Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Die # weit" Nr, 43 beschränkte Gemeindemitgliedsverstand da gar nichts Arges zu vermuten. Selbst die Begründung, „dass man sich vor fremden Ell Aussen schützen mü<setf, kann höchstens naive Gemüter wir Dr. Schächter zur Demission und zum Bruch mit solchen Systematikern zwingen. Aber Antisemitismus? Bewahre. Das gibi's ja gar nicht. . . Und wenn gar der alte Vorstand bleibt, was ist denn dabei, der mosaische Konfessionalismus kann um kein Atom mehr schwächer werden, als er bisnun schon gewesen. Darum, ihr zweibeinigen Zedokobüchsen, schlaft ruhig, der Vorstand wacht für alle. Hat er denn nicht mit mustergültiger Präzision dafür gesorgt, dass von den 160.000 jüdischen Konfessionalisten Budapests beinahe 25.000 an den hohen Feiertagen einen Ort für ihre Andacht finden? Fragt ihn nur nicht: wo? Denn die glücklichen Juden, die unter freiem Himmel im Stadtwäldchen beteten, hatten nicht jenen Ekel zu überwinden, den manches eindeutige Lokal bei den übrigen erregte. Sie hatten -nur am heiligen Tage gegen die englische Missions: krankheit zu kämpfen, die ihre Fangarme nach jenen Armen streckte, deren Synagoge eine Bude im Stadtpaik ist. Die Seelenwerber wurden gehörig durchgeprügelt und die Assimilantenpresse hatte wieder genug Stoff — totzuschweigen . . . Auf diesem Trümmerfelde haben wir nun unsere Fahne entfaltet. Wtr bringen sprühende^ Leben und wirkenden Geist in das chaotische Gewirre, das dem Abgrund zustrudelt. Was Wunder, dass wir nicht so rasch jene Erfolge verkünden können, die unsere Stammesgenossen im Osten verzaichnen. Aber die Symptome d£s Sieges sind vorhanden, denn was Jugend hat und Judentum, sammelt sich in unserem Lager. Es sind nicht mehr die „nochdeutschen" Grenzstädte, die sich uns anschlössen, sondern kernmagyarische Zentren, wie Györ, Nagyvärad, Szombathely etc., wo sich neue Schekelgruppen bilden. Es muss in den Tiefen der ungaiUch-jüdischen Volkssele stark zionistisch gären, wenn Herr Grossberg sich bewogen fühlt, am 7. Oktober mit logischen Waffen, die jedem zionistischen Organ Ehre machen würden, gegen die dem deutschen Reichskanzler in den Mund gelegten Aeusserungen in seinem Blatte zu kämpfen ... Z i o n i. Aus Russland. Petersburg. Der neue russische Minister des Innern Fürst Swiatopolk-Mirsky gewährte einem Redakteur der hiesigen Zeitschrift „Rus^j" eine längere Unterredung, in deren Verlauf die künftige Politik des neuen Ministers den fremden Nationalitäten gegenüber berührt wurde. Der Minister erklärte, dass in der ausländischen Presse die angeblich von ihm herrührenden Aeusserungen über die Nationalitätenfrage entstellt wurden. Sein wahres Verhalten dieser Frage gegenüber kennzeichnete er mit folgenden Worten: „Die Nationalitätenfrage ist ein wunder Punkt, der mit grosser Vorsicht behandelt sein will. Wenn man diese Frage von dem Standpunkte betrachtet, dass es notwendig ist, die Interessen der russischen Bevölkerung zu schützen, so muss man darin ein gewisses Mass beobachten, um anderen Leuten keinen empfindlichen Schaden zu bereiten. So haben wir nicht wenig Bestimmungen, welche den Leuten, auf die sie angewendet wurden, keinerlei Nutzen bringen, und Leuten, auf die sie angewendet werden, grosse Entbehrungen auferlegen.0 In nationalrussischen Kreisen werden diese Aeusserungen dahin gedeutet, dass von einer Lösung der Judenfrage im Sinne der Erwartungen, welche in manchen liberalen Kreisen gehegt werden, keine Rede sein könne. Wilna. Der Zar empfing während der Durchreise auf dem Wilnaer Bahnhofe eine jüdische Deputation unter der Führung des Rabbiners Nemser und des ältesten Geistlichen Kottau. Rabbiner Nemser hielt eine Ansprache an den Zaren, in welcher er unter anderem darauf hinwies, dass alle Völker Russlands jetzt vereint auf dem Schlachtfelde für die Ehre Russlands ihr Blut vergiessen und der Hoffnung Ausdiuck gab, dass diese Einheit und Verbrüderung auch zur Friedenszeit anhalten möge. Der Zar nahm die ihm