Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 9lbi* # weit11 Seite 7 hier ein Freundeskreis von fünf Männern. Der Eine war ein Dr. Kaner, der Andere ein Dr. G o 1 d s c h e i d e r, der Dritte ein Dr. Boxer, der Vierte Dr. Ganz von Luditz und der Fünfte Dr. H e r z 1. Von diesen lebt nur noch Dr. Ganz von Luditz. Dr. G o 1 d s c h e i id e r starb kurz nach seinem Examen, Dr. Kaner hat sich erschossen nach einer Vorlesung, die nicht den gewünschten Erfolg brachte, Dr. Boxer war Sekretär des Baron Rothschild und war bestimmt, die Kolonien in Argentinien zu leiten. Er starb am gelben Fieber. Auf Palästina wurde Herzl durch einen Zufall gebracht. Er ging eines Tages mit seiner Mutter zu Verwandten. Es wurde Kognak und Wein offeriert und als der Wein ihm sehr gut schmeckte, sagte* sein Gastgeber, dass derselbe aus den jüdischen Kolonien aus Palästina sei. Darüber war Herzl sehr erstaunt, auch von der Erzählung, dass. Juden Bauern werden wollten, um sich dort durch ihrer Hände Arbeit ihr Brot zu verdienen. Da ist der grosse Baum, der uns beschattet, entstanden. In Paris ging er zu den grossen Juden, die sich mit der Emigration beschäftigten, und redete ihnen zu, eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte für die Juden zu schaffen. Die Antworten hat er niedergeschrieben, mit diesen Dialogen ist er nach Wien gekommen, als seine Eltern zurückgezogen waren. Ich muss ein bisschen vorgreifen. Es ist bekannt, dass seine Eltern ihm nach Paris nachgekommen sind. Er schrieb ihnen: „Ihr habt schon so viel für mich getan, ihr müsst mit mir leben." Sie konnten in der fremden Stadt nicht festen Boden fassen und kamen zurück. Als ich mit Herzl zusammenkam, war es der Schriftsteller, den ich aufsuchte und den ich um einen Beitrag für die von mir geleitete „Wiener Mode'4 bat. Er machte Witze über Frauentoilette und schickte mich weg. Einige Monate später erschien der „Judenstaat". Ich bekam den „Judenstaat", durchflog die Zeilen, wusste keinen Zusammenhalt und schrieb Herzl einen Brief. Ich erinnere mich der Worte: Sagen Sie,S1err Doktor, wo ist der Witz? Ich habe ein Kapitel nach dem anderen gelesen, das kann, doch nicht Ihr Ernst sein. Nach einer Stunde war ich bekehrt. Eine Stunde und mehr lauschte ich und sog die Worte in mich ein und das leuchtende Feuer He rzls entfachte meine latente Liebe zum Judentum. Wir waren beide in einer Begeisterung, wie sie im Leben sich nur einmal schon Herzl offenbarte. In ein Tanzalbum schrieb Herzl folgende Widmung: „Ein Führer, das ist ein Mann, der dahin geht wohin die anderen ihn führen." Und man hat ihn gehörig herumgeführt: bald in eine Versammlung nach Berlin, Paris, nach London, nach Konstantinopel, nach England. Ein Berufskaufmann, der ein reisender Kaufmann ist, müsste ein Vermögen verdienen, um solche Reisen machen zu können. Herzl war jeden Augenblick bereit. Er hat nicht nur sein Leben geopfert, er hat auch den grössten Teil seines Vermögens geopfert. Wir brauchen uns wahrhaftig nicht um die Zionistenführerschaft zu reissen; Herzl hat sein Leben, seine Gesundheit, sein Familienglück dem Judentum geopfert. In der ersten Zeit konnten wir Herzl nicht verstehen; das gab zu Differenzen Anlass, denn was er Grosses vorhatte, erschreckte uns. Der Plan des Kongresses erschien uns als, ein Wagnis sondergleichen. Er sagte uns, der Kongress würde ein Markstein fürs- Judentum sein. Er gab uns eine grosse Perspektive; die Zukunft schien uns gesichert, alle Welt war von dem Gelingen überrascht — nur er nicht. Aehnliches trug sich zu bei der Gründung der Bank. Bei all den Arbeiten schrieb er Stücke, Feuilletons, während sein Kopf eine Bank .gründete, sein Gehirn in Konstantinopel weilte — das hat schon damals den Keim zu seinem Tode gelegt. Die Bewegung wurde in der ganzen Welt anerkannt, das Resultat schien uns näher zu rücken. Die Palästinareise, der Empfang durch den deutschen Kaiser. Der Brief Plehwes erschien. Der grössrte Erfolg war aber das Anbieten eines Stück Landes in Afrika. Und bei all den grossen Dingen Blick und Herz für das Kleinste. Von einer kleinen Episode erfuhr man durch Frau Dezent Redlich nachstehende Details. H e r z 1 war in einem Sommer in Aussee. Im Vorübergehen bat ihn ein Bettier urn ein, Almosen. Herzl hatte kein Geld bei sich, ging weiter. Bei Tische war Herzl in animierter Gesellschaft, jedoch sehr ernst und sprach kein Wort; als man? ihn dieserhalb befragte, nahm er seiner Frau ein Versprechen ab und zwar: sie möge dem Bettler, dem er nichts geben konnte, weil er kein Geld bei sich hatte, nächsten Tag einen Gulden geben. Als sie ihm dies versprochen hatte, war er wieder* fröhlich. Durch einen Zufall war es mir vergönnt, in Rom mit dem Kardinal-Staatssekretär über den Zionismus und über Herzl zu sprechen, und ich vernahm das Wohlwollen des Papstes für die Bewegung. Und bei diesem Gespräche inmitten