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Die Welt · 1904-10-21 · 43 (21.10.1904) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 geschrieben worden sein, wenn eine andere Parteischattierung die Gesamtorganisation zu gefährden drohte. Im Gegenteil, es wird anerkannt, dass die Orthodoxie bisherdasJudentum erhalten hat, und wird nichts sehnlicher gewünscht, als dass sich alle Orthodoxen dem Zionismus anschliessen — als Zionisten. Sie dürfen im Leben ausserhalb des Rahmens der Bewegung die Orthodoxie betreiben, so viel sie wollen ..." Was der Artikel bezweckte, war, einerseits eine Klärung der Situation herbeizuführen durch die Diskussion, die im Anschluss an denselben erwartet werden konnte, andrerseits, falls es eine Richtung im Misrachi gäbe, welche die Orthodoxie auch auf Kosten oder gar unter Gefährdung des Zionismus zu propagieren bereit wäre, diese davor zu warnen und davon abzuhalten. Er war also durchaus kein Kampfartikel, sondern geradezu im Interesse der Erhaltung des Friedens in der Partei geschrieben, indem auf die Gefahren aufmerksam gemacht wurde, die demselben zu drohen schienen und denen rechtzeitig begegnet werden sollte. Es wäre leichtsinnig, die Gefahren einfach abzuwarten und sieh mit ihnen erst dann zu befassen, wenn sie nicht mehr beschworen werden können. In einer gut geleiteten Bewegung müssen drohende Gefahren vorhergesehen und ihnen schon im Entstehen entgegengetreten werden. Aus den Programmbeschlüssen des Misrachi in Pressburg, welche wörtlich zitiert wurden, musste logischerweise geschlossen werden, dass der Misrachi die Orthodoxie auch innerhalb der Gesamtbewegung des Zionismus propagieren wolle. Dies wurde als gefährlich bezeichnet und davor gewarnt. Es wurde aber die Möglichkeit eines Irrtums infolge unvollständiger Berichterstattung nicht ausgeschlossen und eine diesbezügliche Richtigstellung für erwünscht erklärt. Tatsächlich ist nun durch die Diskussion eine Klärung der Situation, wenn auch nur zum Teile, herbeigeführt worden. Die bezüglichen Ausführungen des Dr. Adler und des offiziellen Zirkulars des Misrachi gipfeln darin, dass der Misrachi niemals auf Kosten der zionistischen Bewegung innerhalb derselben orthodoxe Propaganda zu treiben gedachte, und wird im Zirkulare auch das Pressburger Programm in diesem Sinne ausgelegt. Es ist nun kein Grund vorhanden, dieses Programm anders auszulegen als die Leitung des Misrachi selbst und wird diese Interpretation als die gewünschte Richtigstellung gerne zur Kenntnis genommen und der Wunsch und die Hoffnung ausgedrückt, dass dieser Standpunkt auch in Zukunft immer eingehalten werden und mit den Handlungen des Misrachi sich decken wird. Ein Punkt ist aber bisher nicht aufgeklärt, ja nicht einmal mit einem Worte gestreift worden. Es ist in dem Artikel „Achtung" auch auf die Gefahr hingewiesen worden, welche die Schaffung einer Organisation in der Organisation in sich birgt, und deren Illegalität als dem Organisationsstatut nicht entsprechend dargetan. Ueber diesen Punkt schweigen sich die Gesinnungsgenossen vom Misrachi vollständig aus. Er ist aber nichts weniger als gleichgültig und wird daher auch diesbezüglich gern einer Aufklärung entgegengesehen, ♦inj? Pariser Brief. Samstag den 8. Oktober abends eröffnete Doktor Alexander Marmorek die zionistische „Saison" mit einem grossen programmatischen Vortrag im Verein „Mebassereth Zio n". Dr. Marmorek schilderte zunächst die allgemeine Lage unserer