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Die Welt · 1904-10-28 · 44 (28.10.1904) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „&ie & Weit11 Nr. 44 Der Bürgermeister von Wien. In Wien ging es dieser Tage sehr lebhaft zu. Bürgermeister Lueger feierte seinen sechzigsten GebuiTstag und dieses Ereignis weckte in den Strassen, in den Zeitungen, in Versammlungslokalen, in Privatdiskussionen einen geräuschvollen Widerhall, der gelegentlich zu stürmischem, vieltausendstimmigem Tosen anschwoll. Und die Debatte über das Ereignis währt noch fort. Die meisten Punkte des Themas, die von den Pro- und Kontrarednern mit mehr oder weniger Hitze erörtert werden, mögen uns hier blutwenig interessieren. Wenn mit viel Gründlichkeit darüber disputiert wird, ob die Schafifang einer neuen Strassenbeleuchtung oder die Einführung eines neuen Strassenbahnbetriebes eine lobenswerte Tat des Herrn Lueger sei oder nicht, so wollen wir bescheiden beiseite stehen und davon Abstand nehmen, uns über dieses Problem den Kopf zu zerbrechen. Und wenn jemand hartnäckig unser Votum erbäte, wären wir gar vielleicht bereit, zuzugestehen, dass Herr Lueger der bedeutendste Beleuchtungsreformator des Jahrtausends sei. Auch über die Fragen, ob der Herr Lueger ein seichter oder ein abgründig tiefer Redner ist, ob ihm ein Fackelzug gebührt hätte oder nicht, ob ihm ein seelisches Gleichgewicht eigen ist oder nicht — über all diese Fragen wollen wir stillschweigend hinweggehen und ihre Klärung Forschern überlassen, die zu dem Problem „Lueger* wie zu einem Phänomen weltumfassenden ewigsten Interesses emporblicken. Wenn wir in diesen Blättern, die sich mit den grossen und kleinen Schmerzen der Juden aller Länder zu befassen haben, hie und da einmal auch des Herrn Lueger gedachten, so geschah es keineswegs in dem seltsamen Tone der Anerkennung, den etliche von Juden redigierte Blätter Wiens Herrn Lueger gegenüber anzuschlagen pflegen. Wir waren nie der Ansicht, dass Lueger ein Gegner sei, zu dem man auch während des Kampfes hochachtungsvollst aufschauen müsse. Es liegt gar kein Grund vor, in Lueger einen Feind zu sehen, dem man nach erledigtem Strauss beinahe freundlich die Hand schütteln darf. Und noch weniger Ursache ist vorhanden, an der Gestalt des Bürgermeisters von Wien irgendwelche Züge einer Kämpfergrösse zu entdecken. Fürwahr, nichts ist an dieser Figur, was auch nur einigermassen anregen könnte, die Vorstellung vom „Feind, der zu ehren ist", in das Bewusstsein zu rücken. Kein Heldenmass, kein Wort und Wink der Qrösse. Die Weltanschauung, die er ersonnen hat, lässt sich bündig in die Formel „Hepp-Hepp* zusammendrängen. Und selbst dieser kärgliche Erfinderruhm muss angetastet werden: er hat sein Programm nicht ersonnen, die „Hepp-Hepp"-Melodie, die er dem Wiener Gassenhauer zugrunde legte, ist vielmehr schon oft und oft, seit Jahrzehnten und Jahrhunderten, gesungen worden. Wenn also Herr Lueger nicht jinmal den zweifelhaften Ruhm in Anspruch nehmen darf, den Antisemitismus erfunden zu haben, so kann man ihm noch weniger zugestehen, dass er mit überwältigendem Genie das alte Schlagwort popularisiert habe. Weder in seinem Parteiprogramm selber, noch in den Mitteln, das Programm zu verwirklichen, liegt etwa Grosses oder gar Imposantes. Der geringen Anstrengung, die Herr Lueger aufwenden musste, um für die Wiener ein politisches Gedankensystem zu entdecken, stand ebenbürtig die ach! so kleine Mühsal zur Seite, das „Hepp-Hepp" zu propagieren. Lueger durfte nur in-* einer Volksversammlung die beiden Silben aussprechen und sofort stimmten alle begeistert in den Ruf