dieser prachtvollen Umgebung, der Kunstwerke Michel Angelos etc. erinnerte ich mich des kleinen Lokales in der Rembrandtstrasse. Zwei kleine stickige Zimmer waren es, in denen wir unsere ersten Beratungen abhielten. Es hiess auch, dass Herzl durch die Dreyfus-Affäre' Zionist wurde. Er sagte zu mir, in Paris gingen merkwürdige Dinge vor. Das Land der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wird eine der stärksten antisemitischen Bewegungen haben. Man wird dort wie auch in England das Einwandern verbieten. Das klang sehr phantastisch. Wenige Monate später £am der Antisemitismus in Frankreich zum Ausdruck. Gar manches sprach er zu mir über- Zionisten und Zionismus. So sagte er unter anderem: „Sie werden es sehen, jene Leute, die am ersten Kongresse gewesen sind, die werden eine Aristokratie bilden, wie die armen verfolgten Protestanten, die, aus England ausgewiesen, nach Amerika gereist sind — so wie die in Amerika eine Aristokratie bilden, so wird man auch sagen: „Der Urgrossvater des A. und B. war beim ersten Kongress", man wird in der ganzen Welt davon sprechen." Er sagte zu mir, als er merkte, dass sich viele seinen Plänen widersetzten: „Glauben Sie mir, wenn ich begraben sein werde, dann werden sie mich gerne wieder ausscharren wollen, denn sie werden mich brauchen." Wie bald man ihn gebraucht hätte, um die Auswandererfrage zu regeln, hat sich ergeben. Nie, seitdem Juden existieren, auch nicht zur Zeit, als der Tempel stand, gab es eine solche internationale Organisation, wie sie sich gegenwärtig in der Bewegung darstellt. Herzl wurde überall empfangen, wo er empfangen werden wollte, denn man wusste, dieser Mann sprach und handelte' für eine Weltorganisation. Von grosser Bedeutung waren wohl die letzten sieben Jahre. Die ganzen Ereignisse, die Fortschritte haben wir wohl wachsen gesehen und sagen, dass das bisherige Resultat so sein muss, weil es Herzl vorausgesagt hat. Wir müssen leben, müssen arbeiten, müssen uns opfern, weil es Herzl so gewallt hat. Es werden Geschlechter kommen und Geschlechter gehen und seinesgleichen Wird nicht aufersteh'n. Wenige Monate nach seinem Tode können wir es sagen, es ist viel mehr Legendarisches an seiner Persönlichkeit und um seine Person, als wir es glauben wollten. Nur einiges über die Bank, um das zu erweisen. Eines Tages sackte ein Wiener Feuilletonist, wir wollen den Juden in der ganzen Welt herumsch reiben, sie mögen Geld zusammentun, dass man von diesem Gelde den Juden eine Heimstätte gründen kann. Ich habe, anfangs gelacht darüber, aber bald eingesehen, was der eiserne Wille durchzusetzen vermochte. Es fehlte Geld — es kommt aus der ganzen Welt; es kommt aus Süd- Afrika, Russland in Verbindung mit Amerika etc. Aus den Worten eines Wiener Feuilletonisten entstand ein grosses Wunder. Hätte man das für möglich gehalten, wenn man gesagt hätte, dass ein jüdischer Feuilletonist aus der Fichtegasse 11 mit dem Papst über den Zionismus sprechen werde? Und hier, diese Räume des Kongressbureaus — welche Fülle des Historischen bieten sie! In diesen Räumen hat Theodor Herzl viele Stunden seines Lebens zugebracht, hier hat er für sein Volk gearbeitet, gedacht und sich für sein Volk herumgestritten, hier ist noch die Erinnerung an ihn lebendig, mir ist, als ob ich es fühlen würde, dass sein Geist um uns ist, und dieser Augenblick ist in Wahrheit dazu angetan, um die Liebe zu diesem herrlichen Menschen einzuflössen. Noch ein paar Worte über den Nationalfonds. Sie sind in der Lage, etwas für die Erlösung des jüdischen Volkes zu tun, durch die immerwährenden Sammlungen für den Nationalfonds. Sie waren geweiht durch sein Mitarbeiten und es wird den Adelsstolz Ihrer Familie bilden, dass. Sie Mitglieder dieses Vereines waren. Ein Bild der Liebe soll uns alle umfassen, Liebe für unser unglückliches Volk — Liebe, die sich in Arbeit umsetzt und Arbeit, die sich in Liebe umsetzt. (Lebhafter, anhaltender Beifall.) Das Schlusswort sprach Frau Dr. Kahn: Ich bin in Verlegenheit, in welcher Form ich dem Referenten danken soi] für das, was er uns geboten. Dank sagen wir unserem hochverehrten Gaste Herrn York-Steiner dafür, dass er wTeit über den Rahmen des Abends hinaus uns viel Neues gebracht hat. Was resultiert für uns Frauen daraus, Zeitgenossen dieses Mannes gewsen zu sein, als Handlanger, Mitarbeiter an, dem erhabenen Werke mitgebaut zu haben, der Jugend ein Ideal gegeben, etwas geboten zu haben, das aufrichtet? Seine harte Arbeit hat für uns gesorgt. Die wir über die kleinen Sorgen des Alltags uns ein bisschen erheben wollen, die wir etwas anderes vom Leben fordern als den Genass des Augenblickes — dass wir Pflichten gegen unser Volk und seine Zukunft empfinden und mitarbeiten in der W'eise, dass wir Liebe zu unserem Volke ausstreuen. Sammeln wir jene kleinen Teilchen Geldes, für das wir einst das heilige Land kaufen wollen, um