Bewegung nach dem Hinscheiden Doktor Herzls. Mit besonderer Ausführlichkeit kam er dann auf die verschiedenen Strömungen zu sprechen, die sich seit dem Tode des unvergesslichen Führers mit grösserer Zuversicht geltend zu machen suchen. Vor allem sei da der alten „Chowewe Zion" zu gedenken, die wieder einmal ihre Zeit gekommen glauben. Das sind die Leute, die nichts gelernt und nichts vergessen haben. Als Förderer der ersten Kolonisationsbestrebungen sind die „Chowewe Zionu Vorläufer unserer politischen Bestrebungen und als solche unseres Dankes sicher; aber über diese Anfänge sind wir jetzt längst hinaus. Es würde ein Zurückgehen auf primitive Entwicklungsstadien unserer Idee bedeuten, wenn wir nach sieben Jahren politischen Zionismus zu der Arbeit der »Chowewe Zion" zurückkehren wollten. Es mag ja naiv-ehrliche Leute geben, die der Meinung sind, dass mit der Unterstützung einer Schule, dem Bau eines Hauses oder gar dpr Gründung einer Kolonie in Palästina dem jüdischen Volke wirklich gpholfen werden kann, wir sehen unsere Aufgabe aber nicht in derartigen Unternehmungen. Die mögen Leuten genügen, die nicht einmal begreifen können, was eine politische Bewegung bedeutet und die das grosse Werk Dr. Herzls, die politische und nationale Wiedergeburt unseres Volkes, zugunsten kleinlicher Unternehmungen zunichte machen wollen. Derartige Tendenzen — und wir wissen, wer sie propagiert und sie eben jetzt gerne in unserer Bewegung wieder herrrchend machen möchte — sind geeignet, unserer Bewegurg ihre Volkstümlichkeit zu rauben und sie ihres nationalen Charakters zu entkleiden. Wir zionistischen Arbeiter des Westens wollen solche Bestrebungen, die von den politisch unfreien Städten des Ostens ausgehen, nicht fördern. Für uns ist der Zionismus nur als politische und nationale Bewegung ein Ideal, dem wir anhängen; wir können nur im politischen Zionismus die Lösung der ganzen jüdischen Frage erstreben. Eine zweite Strömung, die nun ihre Zeit gekommer, glaubt, ist die des „Misjachi". Der Verband der Misrachisten hat in Pressburg unser Programm „erweitern" zu müssen geglaubt. Es handelte sich dabei um die angebliche religiöse Ausgestaltung des Programme«. Als vor einige? Zeit Leute auftraten, die eine freidenkerische Fraktion in unserer Bewegung propagierten, wurden sie entschieden zurückgewiesen. Die Fraktion hat sich auch nach gan:: kurzem Bestehen wieder aufgelöst. Jetzt wollen unsere Orthodoxen dasselbe Experiment in Schwarz versuchen, das die Anhänger der Fraktion erfolglos in Rot unter nahmen. Wir können wohl den orthodoxen Standpunkt, den eine Anzahl von Zionisten in ihrer religiösen Stellung einnimmt, aus der Entwicklung heraus begreifen, wir achten auch gewiss ihr religiöses Empfinden; denn jede; Jude, selbst der überzeugteste Freidenker, hat einen Funken religiösen Empfindens in sich, da ja unsere Eeligion eine nationale ist. Wir wissen auch sehr gut, das? es die oft übertriebene Umzäunung des Gesetzes durch die Rabbiner des Ghettos war, die dem Judentum in gefährlichen Zeiten grosse Dienste erwies. Das alles kann uns aber nicht dazu veranlassen, religiöse Anschauungen irgend welcher Art als bindend für die Anhänger unserer Bewegung zu erklären. Es ist eine grosse Gefahr für die Zukunft unseres Volkes, wenn solche Bestrebungen bei uns wieder Einfluss erlangen sollten. Dieses ewige Hineinzerren religiöser Anschauungen in Dinge, die auf ganz anderem

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