Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 44 flbie # weit" Seite 3 doch auch hierbei gerade eine zionistische Opposition ein, die die Bemühung um Regierungszustimmungen für einen taktischen Fehler hält. Das Für und Wider dieser Frage aufzurollen, ist hier nicht der Ort. Jeder aber, der die zionistische Politik der letzten Jahre verfolgt hat, weiss, dass es unserer Leitung immer um Regierungszustimmungen zu tun war. Darnach kann nur Lesart 4 : II richtig sein. . Es ist anzunehmen, dass, nachdem diese Fassung vom Kongress angenommen war, sie telegraphisch nach Wien gemeldet wurde und, wie das doch bei einer Depesche leicht möglich ist, unterwegs das „entt von „Regierungszustimmungen8 verloren ging. Die Einzahl kann auch durch einen ganz simplen Druckfehler entstanden sein. Sollte später irgendwo das Baseler Programm abgedruckt werden, so wurde der Wortlaut nach der „Welt" wiedergegeben, von dem man doch annehmen konnte, dass er authentisch sei. Als dann das Protokoll erschien, fiel dieser an sich kleine Unterschied nicht weiter auf. Als später in Berlin die Broschüren erschienen, auf deren Umschlag das Baseler Programm stehen sollte, fiel dem mit der Redaktion betrauten Gesinnungsgenossen wohl das schlechte Deutsch der Lesart. 4:1 auf — denn das „die" des Relativsatzes kann unmöglich auf „Schritte* zurückbezogen werden — und er korrigierte: aus dem Relativsatze „die nötig sind* wurde „welche nötig ist". Er dürfte sich kaum der Tragweite seiner Aenderung bewusst gewesen sein, da ihm Lesart 4 : II sicher unbekannt war. So ist die Entstehung von Lesart 4 : III zu erklären. Ganz sonderbar und unzweifelhaft falsch ist Lesart 4: IV, bei der der Relativsatz auf „Erlangung" zu beziehen wär8. Solch schlechtes Deutsch ist dem Verfasser des Baseler Programms nicht zuzutrauen, zumal — Max N o r d a u als Verfasser gilt. Aus diesem Grunde liegt es auch nahe, anzunehmen, dass der in der Nordau'schen Broschüre „Der Zionismus" abgedruckte Wortlaut des Baseler Programms der richtige sei. Dennoch wäre möglich, dass Max N o r d a u sich vielleicht die Mühe des Abschreibens dieser anscheinend feststehenden Druckzeilen erspart haben könnte, sie vielmehr irgendwoher ausschnitt und so in das Manuskript einfügte. Ich habe mich darum an Max Nordau selbst gewandt und von ihm die ausdrückliche Erklärung erhalten, dass der in seiner Flugschrift „Der Zionismus" angegebene Wortlaut des Baseler Programms der „allein richtige* ist, also auch Lesart 4 : II. Infolge dieser Erklärung Max Nordaus kann aber auch für Punkt 3 nur Lesart 3 : II richtig sein, wenngleich diese nicht mit dem offiziellen Protokoll des I. Kongresses übereinstimmt. In diesem Fall ist indes ohne Bedenken - Max Nordau mehr Authentizität zuzugestehen als dem offiziellen Protokoll. Grade das Protokoll des I. Kongresses ist kein stenographisches und lässt auch sonst an Genauigkeit manches zu wünschen übrig. Den Referenten, so auch Nordau, wurden Korrekturen des Druckes nicht vorgelegt, diese konnten also Unrichtigkeiten und Entstellungen nicht beseitigen. Das Resume' meiner kleinen Untersuchung, die ich für um so notwendiger hielt, als vielleicht in späterer Zeit unter erschwerenden tfmständen das Richtige kaum noch festzustellen gewesen wäre, ist also, dass Punkt 3 und 4 unseres Programms lauten: „3. Die Stärkung und Förderung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewusstseins. 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmungen, die nötig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen.