über „die tschechisch-jüdische Frage", das ich wenigstens in den Hauptzügen verdeutschen will. Nachdem sich der Eedner über die mittelalterliche Stellung der Juden ausführlieh verbreitet und die Bedeutung Josef II. für unsere Glaubensgenossen erläutert hatte, schilderte er das diplomatische Handeln der liberalen Bourgeoisie. „Von unserer Seite," fuhr Kyjovsky fort, „wird höchst undiplomatisch gehandelt, wir versuchen nicht, die Juden zu gewinnen, wir weichen ihnen aus, und dies versuchen die Deutschen für ihre Zwecke auszunützen. Endlich treibt auch das Renegatenwesen vieler Tschechen die Juden in die Arme der Deutschen. Nach dem Bankrott des Liberalismus änderte sich die Sachlage. Durch den Einfluss einiger deutscher Schriftsteller entstand der Anti-