Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-10-28 · 44 (28.10.1904) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316118--46253-3341098
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

: Nr. 44 lfbit & Weit11 Seite 5 Deklassierten nicht mitbedingt, von dieser ungesunden sozialen Erscheinung verschont. In Oesterreich, dem klassischen Lande des nationalen Haders und innerpolitischer Entkräftung, tritt zu den allgemein wirtschaftlichen und sozialen Ursachen, die ein geistiges Proletariat schaffen und vermehren helfen, noch die Rückwirkung der nationalen und politischen Kämpfe. Die Ueberproduktion an Akademikern, in anderen Ländern eine natürliche Folgeerscheinung wirtschaftlicher Entwicklung, wird bei uns in Oesterreich noch künstlich gesteigert, in Konsequenz nationalpolitischer Macht- und Besitzfragen unnatürlich in die Höhe getrieben. Und wie überall, wo ein soziales Uebel oder ein politischer Rückstand auf Klassen und Berufe ungünstig einwirkt und Opfer heischt, die Doppelerscheinung *sich zeigt, dass das jüdische Individuum einem vervielfachten Drucke ausgesetzt ist und gegen mehrere Fronten sich zur Wehre setzen muss, so ist es auch hier. Der nationale Kampf und politische Wirrwarr in Oesterreich bedroht die jüdische lutelligenz weit mehr als die der anderen, einander befehdenden Nationen. Ihr Wirkungsgebict wird um so enger und sie erscheint desto sicherer ausgeschaltet aus dem nationalen Wettbewerbe, je leidenschaftlicher, intensiver der Kampf wird, je mehr er alle Gebiete des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens ergreift und beherrscht. In den Alpenländern und südlichen Teilen des Reiches beeinträchtigt uer Nationalitätenstreit jüdische Interessen nur wenig. Aber dort, wo der nationale Streit am heftigsten wütet und die Juden ihrer Zahl und politischen Stellung nach seinen Einflüssen am meisten unterliegen, gestaltet sich die Situation unserer Intelligenz immer bedrohlicher; nicht nur in den Beamtenstellungen des Staates und der Selbstverwaltungskörper, sondern auch in den freien Berufen, deren Ueberfüllung mit Juden von Jahr zu Jahr wächst. Die Beamtenfrage ist eingestandenermassen eine Frage der Macht, des nationalen Bessitzstandes. Die ganze Schul- und Universitätspolitik dreht sich um die Versorgung der akademisch Gebildeten und um die Vergrösserung der nationalen EinfLusssphäre. Um jede neukreierte oder erledigte Stelle entspinnt sich vor aller Oeffentlichkeit oder hinter den Kulissen der mit allen Mitteln der Protektion und parlamentarischen Pression geführte typisch österreichische Kampf um die Neubesetzung. Die höheren Beamtenstellen sind nationalpolitisches Kompensationsobjekt geworden und in den Dienst des parlamentarischen Schachers gestellt, die niederen Stellen werden gleichfalls unter zarter ßerücksichtitigung der nationalen Zugehörigkeit verliehen. Die Juden haben dabei meist nichts zu suchen. Sie sind in der Konkurrenz um solche Stellen, die nationale Parteigänger verleihen und erhalten, im voraus disqualifiziert. Die Landesverwaltungen und Gemeindebehörden treiben selbstverständlich mehr oder minder exklusive Parteipolitik und schliessen jüdische Petenten fast ausnahmslos aus. Der nationale Egoismus will den Angehörigen der eigenen Nation den Futterplatz sichern und der nationalen Sache sozial gesicherte Kämpfer werben. In den Sudetenländern tritt dieses System, das begreifliche Produkt nationalen Kampfes, besonders tcnarf hervor und drängt die jüdische sei bei dem übermässigen Anbot an Bewerbern nur mehr auf Grund guter Zeugnisse und erhöhter Verwendbarkeit möglich. Und nicht viel anders als an der juridischen lägen die Verhältnisse au der philosophischen Fakultät. Nur wen wahre Begeisterung für das Lehrfach an Mittelschulen erfülle, werde alle Entbehrungen und Enttäuschungen, die etwa seiner harren, auf sich nehmen. Der Brotstudent tue daher besser, sich eine andere Laufbahn auszusuchen, denn in dieser habe er die Erfüllung