* Es ist nun dringend zu wünschen, dass kein anderer Wortlaut in Zukunft gedruckt und verbreitet würde. Vom Wege.*) VII. Kennen Sie Wells? Nein! Wells ist ein englischer Jules Verne. Ein Phantast, ein Träumer, der sich im Ungeheuren, Extradimension alen gefällt, der~sich nicht mit dem engen Rahmen der Wissenschaft und der Gegenwart begnügt. Aber zugleich ein Denker und Seher. Wells hat einmal einen Roman geschrieben, worin er die Zukunft der Menschheit, der sozialen Struktur der Gesellschaft schildert. Und um die Zukunft zu schauen, hat er eine Zeitmaschine erfunden, Sie drehen die Kurbel der Maschine und wie die Welt aus dem Urchaos, entstehen Welten vor Ihren Augen» Sie drehen nach rückwärts und Sie können Zeuge sein, was sich vor dem Aufkommen unseres armen Menschengeschlechtes zugetragen hat, Sie können Augenzeuge sein der chaotischen Natur, des Werdens, aus dem sich noch kein Sein herauskristallisiert hat« Sie drehen die Kurbel nach der anderen Seite und die Zukunft, die ferne, unnahbare, unvorstellbare, ersteht vor ihnen wie lebendig. Was Wells gesehen hat, war, was er zu sehen vermochte — un d niemand kann aus seiner Zeit, niemand aus seiner Haut heraus. Plato hat seinen Zukunftstraum vom Stardpunkte des athenischen Aristokraten geschrieben. Campanella, Morus, Bacon, alle Utopistec, alle Zukunftsmaler haben nur ihre Ideale von der Gegenwart in die Zukunft verlegt oder, wie man sich .philosophisch" ausdrückt, hypostasiert. Auch in der letzten Zeit haben wir solche Utopien entstehen gesehen. Und die waren unsere Träume, unsere Ideale. Bellamy, Hertzka,in allerneuesterZeitMereschkowsky sind die Utopisten unserer Zeit. Auch wir Juden haben solche Utopien gehabt. Utopien in dem Sinne, wie ich es früher angedeutet habe. Utopien in gewissem Sinne waren: „Daniel Deronda", „Tankred" und eine der schönsten Utopien war — ich bitte mich nicht misszuverstehen — „Altneuland". Es waren die Wünsche eines Volkes in poetische Formen eingekleidet, ein Vorgreifen der Geschichte, eine „Antizipation", wie Wells sagt. Ob die Geschichte dem Plane rechtgeben wird, ist eine andere Frage — der Wille ist da, der Wille zur Zukunft. Von antizionistischer Seite haben wir bisher keine Utopien gehabt. Die Sozialisten haben ja ihre Theorie des Aufgehens im Zukunftsstaate der Menschheit und brauchen keine spezielle jüdische Utopie* Und die bourgeoisen Assimilanten? Ja, aber kann denn jemand einen Wunsch, ein Ideal haben, dem das Nichtsein, der Tod das heissersehnte Ziel ist? Hat der buddhistische Hindu eine Utopie? Für ihn heisst Zukunft Nichts. Und das ist auch bei unseren Assimilanten der Fall. Sie wollen als Juden sterben, sie wollen aufgehen, vergessen, dass sie je Juden waren. Aber diese rabiaten Assimilanten sind nicht besonders zahlreich. Zwischen ihnen und den Nationaljuden gibt es noch eine Zwischenstufe. Das sind die jüdischen Kleinbürger, die Juden, die am Judentum noch hängen, die sich von ihm nicht befreien können, noch es wünschen. Diese Judenklasse, deren Ideologen die Rabbiner, die Missionsträumer sind, haben wohl ihre „Philosophie", ihre zugeschnittene Theorie, aber noch keine künstlerische Darstellung, keine Utopie. Und da stosse ich zum ersten Male auf einen derartigen Versuch, ein wenn auch schwach skizziertes, wenn auch nur flüchtig und geistlos entworfenes Zukunftsbild. Es ist ein Vortrag von Mr. Frederie S. Franklin, dem Präsidenten der „WestEnd Jewish Literary Society", der im „Jewish Chronicle" unter dem Titel „A glimpse of Jewry in 1950" (Ein Blick auf das Judentum imJahre 1950) erschienen ist. Der jüdische Kleinbürger malt sich die Zukunft aus. *) Vide „Die Welt« Nr. 39.