Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 „bi* # W^ltff Seite 7 Gebiet© liegen, hat unserem Volke schon ungeheuren Schaden gebracht. Wir sind gewarnt und werden auf der Hut sein müssen. Nicht eine Erweiterung, sondern eine Verengerung unseresProgrammes stelltdas Streben der Misrachisten dar. Unser Programm ist weit genug, um a 11 e jüdischen Kräfte zu einträchtiger Arbeit zu vereinigen. Mag jeder Zionist als Privatmann seinen religiösen Anschauungen leben, so orthodox als er es für notwendig oder geboten erachtet, eine r el i gi ö s e K am p f p ar o 1 e werden wir in unsere Bewegung ebensowenighineintragen lassen als eine antireligiöse» Noch eine dritte Strömung muss erwähnt werden, die unsere Bewegung bedroht. Sie wissen, dass es auch Politiker des Zionismus gibt, die bereit sind, unsere Bewegung, die politisch und zionistisch ist, dahin zu modifizieren, dass ihnen das Politische mehr gilt als (Jas Zionistische. Das sind die Männer, die sich vor alkm für ein Asyl einsetzen, denen das politische und territoriale Zentrum ein anstrebenswerter Erfolg erscheint, auch wenn es nicht in Palästioa ist. Auch gegen diese Auffassung müssen wir uns wenden. Unser Ideal, das Ideal unseres Volkes, lässt sich nicht modifizieren. Es istZion und wird es bleiben! Wollen wir unsere Bewegung nicht durch Uneinigkeit zugrunde richten, so müssen wir diese drei Strömungen beseitigen. Für uns politische Zionisten gibt es keine Rückkehr zu der aLten Chowewe Zion-Geschäftigkeit, kein Canossa vor irgendwelchem religiösen Uebereifer, keine radikale, nur territoriale Tendenz. Wir wolhn aber auch aus allen drei Richtungen nehmen, was uns frommen kann: wir haben die nationale Arbeit begonnen, wir stehen in unwandelbarer Treue zu unserem Volke, seiner grossen Vergangenheit, seiner hoffentlich herrlichen Zukunft, in aller Treue aber auch zu unserem Lande, in dem die Freiheit unser Volk zur höchsten Vervollkommnung führen soll." Die Rede Dr. M arm o r ek smachte auf die Zuhörer tiefen Eindruck. Eine lebhafte Diskussion schloss sich an seine Ausführungen und interessierte die Aawesenden in hohem Grade. Unter den Gästen befanden sich auch zwei GesiniiUögsgenossen aus Tfipolip, die den Veihandlungen mit reger Aufmerk3amkeit folgten. N. S. Die Wiener Kultuswahlen. Behufs Programmentwicklung zu diesen Wahlen hatte der Verband „Zion" für den 17. d. M. eine Versammlung in den Saal des Hotels „Bayrischer Hof* einberufen, die von Wählern der Bezirke II, Iii, IX und XX, von Vertretern der Kultusgemeinoe und anderen jüdischen Korporationen zahlreich besucht war. Der Obmann des L.-C. Dr. Krenberger hatte den Vorsitz. Er führte in seiner Begrüssungsrede aus, dass es den Zionisten weniger um einige Mandate zu tun sei, als darum, die Kultusgemeinde mit wahrhaft nationalem, gut jüdischem Geiste zu erfüllen. Wenn ein Kampf notwendig sei, so gelte er keineswegs den Personen, sondern dem System, auf dessen Rechnung eine Unzahl schwerer Unterlassungssünden falle. Beifällig begrüsst, ergriff sodann Herr Architekt Marmorek das Wort zu seinem Referat über die Wahlen. Er schickt ihm einen warm empfundenen Nachruf für unseren unvergesslichen Führer voraus, d<-r den Juden einen würdigen Platz unter den Kationen verschafft und seiner Zukunft den einzig möglichen Weg zum Glücke gebahnt hat. Der Nachruf wird von der Versammlung stehend angehört. Nach einem Uebergang zum Thema schildert Redner die wahre Aufgabe der Kultusgemeinder, die nicht blosse Verwalter der Steuergelder sfin; sondern weitblickende, zeitlich und räumlich unbeschränkte