Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 43 flbi$ * W$lt" Seite 9 Studenten veranlasste, eine telegraphische Kundgebung an den Autor abgehen zu lassen. Zum Gelingen der Feier trugen viel bei die Gesangsvorträge des Oüerkaniors Herrn Don Fuchs, unseres bereitwilligen Freuades, der stets am Platze ist, wo es gilt, eine zionistische Feierlichkeit mit seiner Künstlergabe zu verschönern. Er trug ein deutsches und ein italienisches Liei vor, nachdem er ein von seinem Schwager Herrn W Schiochet komponiertes hebräisches Lied von J, Rabinowitz nöfi nav 'nn i°nig und verständnisvoll gesungen hatte. Die schönen hebräischen Klänge hatten eine mächtige Wirkung. Da^n sprach, mit stürmischen Applaus begrüsst, der bekannte Freund oder, wie er sich selbst nannte, der Vater der jüdischen Jugend, der immer junge Greis Lektor M. Friedmans Er liebe die Jugend; viele von den hier Versammelten seien seine lieben Schüler, die sich bei seinen Vorträgen jüdische Kenntnisse holten. Er liebe sie wi<^ Kinder und spreche zu ihnen Worte väterlicher Ermahnung. Das Fest der Reife, das die Abiturienten begehen, erinnere an das soeben vom jüdischen Volke begangene FpDKH jn> das Fest der Ernt°, der Ruhe nach geleisteter Arbeit. Das jüdische Volk ist vom Haus aus ein Agrarvolk, dessen Ideal stets war: »Jeder unter «einem Weinstock und seinem Feigenbaum" und dessen Poesie keinesfalls in der Börse wurzelte. Auf die Jugend vertraut unser Volk, dass sie.unsere alten Ideale wieder zur Geltung bringe. Ein Volle des Buches nannte man uns, ein Volk von Studenten, wir wünschen also, dass unsere Studenten Juden seien. Auf das Fest der Ruhe folge das Fest der Kämpfe, der Makkabäersiege. Die Jugend, die das Gymnasium verlässt, tritt in eine neue Schule, in die des Kampfes — nicht mit kl'rrenden Waffen, sondern mit denen des Geistes, der Bildung und der Gesittung, die sie zum Nutzen und zur Ehre ihres Volkes führen möge! (Stürmischer Beifall.) Mit der Vorlesung von Zlocistis Skizze „Jörn Kippur im Walde" von Abiturienten Gr eh er und mit ein«r kurzen Ansprache des Ingen. Benjamin (Odessa) schlo^s der schöne Abend der jüdischen Abiturienten Oesterreichs, der auf die Anwesenden einen überaus angenehmen Eindruck machte. Wir wollen hoffen, dass die auf demselben geschöpfte Begeisterung eine dauernde sein wird. K—rg. Brief aus Ungarn. Als vor einiger Zeit unsere Dunkelmänner (die grössten der Grossen mach Mainzer Kommentar) das berüchtigte Anathema in die» Welt husteten und mit Emphase an alle Tore den apodiktischen Befehl ergehen Hessen, sich vor dem Gift der zionistischen Idee im allgemeinen und des Misrachi im besonderen zu verrammeln, da musste in jedem menschlich fühlenden Gemüt der Zorn gegen solche jüdische Verhältnisse sich regen, für die ein solch wundertätiger Jungbrunnen wie der Zionismus nichts als Moderduft und Pestilenz bedeutet. Dort müssen selig süsse Sphärenharmonien verklingen, sagte sich der gesunde Logiker weiter, wo das Lied von der jüdischen Hoffnung nichts als missnautiges Unbehagen und katzenjämmerliche Ernüchterung zu erwecken imstande ist. Wir, die wir zwischen den rotweissgrünen Grenzpfählen das blauweiss.e Banner aufgerollt haben, wissen aber nur zu gut, dass wir als Grund für diesen Kampf mit Messer und Mord nicht die überschäumende Kraftgenialität der magyarischen Judenheit, die sich durch uns in ihrem Wege nach oben gehemmt sieht, zu suchen haben. Diese hat, wenn sie je vorhanden war, sich im Kampf ums Dasein längst verblutet. Das Motiv für diese Abwehrbewegung ist vielmehr in jenem Krankheitsprozesse zu finden, der in seiner Zersetzungsarbeit durch unser scharfes Schwert aufgehalten wird. Die schlaffen dolce far niente-Juden finden sich aus ihrer blöden Lethargie, aus dem dumpfen Geträume gerüttelt; unsere Sfrra'hlengarben blitzen ihnen ins Gesicht, darum das wüste Gepolter der desorganisierten Heulsarmee mit all dem rauchlosen Gepulver gegen