Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bi* & w^it" Nr. £4 Wie kläglich sieht sie aus, wie grau, wie langweilig! E-n inü 45 Jahre veiflössen. In England und in Amerika sind i'iinf Millionen Juden — eine Million in England, vier in Amerika — die englisch-amerikaraschen Juden haben sich vereinigt und ihr Oberhaupt ist der Chiefrabbi von London, der „aber ein gebürtiger Amerikaner ist". In Rumänien geht es den Juden gut, da dieses Land unter Kuratel gestellt und von den Signatarmächten am Berliner Kongresse gezwungen wurde, die Juden zu emanzipieren. Arme Juden, die auf diese Weise ein menschenwürdiges Dasein führen wollen. Natürlich ist die zionistische Idee gescheitert, aber dafür ist die Allianz in ihrer höchsten Blüte. Um jedoch den Zionisten nicht alles zu rauben, lässt unser Zukunftsseher ihnen etwas, u« zw. die Kolonien in Uganda, die er „Israelia" nennt,und —ogütigerHimmel — und die Kolonien im Sudan, noch zwei in Tibet (!). In diesem letzteren Lande fühlen sich die Juden sogar recht wohl weil die Lamas Nachkommen der zehn Stämme sein sollen. Natürlich, wer stammt denn nicht von diesen gottseligen zehn Stämmen? „Ma d'rachmono owid l'taw owid", sagt der Talmud, was Gott tat, hat er zum Wohl getan. Diese Zerstreuung der zehn Stämme ist wirklich ein Glück. Und wenn wir dereinst in Ost- oder Westafrika mit den Negern oder ähnlichen Völkerschaften in Berührung kommen sollten, so wäre es uns ja auch nicht schwer, stammen ja auch diese gewiss von den zehn Stämmen ab, im Notfalle lässt es sich auch mit einem Bibelvers beweisen. Und um auf den Traum unseres wackeren jüdischen Spiessbürgers zurückzukommen, wird dann die Dominante unseres Lebens die Religion sein. Am Samstag werden die Synagogen voll sein. Die leitenden jüdischen Männer und Frauen werden streng orthodox sein — ein Seitenhieb für die jetzigen jüdischen Notabein — eine Herde und ein Hirt. In Irland haben die braven Iren eingesehen, dass man die Juden nicht totzuschlagen braucht, und diese schmarotzen dort in Frieden. Kurz — wozu noch weiter dieses eintönige Bild weitermalen! Eine Idylle, Schaf und Löwe auf einer Weide. Ein Paradies, Messiaszeiten. Und die Juden haben endlich auch eingesehen, dass „sie Zeugen der ganzen Welt sein müssen und nicht in einem kleinen Staat in Westasien sieh einschliessen dürfen*. Ich habe diese nach allen Richtungen unbedeutende Aeusserung eines satten Bourgeois so ausführlich behandelt, weil sie mir als ein Symptom, ein Charakteristiken des jüdisch-kleinbürgerlichen Geistes erscheint. Früher kamen sie nicht zu Worte, früher wagten sie nicht aufzutreten, wei! der Nimbus des Zionismus ihnen imponierte, sie im Banne hielt. Der Territorialismus hat si« ermutigt. Der Schritt von Ostafrika nach Lhassa ist nicht weit. Und eine „Israelia" anstatt des stolzen, grossen, schönen Traumes von Zion — eine armselige jüdische Kolonie, botmässig, durch und durch unjüdisch — das ist den Spiessbürgern verständlich, begreiflich, zugänglich. Und was kümmern sie die tieferen Fragen, die höheren Geistesbedürfnisse, der grosse seelische Kampf, das Ringen nach Erkenntnis, nach Selbsterkenntnis, die ganze Tragik des modernen Juden? Was ist ihnen Hecuba? Sie haben keine Ideale in der Gegenwart und keine in der Zukunft. Und ihre Utopie sieht so öde aus, dass, wenn man bloss für einen Moment sich vorstellen wollte, es werde tatsächlich dazu kommen, man sich wahrlich beneiden würde, dass man in der Gegenwart lebt, in der Zeit der grossen Leiden, aber auch der grossen Träume. Es ist ein Paradoxon und ich wage es auszusprechen — lieber ein Leben voll Leiden mit schönen Aussichten, mit einem Glauben an die Zukunft, als ein friedliches Dasein eines „Zeugen unter den Völkern". Richter oder Angeklagter, Hammer oder Amboss muss man sein — aber nur kein Mittelding. Wir waren lange genug „Zeugen", es wird die Zeit kommen, wo