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Die Welt · 1904-10-21 · 43 (21.10.1904) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 flbi* & W^lt Nr. 43 von den Sendboten der antisemitischen Nieder Österreicher ausgiebig und natürlich in einer ihrer Intelligenz entsprechenden Weise ausgeschrotet. Jüngst handelte es sich um Kreierung zweier übrigens gerinfügiger Landesstipendien. Natürlich verlangten die Mannen des Dr. Lueger, dass man Vorsichtsmassregeln treffe, damit, Gott behüte-, kein Jude jemals in den Besitz eines solchen Stipendiums gelange. Es entwickelte sich dann die sattsam bekannte, bis zum physischen Ekel rohe und freche Debatte, die seitens einzelner christlichsozialer Schreier immer geführt wird, wenn das Wort Jude fällt. Es ist wohl nicht nötig zu konstatieren, dass auch ohne jede Einflussnahme des Landtages kein Jude je ein interkonfessionelles Stipendium bekommt; denn die Beschimpfung und Verhöhnung der Juden ist ja bei solchen Debatten Selbstzweck, damit die geehrten Wähler von der Treue und Verlässlichkeit ihrer Auserwählten wieder einmal angenehme Kunde erhalten. Der Wiener Kultusvoretand nahm diesmal wieder einmal Anlass, einen Pro'est zu erheben. Der Präsident der Wiener Kultusgemeinde Dr. Alfred S t e rn hielt die Protestansprache, die ausser einer groben Geschmacklosigkeit, die er sich offenbar leisten zu müssen glaubte, das Meritorische kurz und ohne die früher übliche Winselei feststellte. Er schloss folgendermassen: „Das aber die berufenen Faktoren zu allen dem schwiegen, dass keiner derselben im allgemeinen öffentlichen Interesse ein Wort der Entgegnung fand, drängt uns die Frage auf, ob wir rechtlos seien, ob die pöbelhafte Hetze gegen uns von regierungswegen sanktioniert werde, ob — wir wollen gar nicht von feierlich beschworenen Staatsgrundgesetzen sprechen — das Sanktuarium der Gesetzgebung nnd der öffentlichen Verwaltung in der Residenz unseres heissgeliebten, allverehrien Monarchen dazu missbraucht werden dürfe, die seit so lange gegen uns betriebene Hetze fort und fort zu propagieren." Da diese rhetorische Frage von Naiven oder ausserhalb Oesterreichs Wohnenden missverstanden werden könnte» so wollen wir nur konstatieren, dass wir sie mit einem kräftigen „ J a" beantworten müssen. Am 16. Oktober legte der Landesausschuss dem Landtage die Entwürfe einer .Landesschulreform vor. Wir wollen daraus vorläufig nur eine Bestimmung zitieren, da wir über diese Angelegenheit noch des Ausführlicheren zu sprechen haben werden. Diese Bestimmung lautet: Der katholische Pfarrer ist obligatorisches Mitglied des Ortsschulrates. Wird eine Schule von Kindern besucht, die einem anderen gesetzlich anerkannten als dem katholischen Glaubensbekenntnisse angehören, so tritt, wenn die Zahl der dem betreffenden Glaubensbekenntnisse angehörigen Glaubensgenossen nach der letzten Volkszählung in einer Schulgemeinde ausser Wien oder in einem Wiener Gemeindebezirke mehr als 100 beträgt, zur Wahrnehmung der religiösen Interessen der betreffenden Schulkinder ein von der bezüglichen konfessionellen Oberbehörde, beziehungsweise israelitischen Kullusgemeinde bestimmter Vertreter des betreffenden Glaubensbekenntnisses in den Ortsschulrat ein. Dieser nimmt jedoch an der Beratung und Abstimmung nur dann teil, wenn es sich um Gegenstände handelt, die den durch ihn vertretenen Interessenkreis berühren. Einige andere nicht mit solcher Offenheit einbekannte Rechtsbeugungen sollen auch noch ausführlicher besprochen werden. Jedenfalls darf die Regierung, speziell der niederösterreichische Statthalter der Dankbarkeit der Juden sicher sein. Wir wissen allerdings schon längst, wie man trotz aller Versicherungen in diesen Kreisen den Juden gesinnt ist. Wir werden in unseren Beziehungen zu diesen Stellen eine gerechte Reziprozität herzustellen suchen. —r. Die Feier der jüdischen Abiturienten Oesterreichs. Unsere Jugend, eine stattliche Anzahl von jüdischen Abiturenten Oesterreichs, hat sich der Oeffentlichkeit als „Junge Juden44 vorgestellt In einer ernsten und würdigen, von zahlreichen Studenten und Bürgern besuchten Feier erklärten sie sich als treue Söhne ihrer Nation, als die sie die zionistische Fahne hochhalten und dem zionistischen Ideale mit ihrer ganzen jugendlichen Liebe