Politik treiben sollen; denn wir Juden sind nur auf uns allein angewiesen > können nur Hilfe von unseren kompetenten Behörden haben und nicht eine Kompetenzüberschreitung, sondern eine Notwendigkeit seien Aktionen der Kultusgemeinde, die unserer nationalen Not ein Ventil öffnen. Das Beharren im örtlich beschränkten Arbeitsfelde ist sinnlos, denn die Judenheit sei wie ein kommunizierendes Gefäss, in welchem der Druck auf der einen Seite ein Ueberströmen auf der anderen Seite hervorruft. Das Echo der Judenverfolgungen im Osten klinge aus der ganzen Welt und werde immer lauter. Aktionen für den Moment und Tag sind bei der gegenwärtigen Sachlage zu wenig, wo der Strom der Judenwanderung und ihres mittelbaren und unmittelbaren Elends, des Elends für die Wanderer und die Besuchten immer breiter und reissend er wird. Der vielverlachte Zionismus hat seine Logik zum kleinen Teile zwar schon den offiziellen Vertretern beigebracht und die Kolonisation Palästinas ist in Gnaden aufgenommen worden. Die Kultusgemeindd nimmt allgemach jüdischen Geist an, sie muss sich aber von dem so getaufien liberalen Geiste ganz abkehren und alle Institutionen kräftig fördern, von denen eine Hilfe für das Judentum zu erwarten ist. Redner bespricht nun eine Reihe von Unzukömmlichkeiten, als die Schaffung einer priveli gierten Wählerklasse bei Mangel eines Vertreters der arbeitenden Klasse im Vorstande, die Erziehung der Jugend mit transzendentalen weltfremden Begriffen, die Willkür vieler Beamten, die geringe EinfLussnahme der Gemeinde auf die Art der Wohltätigkeit ihrer Reichen, das Pastorenwesen der nur schöngeistigen Prediger und manches andere. Es sei nur wünschenswert, dass eine scharf beobachtende und rügende Opposition in die Gemeindestube einziehe, denn der wohlmeinende Kampf der Zionisten bedeute ein besseres Leben für die Gemeinde, und beim Austausch der Meinungen kristallisiere sich endlich das Einigende heraus, das alle Parteien zu einem geschlossenen Bunde des Judentums zum Wohle des Ganzen vereinige. Die Ansätze des Guten seien vorhanden, ihre Förderung ist eine Notwendigkeit unseres schwergeprüften Volkes« (St. Beif.) In der Debatte brachten viele Wähler Beschwerden gegen die jetzige Verwaltung der Gemeinde vor, so namentlich die Orthodoxen, die über starke Vernachlässigung ihrer Interessen klagten, und ein Vertreter aus den zuwenig beachteten Aussenbezirken. Die Orthodoxen sprachen den Zionisten ihre Sympathien aus. Auch die Vertreter der Jüdischen Volk^partei, Herr Dr. Weisengrün und Herr Redakteur Krausz, sprachen sich über den Fortschritt des nationalen Geistes in der Gemeinde aus. Gegen ein eventuelle Kompromiss traten Herl Dr. P i e kar sk i und Herr Plaschkes in scharfer Form auf. Herr. Dr. Leop. Kahn, der in der Debatte das Wort ergriff, gab einen Ueberblick über das bisherige Einschreiten d?r Zio! isten gegen die Kultusgemeinde und wiederholte die Begründung seines notwendigen Prinzipes der Eiligkeit angesichts des von allen Seiten wütenden Ansturmes gegen das Judentum. (Lebhafter Beifall.) Mit einigen Dankesworten des Vorsitzenden schloss nach einem Resume des Referenten die anregende Debatte in der Mitternaehtsstunde. y. Der niederästerreichische Landtag und die Juden. Bekanntlich ist der niederöstereichische Landtag die Domäne derselben Christlichsozialen, die auch die Heiren der Wiener Gemeinde sind. Was also von dort für die Juden zu erwarten ist, dürfte ohne weitere Auseinandersetzung klar sein. Wann immer sich eine Möglichkeit zur Beschimpfung oder Schädigung der Juden bietet, wird sie