wir selbst eingreifen werden. Und einzugreifen ist schwer. Ich lese da i i einer italienischen Zeitung „II Momento" einen Brief ais Livorno. Italien ist ein freies Land, eines der freisinnigsten in Europa. Für die Juden ein Paradies* Nun werden jetzt in Italien neue Wahlen ausgeschrieben Die Regierungspartei agitiert für ihre Kandidaten, die Gegner bekämpfen sie. Und im „Momento" lesen wir: „In Livorho wird die Regierung den Advokaten David Cassuto gegen den ausscheidenden Republikaner Marzocchini unterstützen. . Der Commendatore (entspricht ungefähr dem Titel Hofrat) Gassuto ist ein Israelit und ein Freimaurer und ist auch Mitglied des höchsten Rates der 33 . . . Ich will gewiss nicht Antisemitismus treiben, aber .. . die Kandidatur Cassutos wäre ein Hohn für die Volk^partei. Cassuto ist nämlich wetig erwünscht in Livorno als Vertreter, weil er ein Jude ist. Livorno hat für die Juden nie zuviel Sympathie empfunden . . Im Gegenteil!" Diese Worte des italienischen halbklerikalen Blattes zeigen uns zur Genüge, was wir zu erwarten haben, wenn die klerikale Partei in Italien gestärkt wäre. Und es ist ja nicht ausgeschlossen. Und wenn auch nicht, das Dilemma bleibt immer dasselbe. Entweder bleiben wir Juden, wirkliche, kultursch äffen de, selbstherrliche Juden, dann sind die Wege zur Entwicklung und Machtentfaltung im Golus uns verschlossen, oder wir wollen zur Geltung kommen, wir wollen uns ausleben, dann müssen wir das Judentum aufgeben, es innerlich überwinden. Beides zusammen ist nicht möglich. Und keine Verquickung, keine Halbtaten werden dieses Dilemma lösen helfen. Und auch der Territorialismus, der von allen Assimilanten so gern akzeptiert wird, wird zur Lösung der Frage nichts beitragen. Wo ein Ideal fehlt, wo kein Lebensziel vorhanden, ist eine Zukunft unmöglich. Ich bin unversehens auf den Territorialismus zu sprechen gekommen. Es ist eine sehr wichtige Frage, die trotz der zahlreichen Erörterungen bisher noch nicht erschöpfend behandelt wurde. Aber davon ein andermal. cor. Das jüdische Intelligenzproletariat in Oesterreich. i. Es ist das alte Lied vom glänzenden Elend, welches sich hinter lockenden Diplomen und täuschenden Titeln verschämt verbirgt. Das, traurige Kapitel von der Ueberproduktion an akademisch Gebildeten, von ihrer sozialen Deklassierungund Zwitterstellung ist durchaus nicht gerade der jüdischen Intelligenz eigentümlich. Die „Reservearmee" eines überschüssigen Intelligenzproletariats gehört zu den sozialen Phänomenen der neuzeitlichen kapitalistischmilitaristischen Herrschaftsepoche und wächst mit Notwendigkeit aus dem krassen Missverhältnisse zwischen Erwerbsgelegenheiten und der Zahl*) der Studierenden, zwischen Einkommensmöglicbkeit und Lebenshaltung hervor. Während die kontinentalen Staaten dank ihrer militärischen Organisation und Belastung für das Gedeihen und bedenkliche Anwachsen eines geistigen Proletariats den üppigsten Nährboden bilden, bleiben England und Amerika zufolge ihrer ungeheuren industriellen Entwicklung und weil ihr Militärwesen die steigende Vermehrung solcher *) Beider diesjährigen Rektorsinaugüiatioh an der Wiener Universität sprach der abtretende Rektor auch über die Frequenzverhältnisse dieser Universität. Die bemerkenswerten Ausführungen lauten nach dem von den Wiener Blättern gebrachten Auszuge : „Bücken wir auf die Frequenzzahlen zurück, so fällt vor allem auf die sehr hohe Fn quenz an der juridischen und philosophischen Fakultät gegen die niedrige an der medizinischen. Sicherlich deute die hohe Hörerzahl an der juridischen und philosophischen Fakultät auf eine falsche Beurteilung der tatsächlichen Verhältniese hin. Um zuerst von der juridischen Fakultät zu spiechen, so sei in den Berufsarten, zu denen sie den Zugang eröffne, schon seit längerer Zeit ein Ueberfluss an Kräften vorhanden. Ein Unterkommen oder gar rasches Fortkommen