und Hingebung dienen wollen. In ihrem Namen sprach zur Eröffnung der Feier Abiturient Carniol, der die Veranstaltung der Feier damit begründete, dass die Jugend einerseits der Fahnenflucht und Entfremdung gegenüber offen und frei das nationale Bewusstsein bekunden müsse, andrerseits die zionistische Jugend aller Welt kundtun müsse, dass mit dem Tode des grossen Führers dessen Ideal nicht geschwunden sei, so hinge es „Junge Juden" gibt, die sich stolz um die Fahne Zions scharen wollen. Tief gerührt erhoben sich sämtliche Anwesenden von ihren Plätzen, als der Name Dr. Herzls genannt und von dessen Arbeit gesprochen wurde. Die Tendenzrede hielt das Mitglied des A.-C. Doktor Leopold Kahn. Anknüpfend au die Ankündigung der Feier als einer „ernsten41, schilderte er in seiner gewohnten beredten Weise die ernste und traurig« Lage d^s jüdischen Volkes allerorts im allgemeinen und der jüdischen Jugend insbesondere, die, um dasjenige nur zum Teile zu erreichen, was ihren nichtjüdischen Ger ossen leicht möglich ist, diese in allen weit, sehr weit überragen müsse. Der jüdische Studentmüssesich durchFleiss undEifer atstrengen, um nicht allein der Aussenwelt, sondern selbst seinen Glaubens¬ und Stammesgenossen Achtung abzugewinnen. Der zionistische Student hat aber auch die Pflicht, durch das Studium der Geschichte und der Traditionen seines Volkes zum vollen Selbstbewusstsein und zur Hochhaltung alles dessen, was jüdisch ist, zu gelangen. „Wir sind ein armes, durch Zerstreuung und Zersplitterung geschwächtes Volk, das in der letzten Zeit seine Auferstehung gefeiert hat: im zionistischen Ideale. Was dieses Ideal fordert, ist nichts anderes als die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland." Dieses Ideal hochzuhalten und zur Verwirklichung zu bringen sei Pflicht der Jugend. Die Söhne reicher Eitern können sich von diesen trennen; elend und niederträchtig sind aber die Kinder armer Eltern, die sich von ihren Familien entfernen und ihren Nächsten die Stütze versagen. Der jüdische Student, der sein Volk kennt und liebt, empfindet den Namen „Jude" nicht als Schimpf. Dieser ist sein Stolz; als Juden haben seine Vorfahren gekämpft, gelitten, seien sie geschlagen und verjagt worden und trugen mit sich in eimr fast zw.ütausendjährigen Wanderung einen Schatz, die zehn Gebote, herum, der der ganzen zivilisierten Welt das höchste Glück ur.d heiligste Gut geworden — als Jude müsse er auf die grosse Vergangenheit stolz sein. Aus dieser Vergangenheit müsse der jüdische Student die Neigung seines Volkes zu sozialer Gerechtigkeit erkennen, die Lösung der Judenfrage nicht mit der allgemeinen sozialen Frage verquicken wollen. Die Judenfrage wird gelöst sein, wenn wir wieder unsere Heimat haben, in der wir nach unserer Thora leben können. Dort werden wir der Welt zeigen können, dass der Jude, der einst gross war, wieder gross sein kann und gross sein wird. (Stürmischer Beifall.) Hierauf folgten einige Solovorträge des Violinvirtuosen Kapellmeisters Rozanski aus New York, die mit grossem Beifall aufgenommen wurden. Dann hielt der Präsident des österreichischen Landeskomiiees Doktor S. Krenberger eine Ansprache an die Jugend, deren Eintritt in die zionistische Organisation durch den in Gründung stehenden Studenten verein namens „Dr. Theodor Herzl" er mit Freuden begrüsste. Er rief sie auf, den Namen des verewigten Führers, den sie auf ihr Schild erheben, dadurch zu ehren, dass sie jene Ideale hochhalten, die er in seinem „Altneuland" der jüdischen Jugend vorgezeichnet. Die zionistische Jugend müsse auf ihre Selbstzucht und auf die Zucht anderer bedacht sein, sie müsse das ganze jüdische Leben in allen Schichten unseres Volkes mit zionistischem Geist erfüllen, um des Namens würdig zu erseheinen, den ihre Vereinigung tragen soll. Herr York-Steiner fesselte die Anwesenden durch seine herrliche Skizze „Der Malach-h.amowes", in welcher er die letzten Stunden unseres unvergesslichen Führers schilderte. Er trug die Skizze so meisterhaft vor. dass die meisten tief erschüttert und zu Tränen gerührt waren. Ebenso glänzend war seine Vorlesung von L e o Rata eis' Skizze „Wann wird er kommen?" die einsn stürmischen Beifall hervorrief und die versammelten

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