Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite I „bie # Weit" Nr. 44 rückkommen,, denn die Meinung des Herrn. Reichskanzlers^ wenn sie autentisch ist, beruht auf absolut falschen Informationen. Der „Neuen Freien Presse" aber wollten wir sofort dienen. Der Gedanke an Dr. Herzl bändigt jedoch unsere erregten Gefühle. Er hinderte den Kampf gegen, dieses Blatt, wo immer er konnte. Es kamen Heissporne: aus der Partei, die in Versammlungen gegen dessen System sprechen wollten; er verhinderte es, ohne sich mit dem Blatte zu identifizieren. Man hatte ihm Millionen zur Verfügung gestellt, um eine Zeitimg gegen die „Neue Freie Presse" zu gründen, er hätte gerne eine vornehme Tageszeitung geleitet, er stellte aber immer die Bedingung, seine Arbeitsgenossen nicht bekämpfen zu müssen. Noch immer kann man. in Oesterreich Geld und Zulauf f inden, wenn man sich als Gegner der „Neuen Freien Presse" konstituiert. In unserem Gedächtnisse und in seinen zurückgelassenen Denkwürdigkeiten findet sieh genügend Material, um jeden Angriff wuchtig zurückschlagen zu können. Aber wir denken daran, dass wir die Erben Theodor Herzls sind, des feinfühligsten und vornehmsten Journalisten, der je* in Wien die Feder geführt hat, und das stillt unsere erregte Empfindung. Wir sind in seiner Seele zu stolz, die „Neue Freie Presse" um Förderung seines nachgelassenen Werkes zu bitten, sich des armen, gedrückten Judenvolkes anzunehmen. Sie hätte Gelegenheit gehabt, durch redliche Diskussion des zionistischen Programmes, durch unparteiische Notizen aus dem Leben unserer Organisation sich den Dank von Hunderttausenden zu erwerben und den Geist Herzls zu versöhnen. Sie hat es unterlassen und wir werden sie nie wieder mit den Angelegenheiten des jüdischen Volkes belästigen. Was wir aber ernsthaft erwarten, ist, dass ihre jüdischen Herausgeber ruhig weiter zusehen, wie ein zertretenes Volk — „Schnorrer" nennt sie Herr Sigmund Münz — sich organisiert und in der Selbsthilfe Erlösung sucht. Diesen Eat sollte man in der Fichtegasse sehr wohl beachten. Denn, schreitet die Bewegung vorwärts, dann kann es leicht geschehen, dass wir die „Neue Freie Presse" vor dem Eifer der Massen nicht mehr schützen können, und sollte uns durch ihre Wühlerei Abbruch geschehen, dann wird die Wut der geknechteten Massen, der Hass, der um ihre Hoffnung betrogenen armen Juden sich gegen sie kehren und der Name dieses Blattes im Judentum verfehmt sein für alle Zeiten. Wir wissen ganz genau, mit welchen Gefühlen die Herren den steigenden Einfluss Dr. Herzls verfolgten. Nun scheint sich in der Fichtegasse die Tragikomödie vom toten Löwen abzuspielen. Man sollte aber nicht vergessen, dass der tote Theodor Herzl viel stärker ist und noch weit gefährlicher werden kann als der lebendige. Hazioiii Zur Organisationsfrage. Das Baseler Programm. Von Hugo Schachtel, Breslau. Man sollte es kaum für möglich halten, dass, nachdem erst sieben Jahre seit Formulierung des Baseler Programms verstrichen sind, der Wortlaut desselben scheinbar nicht sicher feststeht. Und das nicht von heute und gestern; schon kurz nach dem ersten Kongresse waren die Lesarten schwankend. Nicht der Leitsatz, der allerdings auch eine Zeitlang, sogar ganz offiziell, anders angegeben wurde, als ihn der Kongress beschlossen hatte. Das war aber nur eine damals für notwendig erachtete offizielle Interpretation. Jetzt ist er im Organisationsstatut festgelegt: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Leider begnügt sich das Organisationsstatut mit diesem Leitsatz und sagt nichts von den „Mitteln, die der Kongress zur Erreichung dieses Zieles in Aussicht nimmt* und die doch auch zum offiziellen Programm gehören, von ihm untrennbar sind, deren Abänderung genau ebenso eine Programmänderung bedeuten würde, wie eine Aenderung des Leitsatzes. Der Wortlaut dieses Programmteiles steht aber nicht ganz fest. Punkt 1 und 2 werden überall in gleicher Weise angegeben: »1. Die zweckdienliche Förderung der Besiedelung Palästinas durch jüdische Ackerbauer, Handwerker und Gewerbetreibende. % Die Gliederung und Zusammenfassung der gesamten Judenschaft durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach Massgabe der Landesgesetze.* Dagegen schwanken die Lesarten für Punkt 3 und 4 und mir will scheinen, dass dies insbesondere für Punkt 4 nicht belanglos ist. Das Programm wurde zuerst in der „Welt** vom 3. September 1897, Nr. 14, Seite 12, veröffentlicht. Da heisst es: „3. Die Stärkung und Förderung des jüdischen Volksgefühis und Volksbewusstseins. [Lesart. 3:1.] 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmung, die nötig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen.8 [Lesart 4 : L] Dieselbe Fassung bringt der damals in Berlin erschienene „ZionB, anscheinend der „Welt* nachgedruckt, in Nr. 9, Seite $62, Oktober 1897, Ende 1897 erschien das offizielle Protokoll des ersten Kongresses. Hier finden wir für 3 dieselbe Fassung, dagegen lautet: ,4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmungen, die nötig sind, um etc. . [Lesart 4 : IL] Der Umschlag des „Zion" Jahrgang 1898 bringt 4 in Lesart I, dagegen lautet: „3. Die Stärkung und Förderung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewusstseins.* [Lesart. 3 : IL] Diese zweite Lesart für 3 bringt auch der Kölner Volkskalender für 5659, ferner die Flugschrift „Der Zionismus* von Max Nordau sowie die von der Berliner Zionistischen Vereinigung 1902 und später herausgegebenen Broschüren. — Diese B er Ii n er Broschüren schreiben Punkt „^Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmung, welche nötig ist um4 u. s. w. [Lesart. 4 :IIL] Ein 1902 in dem offiziellen Organe der zionistischen Vereinigung für Deutschland, „Jüdische Rundschau*, erfolgter Abdruck des Baseler Programms bringt eine weitere Lesart: 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmungen, welche nötig ist, um u. s. w. [Lesart, 4: IV.] Max Nordau bringt in seiner Broschüre Punkt 4 in der Fassung des offiziellen Protokolls, also Lesart 4:11. Es ist nun zu bedenken, dass es ganz und gar nicht dasselbe ist, ob bei 4 die Rede ist von einer zu erlangenden „Regierungszüstimmung* oder von den zu erlangenden „Regierungszustimmungen". Das eine oder andere bedeutet eine ganz verschiedene zionistische Politik. Setzt