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Die Welt · 1904-10-21 · 43 (21.10.1904) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „bis W^lt" Nr. 43 der jüdischen Bevölkerung auch innerhalb des Ansiedlungsrajons selber statt Ein Vergleich mit früheren Volkszählungen ergibt nämlich die hochinteressante Tatsache, dass die Zahl der Juden innerhalb 17 Jahren in den westlichen Gouvernements nur um 7,5, in den mittleren Gouvernements dagegen um 29 3 und in den östlichen Gouvernements gar um 4C.8 Prozent gestiegen ist. Es findet also fortwährend eine innere Emigration statt, wobei sich die jüdische Bevölkerung allmählich von Nordwesten nach Südosten vorschiebt. Wovon leben nun diese Millionen Juden und was treiben sie? Der Beantwortung dieser Frage ist das ganze Buch gewidmet, das gewiss bahnbrechend wirken und gleiche Schriften über die Juden in Galizien, Ungarn und Rumänien zur Folge haben wird. Der uns knapp bemessene Raum gestattet uns nur einige Zahlen ohne allen Kommentar mitzuteilen. Zunächst geben wir die überraschende Tatsache wieder, dass die russischen Juden, denen das Wohnen auf dem flachen Lande untersagt und die Beschäftigung mit der Landwirtschaft somit nahezu gesetzlich verboten ist, dennoch Mittel und Wege gefunden haben, Acker- und Gartenbau zu treiben. Nicht weniger als 200.000 Juden ernähren sich in Russland von der Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte. Von diesen leban 76.000 in 296 Kolonien, wo sie gegen 115.000 Hektar Land bebauen. Der Rest treibt in kleineren Städtchen Gartenbau und Viehzucht oder arbeitet als Knechte im Taglohn. Gegen 780.000 Juden suchen sich ihr kärgliches Brot als Handwerker oder ungelernte Arbeiter zu verdienen, wobei die Zahl der Handwerker allein auf 684.000 angegeben wird. Rechnet man alle Juden im Alter von über zehn Jahren als bereits erwerbsfähig, so ergibt sich, dass nicht weniger als 21^% aller erwerbsfähigen Juden als Handwerker oder Taglöhner arbeiten. Dass bei einer solchen Ueberfüllung das Handwerk keinen goldenen Boden hat, braucht wohl kaum besonders hervorgehoben zu werden und es ist nur bezeichnend für die hilflose Lage der russischen Juden, dass die Zahl der Handwerker seit 1SS7 dennoch enorm, in manchen Städten um mehr als 5%> gestiegen ist. Was sollen die Armen, denen der Staat alle und jede Bewegungsfreiheit geraubt hat, auch sonst beginnen, als immer wieder und wieder zum Handwerk zu greifen! Sollen sie etwa als Fabrikarbeiter ihren Erwerb suchen den Sabbat entweihen und die ganze Woche über von ihren christlichen Arbeitsgenossen gehänselt werden? Die Zahl der jüdischen Fabrikarbeiter ist daher in Russland äusserst gering und dürfte 34.000 kaum übersteigen. Die russischen Juden leben also in ihrer überwiegenden Mehrheit entweder als Handwerker oder als Luftmenschen, ohne jede sichere Grundlage unter den Füssen; dementsprechend ist auch die Zahl der völlig Armen unter inner. Während in Deutschland die unterstützungsbedürftigen Armen 3*3, in England 29 und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika nur 0'14%> der Gesamtbevölkerung ausmachen, haben im Jahre 1898 in Russland nicht weniger als 150.000 jüdische Familien mehr oder weniger unterstützt werden müssen. Gegen 20% aller russischen Juden sind ausserstande, sich ohne fremde Hilfe zu ernähren. Dieser herzzerreissenden Tatsache gegenüber muss jedoch andrerseits konstatiert werden, dass die russischen Juden ihr Schicksal keineswegs stumpfsinnig ertragen. Vielmehr bieten sie alles auf, um die Not zu lindern und die fortschreitende Proletarisierung des Volkes nach Kräften aufzuhalten. Ueber 2000 jüdische Vereine und Woltätigkeitsanstalten arbeiten Hand in Hand mit der in Russland in hohem Grade entwickelten privaten Wohltätigkeit, suchen die verhungernden jüdischen Massen