ein. Dem derzeitigen Bürgermeister von Wien waren nicht nur die Anstrengungen erspart geblieben, etwas Neues zu erdenken, zum betrübenden Mangel an Originalität gesellte sich noch die erfreuliche Leichtigkeit, den Antisemitismus gemeinverständlich zu machen. Andere Konstrukteure eines politischen Programms müssen in langwierigem Werben und Belehren und Kommentieren die Schar der Anhänger und Schüler schaffen, Lueger fand seine Partei — judenfeindlich veranlagte Leute — schon fix und fertig vor. Er sagte ihnen nur, was sie schon wussten oder wenigstens ahnten: Judaeam esse delendam. Und was ansonsten die Kunst anlangt, mittels* deren Lueger seinen Thron im Wiener Rathause befestigte, so wird man nicht fehlgehen, wenn man eingesteht, dass man auch in diesen kleinen Verschmitztheiten und listigen Mittelehen keinerlei Hauch einer ehrfurchtgebietenden Grösse zu erblicken vermag. Jetzt noch die Frage, die man auch in diesen Tagen wieder wie eine Entschuldigung hören konnte: „O, es scheint, dass er es gar nicht ernst meint. Er ist ja gar nicht im Innersten Antisemit! Der Antisemitismus war ihm nur Mittel zum Zweck.* Wir wollen uns auf die Untersuchung dieser Frage nicht einlassen, da, wie gesagt, die Psyche des Herrn Lueger uns bis auf weiteres keineswegs reizt, ein sorgsameres Seziermesser anzusetzen. — Nur die Gegenfrage: „Wäre es eine Entschuldigung, wenn Lueger, ohne den Antisemitismus ernst zu nehmen, eine ernste Hetze gegen die Juden veranstaltet hätte? Wäre er besser als er scheint, wenn er, bloss um seine Machtgelüste zu befriedigen, die Juden mit einer Flut von Kränkungen überschüttet hätte?* Die Streitfrage: „Welches Motiv ist besser, das der antisemitischen Pose oder das der antisemitischen Aufrichtigkeit?" wird wohl am besten mit dem.bekannten Versen zu beantworten sein: „Doch es will mich schier bedünken, dass sie" etc. sch. L h. Eine Wiener Versammlung. Samstag den 22, ds. hielt der erste zionistische Frauenverein in Wien die erste seiner Versammlungen ab. Frau Dr. Sidonie _Kahn begrüsste den Vortragenden Herrn Y or lest e in e r und die überaus, zahlreichen Gäste und Vereinsmitglieder. In tiefempfundenen. Worten, mit der überzeugenden Beredsamkeit, die sie so oft schon in den Dienst des Zionismus gestellt, hielt Frau Dr. Kahn die Eröffnungsrede, in der sie des verewigten Führers gedachte, dessen Leben und Wirken der Vortragende den Versammelten vorzuführen beabsichtige. Hierauf erteilte sie Herrn York-Steiner das Wort zu dem angekündigten Vortrage. Von lebhaftem Beifalle begrüsst, ergriff nun der Vortragende das Wort. Er sagte unter anderem: Was bisher über Herzl gesagt worden ist, war durchdrungen von tiefem Schmerze und im Leide geschrieben, ist vielleicht nicht alles so gesagt worden, wie es die absolute Objektivität verlangt. Es wurden aber auch bereits an seiner Bahre Kritiken laut, die den Schein der Historie tragen und zum Teile ganz unrichtig sind. Es fehlt überall die Perspektive der Zeit. Auch heute fehlt uns die richtige Perspektive, auch heute ist die Zeit zu kurz, und vor allem können wir nicht ermessen, was uns fehlt, wenngleich wir es empfinden. Auch heute gebe ich Ihnen nur eine unvollkommene Skizze von dem Leben des uns allzu früh genommenen teuren Unvergesslichen. Nach einer kurzen Schilderung des literarischen Werdeganges Dr. He r z 1 s setzte York-Steiner folgendermassen tfort: Er war ein Mensch, der in jedes Feuilleton seine ganze Seele hinein verwoben hat, der nie ohne Empfindung schrieb, denn seine Sachen sind ja dem Leben entnommen» Es existierte

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