uns* Es ist leicht zu begreifen, dass sich die bisherigen Vordenker und Schlagwortpräger der ungarisch jüdischen Masse nicht ohne weiteres aus dem durch Tradition geweihten Okkupationsgebiete drängen lassen/ Mit instinktiver Gewalt verkrampft sich der alte Geist in die alte Phrase: dass es in Ungarn keinen Antisemitismus gebe, und wiederholt die so oft, bis er selber daran glaubt. Was bedeuten dagegen die Tatsachen der Judenreinheit des Landeskasinos, der Verbindung der Hochschüler gegen] jüdische Kommilitonen, die Würgengel der Konsumgenossenschaften, die das jüdische Wirtschaftsleben zutode hetzen, und das Lynchen eines armen Ariers, der nicht rasch genug dem judenfeindlichen Mob im Arväer Komitat den antisemitischen Stammbaum seiner krummen Nase demonstrieren konnte. Onkel Straus hat in weitpolitischer Voraussicht den Antisemitismus wegdisputiert und seine Handlanger können, was er sagt, bemeineiden . . . ♦ Nun sollte man denken, dass in unserer Heimat der zweiköpfige Konfessionalismus, der in gesonderten Organisationen seine grossen Ziele verfolgt, sein goldenes Zeitalter lebt. Aber leider auch hier nichts als grosse Negative bei beiden Fronten. Die Herren, welche im Misraehismus, in der internationalen Organisation der Gesetzestreuen von ihrem konservativen Gesichtspunkte aus die Gefahr für das Heiligste des Judentums erblickt haben, müssen es sich vom ehrenwerten Redakteur der „Allgemeinen jüdischen Zeitunguasagen lassen, dass sie für die vitalsten Interessen der Orthodoxie seit dreissig-Jahren keinen Finger gerührt haben. Sie, die mit ihrer kolossalen Spürnase in den Pressburger Misrachisten samt und sonders Ketzer rochen, weil sie sich gegen einen Iuquisitionsparagraphen rohester Prägung wehrten, können es nicht einmal durchsetzen, dass in Salgo Tarjäa der orthodoxe Gemeindevorsteher, der seine Tochtei, damit sie den Bürgerschulprofessor eheliche, zur Taufe führt, von der Spitze des Gemeinwesens verschwinde. „Es dürfte heute — morgen", beisst Herr Grossberg weiter, „der Kaplan selbst orthodoxer Rosch hakohol sein!" Vom Mangel der Lehrerbildungsanstalt, die doch das Lebensprinzip des jüdischen Konfessionalismus ist, und von dem Heranzüchten eines schwindsüchtigen Bettelmönchordens aus den jugendlichen Idealisten, die ihr ganzes Sein der orthodoxen Idee opfern, will ich schweigen, und als Charakteristikum für dieses Milieu nur anführen, dass einem Rabbiner seine grossen Fehler: Latein, Mathematik, Deutsch und Philosophie zu kennen, vorgehalten wurden, die nicht imstande seien, den einen Vorzug, keine Ahnung vom Ungarischen zu besitzen, wettzumachen. Nehmen wir die Antipoden unter die Lupe, dann wird das Bild noch trauriger; denn ihrem mosaischen Konfessionalismus fehlt der alleinseligmachende jüdische Grundton. In ihren grandiosen Institutionen erklingen nur schaurig-schöne Funeralien zum Untergang altjüdischer Herrlichkeiten. Es kam so weit, dass die Wortführer bei der Erwähnung einer, wenn auch nur „ungarisch-jüdischen Allianz", wie sie Dr. Bernstein anregte, von einer Lähmung befallen werden, als ob sie ins Gorgonenhaupt starren würden, aus dem der Antisemitismus mit tausend Dolchen blitzt. Und doch herrscht eitel Triumphgeschrei und Siegessang darob, dass Alexander der Grosse, Ungarns grösster Denker jüdischer Konfession, nicht, wie vermutet, seine Geistesheldenlaufbahn als flackerndes Kirchenlicht fortsetzte. Er ist Jude, will sagen, er ist nicht getauft. Darum der tausendstimmige Chorus, der das gewaltige Halleluja mit solch donnerndem Fortissirno anstimmt, dass man jene leisen Töne gänzlich überhört, die aus dem Beratungssaal der zweitgrössten jüdischen Gemeinde des Kontinentes dringen. Und auf diese sollte man immer aufhorchen. Wenn sie bei der Praktizierung mit den Wahllisten so lange an den 160.000 jüdischen Seelen Budapests herumsubtrahieren,] bis sie zurj Endziffer mit 8000 Wahlberechtigten kommen, dann hat der