Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 bis # W^lt" Seite 13 Das Buch von den Juden in Russland. Von J, Turoff-Berlin. Nach einer beängstigend langen Periode literarischwissenschaftlicher Unfruchtbarkeit können wir endlich über das Erscheinen eines neuen bedeutsamen Buches berichtm. Schon allein diese Tatsache selbst, noch mehr aber der Inhalt des Buches, das ein neues, bisher nur sehr vereinzelt und sehr schüchtern betretenes Gebiet bearbeitet, zeugt davon, dass von einem Nachlassen der geistigen Kräfte nicht die Rede sein kann. Unsere rings von Feinden umgebene Stamrnesgemeinschaft sieht sich gezwungen, einen grossen Teil der ihr zur Verfügung stehenden Kräfte, welche sonst für edlere Ziele hätten verwendet werden können, den Feinden entgegenzustellen : die Organisation der jüdischen Wohlthätigkeit, um so die Volksmassen besser vor der drohenden Proletarisierung schützen zu können, unsere Emigrations¬ und Kolonisationspolitik, die Abwehrbewegung, kurz der ganze Kampf gegen den Antisemitismus mit allen seinen unmittelbaren und mittelbaren Folgen absorbieren unsere besten Kräfte, so dass für andere als sozialpolitische Bestrebungen nur sehr wenig übrig bleibt. Es ist gewiss beklagenswert, dass die Juden aus ihrem beschaulichen Dasein gerissen und gewaltsam in das hässliche politische Getriebe gestossen wurden. Nichtsdestoweniger dürfen wir vor der Wirklichkeit, so häuslich ihr Anblick auch ist, die Augen nicht schliessen. Nicht wir haben den Kampf gesucht und nicht in unserem Belieben liegt es, ihn abzubrechen. Wir werden kämpfen müssen, solange es dem Feinde beliebt, und genau so lange wird sich bei uns alles, was um Kopfeslänge über die Masse emporragt, weniger nach innen als nach aussen, weniger auf wissenschaftlichem als auf sozialpolitischem Gebiete zu betätigen haben. Auch die „Sammlung von Material über die ökonomische Lage der Juden in Russland*) ist eine solche sozialpolitische Tat, dazu bestimmt, unser Rüstzeug zu vervollkommnen und dem ersten Postulat eines jeden Krieges, der genauen Kenntnis der eigenen Kräfte, zu genügen. Wir haben diese unumgängliche Forderung bisher in fast unverantwortlicher Weise vernachlässigt. Obwohl wir seit einem Vierteljahrhundert gegen einen übermächtigen Feind zu kämpfen haben, sind wir infolge des Fehlens einer jeden Statistik über Juden und Judentum über den Umfang unserer Kräfte nur sehr mangelhaft unterrichtet. Da sind beispielsweise die Juden Russlands, deren Schicksal uns unablässig beschäftigt und deren Emigration bereits das Leben fremder Völker zu tangieren beginnt. Was wissen wir über diese Stammesgenossen, die mit den von ihnen in vier Weltteilen begründeten Kolonien nahezu dreiviertel des gesamten jüdischen Volkes bilden? Zu unserer eigenen Beschämung müssen wir bekennen, dass wir über sie so gut wie gar nichts wissen! Jeder, der sich mit der Judenfrage in ihrer Totalität befasst, wird bestätigen, wie sehr ihn diese Unkenntnis auf Schritt und Tritt geniert hat und wie jeder von uns durch Sammlung von Zeitungsnotizen und sonstigen nur halbböglaubigten Nachrichten sich zu helfen suchte. Wir tasteten da eben völlig im Dunkeln. Die vorliegende „Sammlung von Material über die ökonomische Lage der Juden in Russland" wirft ein helles Licht in dieses Dunkel. In einem Umfange von mehr als 75 grossen Druckbogen ist eine kaum geahnte Fülle von Material zusammengetragen worden, die das klassische Buch auf Jahrzehnte hinaus zum unentbehrlichen Wegweiser für jeden macht, der sich mit der Judenfrage beschäftigt. *) Sammlung von Material über die ökonomische Lage der Juden in Russland. Herausgegeben von der „Jüdischen Kolonisationsgesellschaft". 