seiner Wünsche nicht zu erhoffen/ Der Appell ist an die gesamte Studentenschaft gerichtet, aber die jüdischer Hörer, welche jetzt ja hauptsächlich juridischen und philosophischen Studien obliegen, berührt er in erster Linie. Intelligenz in die liberalen Berufe, in denen Palack^s v.müniineltes „Svüj k svömu* als nationaler, hier schon geschäftlicher Kampfruf ihrer harrt. Der Boykott in allen Formen wird nicht nur von den Tschechen uau nicht nur dem jüdischen Kaufmann gegenüber, sondern auch von Deutschen und auf dem Gebiete der liberalen Berufe praktiziert ~ in verschiedener Intensität und Offenheit, aber fast überall mit ähnlichem Erfolge. Man frage die jüdischen Advokaten und Aerzte in den gemischtsprachigen Städten und Bezirken, ob die Verschärfung ces nationalen Egoismus für sie nicht immer fühlbarer wird. Es ist eine schleichende Krise, deren sich die jüdische Intelligenz in den Sudetenländern allmählich bewusst wird, Ihre Wirkungen äussern sich jetzt noch nicht in ihrem vollen Umfange, aber sie werden in den nächsten Jahren in aller Schärfe und Deutlichkeit hervortreten. Die gedrückte, pessimistische Stimmung, die in den Kreisen dieser jüdischen Intelligenzschichten, den versorgten und unversorgten, heute schon herrscht, wird in demselben Masse steigen, wie die Ueberproduktion immer grösser, der AndraDg jüdischer Studenten zum Mittelschul- und Volksschulstudium immer stärker, der Absperrungs- und Verdrängungsprozess gegen jüdische Intelligenzler immer erfolgreicher werden wird. Es liegt keine Lösung, sondern eine Verschärfung der ganzen Frage darin, dass ein beträchtlicher Bruchteil der jüdischen Intelligenz aus den Sudetenländern, durch den gleich starken Zufluss aus Galizien bedeutend erhöht, in Wien zusammenströmt und einzelne Berufsklassen überflutet. Der Zug nach der Grossstadt tut's nicht allein, es sind tiefere nationale und wirtschaftliche Ursachen, die gerade Wien zu einem Brutherde eines notleidenden jüdischen Intelligenzproletariäts machen. Die verschiedenen Spielarten des Antisemitismus machen das Mass der Not voll. Mit den Hinderniesen, die der staatliche und bureaukratische Antisemitismus der jüdischen Intelligenz in den Weg legt, indem er sie zurücksetzt, beginnt man sich in jüdischen Kreisen langsam abzufinden. Man weiss nunmehr, dass papierene Proteste, entrüstungsvolle Resolutionen, lamentable Berufungen auf die' Stilisierung der Staatsgrundgesetze gegenüber einem zweifellos zielbewussten und wohldurchdachten Regieiungssystem stumpfe, wirkungslose Waffen sind. Es liegt mathematisch genaues System in der Methode, wie nach einer einfachen Prozentberechnung über alle liberalisierenden Verwaltungsmaxiraen hinweg Ernennungen jüdischer Beamten vorgenommen werden. Die entscheidenden Faktoren meinen und sagen: „So und so viele Prozent an Beamten gebühren auch nach den Regeln der Arithmetik, vorausgesetzt, dass auch ein Amt überhaupt offensteht. Dass ihr weit mehr an Petenten, und seien sie noch so gut qualifiziert — produziert, ist unsere Sorge nicht." Der Egoismus der Herrschenden ist stärker als papierene Gesetze und platonische staatsbürgerliche Anerkennung. Nirgends sehen wir besser und drastischer, was äussere Gleichberechtigung ohne Gleichartigkeit, der wahre Inhalt der Emanzipation, praktisch wert ist. Die Entwicklung geht gegen uns : der Kreie von Aemtern und Staatstellen, die bisher den Juden offenstanden, wird systematisch eingeengt, der Prozentsatz jüdischer Beamtenernennungen rücksichtslos herabgesetzt, die Taufe immer häufiger gefordert. Die Regierungen und Oberbehörden tragen in gewissenhaftester Weise den Forderungen und Erfolgen des politischen und gesellschaftlichen Antisemitismus Rechnung und beschränken sich in der Ernennung und Beförderung jüdischer Beamten auf das unumgängliche Minimum. Ut aliquid factum esse videatur. Wir werden später prüfen, wie prächtig ausgebildet das ganze System in Oesterreich ist. N.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.