Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 „bie # weit Seite 5 Das ist nichts Neues, nur wurde diesen Prinzipien in Pressburg Gestalt und . Form gegeben . . . Dr. Adler (Lübeck), unser sehr geschätzter Gesinnungsgenosse, einer der Kompetentesten aus dem Kreise der Leiter des „Misrachi", wendet sich in Nr. 41 der „Jüdischen Rundschau" in einer längeren sachlichen Auseinandersetzung gegen die schweren Bedenken, die Dr. Jungmann in einer früheren Nummer der „Rundschau" gegen die Begründung der Misrachiorganisation vorgebracht hatte. Wir entnehmen diesem Artikel folgende Ausführungen: . . ♦ Der Misrachi ist nicht erst jetzt ins Leben getreten. Man wäre berechtigt, die Neubildung irgend einer Partei innerhalb des Zionismus für den Augenblick als einen schweren taktischen Fehler zu bezeichnen, da die bestehenden Verhältnisse durch den nicht genug zu beklagenden frühzeitigen Hintritt unseres grossen Führers nach jeder Richtung hin so schwierig geworden sind, dass alle Kräfte angespannt werden müssen, um zunächst das Bestehende zu erhalten. Aber gerade hieraus ergibt sich die unabweisbare Pflicht, äuf eine Festigung der bereits besiehenden Organisation mit aller Macht hinzuarbeiten, denn nur von einer solchen können wir einen geregelten Arbeitsplan und eine zielbewusste propagandistische Tätigkeit erwarten. Aus der Erkenntnis dieser Notwendigkeit heraus hat der bereits seit einigen Jahren organisierte Misrachi es für gut befunden, in der Pressburger Konferenz mit seinem Programm an die Oeffentlichkeit zu treten. Die Fassung des § 1 hat besonders dem Herrn Dr. Jungmann Anlass zur Rüge gegeben. Er findet den Standpunkt der Misrachisten bedenklich, die in erster Linie an der Tradition festhalten wollen und erst in zweiter die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina betonen. Er will aus dieser Fassung herleiten, dass ein Misrachi höchstens als ein zionistischer Orthodoxer, nicht aber als ein orthodoxer Zion?st aufgefasst werden könne. Wollte Gott, ich glaube, Herr Dr. Jungmann wird in diesen Wunsch einstimmen, dass erst alle unsere Glaubensbrüder sich aus zionistischen Orthodoxen oder Liberalen oder welch einer Schattierung immer zusammensetzen, dann würde unserer Sache schon weit mehr geholfen sein . . . Oder sollte derjenige wirklich der schlechtere Zionist sein, der das religiöse Moment, das doch fraglos das Judentum in Zeiten schwerster Not viele Jahrhunderte hindurch aufrechterhalten hat, nichtzurücklreten lassen will hinter den nationalen Gedanken? Darüber ist man sich wohl in allen zionistischen Kreisen einig, dass man, um unserem Volke wirksam aufzuhelfen, nicht nur für die zionistischen Endziele, die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimat, Sorge zu tragen hat, sondern dass wir auch mannigfacher Vorarbeiten bedürfen, die unser Volk befähigen, gestählten Körpers und gereiften Geistes eintreten zu können in den Konkurrenzkampf der Völker. Und wenn die einen die Volkskraft zu heben suchen durch Gründung von Tum- und Gesangvereinen, Toynbeehallen und anderen mehr, so liegt den anderen die Pflicht ob, den alten Volksgeist wieder aufleben zu lassen in der Kräftigung der Glaubensstärke, in der Pflege unserer alten nationalen Literatur, der uns übererbten Sprache etc. Beide stellen sich in den Dienst wahrhaft nationaler Arbeit, in deren Bewältigung man füglich nicht eine Vernachlässigung der zionistischen Tätigkeit erblicken sollte. Selbstredend wollen wir in unserer Arbeit die Errungenschaften moderner Kultur nicht