2 Bände. St.Petersburg 1904. Die Zahl der Juden, ihre Verteilung über Stadt und Land sowie ihre Wanderung innerhalb des ihnen zugewiesenen Wohngebietes, ferner Zahl und Umfang der jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien, deren Entstehung und weitere Entwicklung, alles das wird dem freudig überraschten Leser nach zuverlässigen Quellen in angenehmer Fülle und wohltuender Uebersichtlichkeit geboten. Ein sehr breiter Raum von 210 Seiten ist für die Juien als Handwerker und ungelernte Arbeiter reserviert und ein weiterer, ebenso umfangreicher Raum den jüdischen Fabrikanten und Fabrikarbeitern gewidmet. Die beiden letzten Abschnitte des umfangreichen Buches befassen sich mit der ethischen Seite des russ sehen Judentums. Einleitend wird auf 18 Seiten in kühler zahlenmässiger Darstellung, die aber durch ihre Leidenschaftslosigkeit um so ergreifender wiikf, ein Bild von der jüdischen Armut entworfen, um dann die zur Milderung dieser Armut bestehende Vereine und Anstalten ausführlich zu besprechen. Der sechste und letzte Abschnitt beschäftigt sich mit den vom jüdischen Volke aus eigener Initiative errichteten und mit eigenen Mitteln unterhaltenen Biiduügsanstalten (Cheders, Talmud-Thoras und Volksschuler;), die unter dem schweren Drucke des russischen Golus weit davon entfernt sind, ein Bild der Vollkommenheit zu sein. Wir müssen uns leider versagen, über das gesamte in dorn Buche massenhaft angehäufte Material an dieser Stelle auch nur referierend zu berichten. Nur die allerinteressantesten Daten, deren Kenntnis für jedermann aus dem Judentum wertvoll sein tnüssten, sollen hier wiedergegeben werden : Die Zahl der russischen Juden belief sich bei der allgemeinen Volkszählung von 1897 auf 5,139.401, von denen 4,874.636=^93,9 Prozent im Ansiedlungsrayon wohnen. Ein Vergleich mit früher stattgehabter Volkszählung ergibt, dass die Juden in Polen in acht Jahren um 16,1 Prozent, die im übrigen Ansiedlungsrayon in 17 Jahren um 22,2 Prozent zugenommen haben. Die nichtjüdische Bevölkeiung des letztgenannten Gebietes weist aber für diese Zeit eine noch weit stärkere Zunahme, nämlich von 26 Prozent, auf. Darnach köante man wohl berechnen, wieviel Juden während der siebzehn Jahre Russlard verlassen haber. Welche enorme Verwüstung die Emigration unter den russischen Juden bereits angerichtet hat, beweist der unverhältnismässig hohe Prozentsatz der Frauen sowie der Männer in noch nicht erwerbsfähigem Alter von unter 20 Jahren, Es kamen 100 Frauen im Gouvernement Wilna auf je 92,2, im Gouvernement Witebsk gar auf je 90 Männer, während bei den Nichtjuden die gleiche Anzahl Frauen auf je 99,4 respektive 99,1 Männer kamen. Im Alter von unter 20 Jahren bilden die Juden die in den Städten des Gouvernements Wilna 58,3, des Gouvernements Witebsk 60,4 Prozent der Bevölkerung gleichen Alters, während der durchschnittliche Prozentsatz der Bevölkerung 53,4 respektive 48,5 Prozent beträgt. Die Juden im minderjährigen Alter sind in den Städten wenigstens verhältnismässig zahlreicher als die n;chtjüdischen Altersgenossen. Umgekehrt ist dagegen der Prozentsatz für erwerbsfähige Altersklassen von 20 bis 40 Jnhren. In diesem Alter bilden die Juden nur 38,6 respektive 44,5 Prozent der gesamten städtischen Bevölkerung. Die starken und erwerbsfähigen Männer verlassen in grossen Scharen die Heimat, während die Frauen und die Minderjährigen zu Hause bleiben. So führt die Emigration die Verschlechterung der ökonomischen Lage der russischen Juden im allgemeinen herbei. Eine eigenartige Zuchtwahl, die dem in Russland verbleibenden Reste der jüdischen Bevölkerung eine sehr trübe Zukunft in Aussicht stellt. Nebst der grossen und sehr folgenschweren Auswanderung findet fortwährend eine starke Verschiebung