dargebrachte kostbare Thorarolle freundlichst entgegen und dankte für die patriotischen Gesinnungen der Juden. Petersburg. Die Zahl der Juden, welche gegenwärtig in den Reihen der russischen Truppen in der Mandschurei kämpfen, beträgt nach Angaben des statistischen Amtes beinahe 30.000. Da durch das Gnadenmanifest des Zaren den in der Mandschurei kämpfenden Juden das unbeschränkte Wohnrecht im ganzen Reiche verliehen wurde, ohne dass jedoch dieses auf die Familien diestr Juden ausgedehnt wurde, so wurde der Regierung eine Petition übe. reicht, in welcher für die Verleihung des unbeschränkten Wohnrechtes auch an die Familien der jüdischen Soldaten plaidiert wird. Die Entscheidung darüber ist noch ausständig. Petersburg. Unter Alexander III. wurden bekanntlich den Juden, welche aus Russland auswandern wollten, viele Begünstigungen gewährt, darunter auch Fahrtermässigungen auf den russischen Eisenbahnen. Nunmehr ist, wie der „Regierungsbote* meldet, für jüdische Auswanderer diese Fahrtbegünstigung noch erhöht worden. Jüdische Auswanderer, welche ein Zertifikat der „IcaÄ vor weisen, erhalten nun auf allen russischen Eisenbahnen Fahrkarten dritter Klasse mit einer Ermässigung von 75°/0 des Preises . . . Belostock. Die Zeitschriften 8Sapadnaja Okraina" und „Russj" berichten über einen mehr als charakteristischen Vorfall, welcher sich dies* r Tage im Bahnhofe von Belostock abgespielt hat. Die Einberufungen der jüdischen Aeizte aus allen Städten und Städtchen im NiederJastungfgebiete und die Entsendung derselben nach der Mandschurei haben in letzter Zeit ihren Höhepunkt erreicht. Es werden fast alle jüdischen Aerzte nach der Mandschurei geschickt. Auch der Ordinarius des jüdischen^Spitals zu BeJostock, Ar.'A. Epstein, wurde einberufen. Am Töge seiner Abreise fanden sich viele Verehrer und Kollegen des Dr. Epstein auf dem Bahnhofe ein, um sich von ihm zu verabschieden. Mit Rücksicht auf die grosse (Jeberfüllung der Bahnhofwartesäle begaben sich die Aerzte Pines, Dienensohn und \ W e i n r e ic h zum Vorstand und baten ihn, die Paradezimmer des Bahnhofes für die Abschiedsfeier öffuen zu lassen. Darauf erwiderte "der Vorstand scharf: „Für einen Saujuden werde ich die Paradezimmer nicht öffnen lassen!tf Diesen Satz wiederholte er einigemale. Die medizinische Gesellschaft in Belostock, deren Mitglied Dr. Epstein ist, hat unter Vorsitz ihres Präsidenten Dr. Walther eine ausserordentliche Sitzung abgehalten und beschlossen, den Gouverneur von Grodno von diesem Vorfall zu verständigen und ihn zu ersuchen, für die beleidigte Aerztekorporation einzutreten. Simferopol. Wie der „Krymskij Wjestnik" meldet, ist ein Zirkular herabgelangt, wonach die Juden Koben und Himmelfarb, welche seit 20 Jahren als Mitglieder des Ortsschulrates fungieren, aus der Mitgliederliste gestrichen werden müssen. Die jüdische Gesellschaft fühlt sich dadurch umso mehr gekränkt, als der Gouverneur von Taurien gegen K o h e n und H im m e 1 f ar b nichts eingewendet hatte. Melitopof. Der Kurator des Odessaer Lehrbezirkes h$r, wie die „Petersburgsk'ja Wjedomosti" melden, den vor einigen Tagen gefassten Beschluss des Gemeinderates, in das Kuratorium des Mädchenpymnasiums zwei jüdische Mitglieder zu berufen, annulliert. Er berief sich dabei auf eine Verfügung des Unterrichtsministeriums ... Kischenew. Der letzte Prozess in den Massakers von Kischehew wurde in dieser Woche gegen Kyrill Mar tyn e s c o durchgeführt, welcher den jüdischen Synagogendiener Schmul Ur m a n neben dem Thoraschrein bestialisch ermordet hatte. Urmann büsste bekanntlich sein Leben bei der Verteidigung des Thoraschreines gegen die unreinen Trunkenbolde ein... Der Gerichtshof sprach den Mörder Martynesco völlig fr ei . >. ^ribütK- (Für diese Rubrik ist die Redaktion nicht verantwortlich.) Geehrte Gesinnungsgenossen! Die N.-F.-Kommission erbittet sich sortierte Kollektionen von Marken als auch Sammlungen, ferner wären uns erwünscht Marken mit Ueberdruck aus Palästina, Alexandrien,