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Die Welt · 1904-10-28 · 44 (28.10.1904) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Er konnte Unbekannte dem Ruhme zuführen*und Berühmtheiten stürzen; nur eines brachte er nicht fertig, dass die „Neue Freie Presse" das Wort „Zionismus" abdruckte. Der Zionismus war verfehmt in den Spalten dieses Blattes, dem Theodor Herzl als schöpferische .Kraft angehörte. Der Vater des modernen Zionismus musste es „tragen sieben Jahr", dass in dieser Zeitung seine starke Herzen sncigung, sein Lieblingskind, die grosse Hoffnung seines Lebens totgeschwiegen wurde. Theodor Herzl wurde in Palästina von Wilhelm IL dem deutschen Kaiser empfangen; die sonst so wohl informierte „Neue Freie Presse" wusste nichts davon. Theodor Herzl wurde vom Kalifen in. Konstantinopel mit Auszeichnung behandelt; die „Neue Freie Presse" schwieg vorerst, endlich, nachdem die Nachricht durch alle Blätter gezogen war, musste sie. mitteilen, dass der Sultan ihrem Redakteur einen hohen Orden überreichthatte. Theodor Herzl, der Jude, der Zionistenführer, erhielt von Russlands allmächtigem Minister von Pleh'we denkwürdige Zugeständnisse in der Judenfrage; die „Freie Presse" verschwieg es. Theodbr Herzl kam nach Rom, wo er an beiden Höfen ausgezeichnet wurde. Alle Zeitungen meldeten, dass ihn der König von Italien mit Liebenswürdigkeit überhäuft hatte, dass Pius X. und sein Staatssekretär Mery del Val das zionistische Programm voljl Teilnahme entgegengenommen. Es war der erste Fall, dass das Oberhaupt des Katholizismus sich in einer Judenfrage von einem Juden informieren liess; die „Neue Freie Presse" wusste nichts davon. Jene, die mit Theodor Herzl diesen Weg des Kampfes und des Sieges gegangen sind, sie wissen, wie er unter dieser Totschweigetaktik gelitten hat. a Dann kam der fürchterliche 3. Juli und, jene schauerlich erhebende Zeit, da ein Volk an Herzls Sarge trauerte. Nuii: musste auch die.„Neue Freie Presse" melden, was alle Welt wusste, dass ihr Redakteur Theodor Herzl ein Volksmann gewesen sei, den viele Fürstenhöfe Europas wegen seiner Hingabe an das jüdische Volk achteten und schätzten. Doch nein, sie verschwieg auch das sehr geschickt. Sie notierte fleissig alle Kondolenzen in ibrem Blatte, sonnte sich im Lichte dieser fürstlichen Teilnahme am Tode ihres Redakteurs, aber kein Wort verriet, dass dieser Weltruf Herzls*'durch den Zionismus entstanden sei. Unter dem Strich jedoch bekam der Gedanke, dem Herzl gedient hat, einen Rippenstoss. Herr Wittman hatte diesen Auftrag übernommen. Er hatte auch sehr hübsch ausgeführt, dass Herzl wahrscheinlich im Dienste einer Utopie sich aufgerieben habe. Schon damals hätte-man antworten müssen. Denn wir wissen, was Herzls tiefstes Leid gewesen ist, wir wissen, wie sein Herz sich zusammenkrampfte, wenn er das Tor des Hauses Fichtegasse Nr. 11 durchschritt, wie er sich vor all seinen Freunden schämte, dass er von seinem Blatte totgeschwiegen wurde. Er hatte von Jahr zu. Jahr, von . einer Epoche zur andern vergeblich gehofft, dass sich der Sinn der Herren wandeln werde. Es war ein jahrelanges, zähes Eingen um den moralischen Wert, um die Festigkeit des Charakters, um das innere Leben. Man wollte ihm den Zionismus untersagen. Wir kennen die Antwort, die er für dieses Ansinnen hatte. Seelisch war er der Stärkere; körperlieh und finanziell sind die Herren Herausgeber der „Neuen Freien Presse" Sieger geblieben. Herzl ruht im Grabe und nun wird über den Zionismus geschrieben. Herr Sigmund Münz hat in einem Feuilleton ablehnende Urteile des deutschen Reichskanzlers, des Grafen Bülow, veröffentlicht, An jener Stelle, die Herzl durch so viele Jahre vor .Geschmacklosigkeiten bewahrt hat, verbreitet sich ein diplomatischer Reporter über das Lebenswerk dieses grossen Mannes und er sucht es, gedeckt durch die Autorität eines Staatsmannes, der ja doch nicht dementieren wird, zu schädigen. Welch unwürdiges Schauspiel'! Wir sind überzeugt, dass an diesem Tage in der Redaktion der „Neuen Freien Presse" sich viele Mitarbeiter geschämt haben. In einem in diesem Blatte vor kurzem erschienenen Artikel wurden diese Aussprüche des Reichskanzlers widerlegt. Und wir werden nochmals darauf zu-

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