so lange zu unterstützen, bis eines Tages auch im Osten die Sonne der Freiheit aufgehen und dem durch die Maigesetze in seinem Erwerbsleben gehemmten jüdischen Volke in Russland seine Bewegungsfreiheit wiedergeben wird. Sehr interessant ist auch das Schlusskapitel über das jüdische Unterrichtswesen. Von den 696.000 jüdischen Kindern im schulpflichtigen Alter werden 343.000 in 24.500 Cheders, 20.000 in 500 Talmud-Thoras unterrichtet. Dazu kommen 107.000 Kinder, die iu b20 modernen Volksschulen (darunter 183 staatlichen) und 20.000, die in den allgemeinen Volksschulen unterrichtet werden. 200.000 Kinder bleiben ohne jedenjUnterricht. Diese Kinder sind aber nur weiblichen Geschlechtes, da die Knaben für alle Fälle in Cheders und Talmud-Thoras Unterkunft finden. Der Unterricht ist übrigens keineswegs so billig, Das „Chedergeld* beträgt im Durchschnitt 2l/2 Rubel monatlich, und das russische Judentum wendet für die Unterhaltung seiner veralteten Cheders nicht weniger als 11 Millionen Rubel jährlich auf. Mit dieser Summe könnte die gesamte jüdische Jugend in modernen Volksschulen untergebracht werden, wenn nicht äussere und innere Gründe das Fortbestehen der Cheders begünstigen würden. Die Zahl der jadischen Gymnasialschüler belief bich im Jahre 1894 auf 5281 gegen 9582 im Jahre 1881. In 14 Jahren ist infolge der prozentualen Beschränkung die Zahl der jüdischen Gymnasiasten um . 4301 vermindert worden. Weniger verderblich hat dieselbe Beschränkung auf die Zahl der jüdischen Studenten gewirkt. Dieselbe ist trotz aller Aufnahmeverbote von 1232 im Jahre 1886 auf 1757 gestiegen. In Prozenten ausgedrückt, hat aber auch hier eine starke Abnahme stattgefunden, denn das Verhältnis zwischen der Zahl der jüdischen und nichtjüdischen Studierenden ist inzwischen von 14,8 auf 10,9% zurückgegangen. Doch kehren wir zur weiteren Besprechung des uns vorliegenden Buches zurück. Es braucht wohl kaum besonders hervorgehoben zu werden, dass das in dem B uche aufgehäufte enorme Zahlenmaterial nicht von einem einzelnen zusammengetragen sein konnte. Die „Sammlung von Material über die ökonomische Lage der Juden in Russland" ist in der Tat ein Sammelwerk, an dem unter Leitung eines Redaktionsstabes nicht weniger als 1000 Korrespondenten aus allen Teilen des Ansiedlungsrayons gearbeitet haben. Die Konzeption des Buches und die ersten Pläne zu seiner praktischen Verwirklichung wurden 1898 von Emil Mey erson, dem jetzigen Direktor der „Ica" für Rassland und Palästina, entworfen. Auf Grund dieses Entwurfes schritten dann die Herren Bramson, Bjelkowski, Brutzkus, Ettinger, Frumkin, Janowski, Kroll, Posner und Sternberg unter Redaktion der Herren Meyers on5 Bramson, Posner und Janowski zur Ausarbeitung des gesammelten Materials wie der einzelnen Abschnitte, So haben diese modernen Vertreter des arbeitenden Jungisrael in sechs Jahren ein grosses Werk geschaffen und die jüdische Literatur um ein neues Gebiet, das der jüdischen Statistik, bereichert. Nebst diesen schöpferischen Männern hat das Judentum die Schaffung des Werkes der „Icatf zu verdanken, welche seit sieben Jahren bei keinem grossen, das gesamte Judentum tangierenden Unternehmen fehlen zu wollen scheint. Diese Gesellschaft hat bei ihrem umfangreichen Wirken in drei Weltteilen manchen Fehler gemacht und schon oft die Kritik herausgefordert. Angesichts der Schaffung und der Herausgabe des ersten grossen jüdischen statistischen Werkes werden sich wohl selbst ihre schärfsten Gegner mit ihr versöhnen, obwohl an dieser jüngsten hervorragenden Leistung der „Jüdischen Kolonisationsgesellschaft" auch die wohlmeinende Kritik etwas auszusetzen hätte. Die „lcatt hat nach unserer Anseht den Fehler gemacht, das so bedeutsame Buch in russischer Sprache er-

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