vermissen. Wenn wirklich auf dem jüngsten Pressburger Kon gross eine Stimme sich abfällig über die Pflege moderner Wissenschaft geäussert, so ist für eine derartige Auffassung der Misrachi ebensowenig verantwortlich zu machen, als man die Zionisten im allgemeinen verantwortlich machen konnte für jene durch einzelne Personen hervorgerufenen unerquicklichen Debatten, die die ersten beiden Tage des letzten Baseler Kongresses fast ganz ausfüllten» Unbegreiflich bleibt mir die Ansicht des Herrn Referenten, dass er dem Misrachi die Propaganda antizionistischer Jdeen zutrauen will, indem er in der Pointierung des orthodoxen Standpunktes einen Verstoss gegen das überlieferte Gesetz des Kongresses erblickt. Alle Ueberzeugungen in der Partei, so lauten seine Ausführungen, sollen in gleicher Weise respektiert, aber unter keinen Umständen diskutiert werden. Aber, in alier Welt, ein solcher Passus kann sich doch nur auf die Tribüne des Kongresses beziehen, doch unmöglich Gültigkeit beanspruchen in den vier Wänden unseres Hauses! Das wäre denn doch eine Vergewaltigung ohnegleichen; und, Hand aufs Herz, welche Partei in unserer Mitte könnte dieser Kritik standhalten? Auf dem Kongress freilieh sollen alle religiösen Streitfragen schweigen. Ich für nieine Person möchte noch weitergehen und sagen, auch aus unseren zionistischen Tagesblättern sollte jeder religiöse Disput gestriehen werden. In ruhiger, sachlicher Weise über die schwebenden Tage-fragen in unserer nationalen Arbeit diskutieren, ohne die Gewissensfreiheit des einzelnen zu beengen, das wäre das Ideal, das ich mir erträumte. In persönlichem Gedankenaustausch über die religiösen Fragen dürfte man eine weit versöhnlichere Lösung herbeiführen . . . . . . „Die grosse Macht", von der der Herr Referenz redet, die demnächst in geschlossener Phalanx in den Kongress einziehen wird, wird niemals ihren Einfluss dazu missbrauchen, um von der T.i ibime herab Lehren zu verkünden, die unseren Frieden stören könnten. Die gegenseitige Toleranz ist verbürgt, wir werden sie hochhalten, die.-e Bürgschaft. Wir waren es ja zugestandenermsssen nicht, die den Zankapfel in die Versammlung hineinwarfen. Von der Fraktion gedrängt, sah sLh der Misrachi ungern veranlasst, in gewissem Sinne eine Sonderstellung einzunehmen. Aber er musste darauf bestehen, dass seine heiligsten Gefühle in keiner Weise verletzt wurden. Wenn er in solchem Falle, selbst in energischester Weise, sich seiner Haut wehrte, dann war do h wahrlich nicht er es, der einen unliebsamen Ton angeschlagen hatte. Sollte in der Tat der Misrachi in Zukunft apologetisch nicht mehr in Aktion zu treten haben, so wird dies niemand mit grösserer Freude begrüssen als der Misrachi selber . . . Zur Misrachifrage . sendet uns der Verfasser des Artikels „Achtung" folgende Bemerkungen: Der unter dem Titel „Achtung" erschienene Artikel scheint einem Bedürfnisse entsprochen zu haben. Dies beweist das starke Echo, welches er in zionistischen und sonstigen jüdischen Blättern geweckt hat, und die Flut von Zuschriften pro und kontra, die durch ihn .veranlasst wurde. Diejenigen befinden sich jedoch im Irrtum, welche diesen Aufsatz als Kampfartikel gegen die Orthodoxie bezeichnen. So wollte dieser Artikel nicht aufgefasst werden. Im Gegenteil, der Verfasser hat sich gegen ein solches Missverständnis ausdrücklich verwahrt. Es heisst in dem Artikel wörtlich: „Um Miss Verständnissen vorzubeugen: Diese Zeilen richten sich durchaus nicht gegen die Orthodoxie oder gar gegen die Orthodoxen. Sie würden ebenso