Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-10-21 · 43 (21.10.1904) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316117--46230-3341074
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 43 „bie # weit« Seite 3 Zur Organisationsgabe Der Zionismus befindet sich momentan in einem Gärmgszustände. Vor allem der Verlast unseres genialen Fahrers : e3 handelt sich nicht bloss um eine Person, sondern um ein System, denn die Person war so gross, dass sie ein ganzes System verkörperte. Mit dem Verschwinden der ersteren muss auch das letztere einige Ab- und Veränderungen erleiden. Und je entschiedener wir uns in die neuen Verhältnisse fügen werden, desto besser für den weiteren Fortschritt des Zionismus. Eine weitere Ursache der Gärung liegt in den inneren Parteiungen der Bewegung, die ebenfalls Lebensnotwendigkeiten sind. Einerseits „Misrachi", andrerseits „Poaie Zion«, dazwischen eine ganze Skala von Uebergangsstufen — alle diese Gruppierungen haben und müssen haben eine Existenzberechtigung innerhalb der zionistischen Organisation. Schliesslich sind die Fragen des Landes und der Länder auchnoch nicht ganz beantwortet worden. Mit einem Worte, eine ganze Reihe von Umständen schaffen eine gewisse Unbestimmtheit in bezug auf die künftigen Organisaiionsmodalitäten der zionistischen Bewegung. Wenn wir also schon jetzt definitive Formen unserer Organisation geben wollten, riskieren wir, etwas Unbeständiges, Provisorisches zu schaffen. Die häufige Aenderung der Organisation ist aber sehr schädlich und muss so weit als möglich vermieden werden. Wir sind deshalb mit der Erklärung der Herren Dr. Klee und Dr. Hantke vollständig einverstanden nämlich, „dass es heute nicht an der Zeit ist, eine allgemeine und durchgreifende Aenderung des Organisationsstatuts durchzufahren". Wir sind mit ihnen auch darin einverstanden, dass es sich vorläufig nur um die Abänderung des § 23 unseres Organisationsstatuts handeln kann. Darüber möchten wir nun einige Bemerkungen machen. Vor allem müssen wir darauf hinweisen, dass wir darnach streben müssea, das engere A.-C. aus Mitgliedern, die in derselben Stadt wohnen oder wohnen können, zusammenzusetzen. Wenn wir uns darauf verlassen, die Mitglieder könnten alle zwei bis drei Monate sich versammeln und zusammen beraten, so riskieren wir, dass tatsächlich die zwei bis drei Mitglieder, die in derselben Stadt oder nebeneinander wohnen, das Zentrum bilden werden und dass dieses Zentrum faktisch alles allein tun wird. Andrerseits ist der Zionismus noch eine zu einheitliche Erscheinung, als dass wir ans verschiedene Dezernate, die selbständig handeln, vorstellen könnten. „Fragen der Hebung" sind so verbunden mit „Innerem" und Finanzen", dass da gar keine Rede von selbständigen Departements sein kann. Oder eine einzige Person muss alle drei Dezernate verwalten oder aber die drei Vorsteher müssen immer Hand in Hand gehen, d. h. jeden Augenblick miteinander beraten können. Das ist aber nur möglich, wenn sie in derselben Stadt wohnen. Nebenbei bemerkt, möchten wir wissen, was man eigentlich unter Fragen der Hebung versteht und wie eine Person alle diese Fragen bewältigen kann. Denn erstens, soviel wir wissen, versteht man unter der Hebung die Gegenwartsarbeit, die zugleich geistiger und materieller Natur sein muss. Nun kann wohl eine Person sehr gut alle Fragen des Judaismus, der national-geistigen Hebung verstehen und dabei keine blasse Idee von den komplizierten ökonomischen Fragen besitzen. Und nun kommt die physische Hebung, wozu eher ein Hygieniker als ein OÖkonomist oder Judaiker paest. Und dann müsste es überhaupt ein Mensch mit ganz ausserordentlichen — unmöglichen — Qualitäten sein, der die Hebungsfragen nach den verschiedenen Ländern der Diaspora beurteilen könnte. Die Hebungsfragen gehören nach unserer Meinung überhaupt nicht in die Kompetenz der Zentralleitung, sondern in die der verschiedenen Landesorganisationen. Ebenso scheint es uns mit dem Dezernat der „Fragen der russischen Organisation" sich zu verhalten. Wenn man von Parteiungen innerhalb des Zionismus spricht, so muss man vor allem an Russland denken. Wir müssten also im kleinen A.-C. soviel Vertrauensmänner der russischen Landesorganisation haben, als Fraktionen innerhalb derselben vorhanden sind. Dadurch aber würde die Einheitlichkeit der Loitung Störung erleiden. Und diese Einheitlichkeit muss unser höchster Zweck sein. Wenn der Vorschlag der deutschen Zionisten angenommen wäre, so hätten wir eigentlich dasselbe wie früher: die E;nheitlichkeit wäre garantiert nur durch den Vorsitzenden des A.-C, mit dem gewaltigen Unterschiede aber, dass der neue Vorsitzende kein Herzl wäre. Deshalb meinen wir, dass man sich lieber an das alte System halten soll: ein engeres A.-C. nur aus fünf Mitgliedern, die in derselben Stadt wohnen und die zusammen alle Angelegenheiten leiten. Wohl ist es möglich, dass die Kommission für palästinensische Angelegenheiten in einer anderen Stadt ist, weil diese Kommission eine gewisse Selbständigkeit besitzen muss und weil ihre Tätigkeit ganz aparter Natur ist. Wir stellen uns auch vor, dass im engeren A.-C. auch ein russischer Zionist vorhanden sein wird, nicht etwa als „Vertrauensmann der russischen Landesorganisation", sondern einfach als Mitarbeiter. Unser Vorschlag hängt aber mit einer anderen Voraussetzung zusammen: mit der Besoldung unserer Aktionskomitee-Mitglieder. Nur in diesem Falle können wir die entsprechenden Männer auswählen, die dann ihre ganze Kraft der zionistischen Arbeit widmen können. Wir wollen damit absolut kjineKritik an den bisherigen Arbeitern und Leitern unserer Organisation üben, sondern wir wollen darauf hinweisen, dass unter den jeizigen Umständen und unter dem Einflasse des furchtbaren Beispieles unseres verewigten Führers wir unbedingt darauf drängen müssen, das3 alle unsere Leiter besoldet sein sollen, damit sie alle ohne Ausnahme sich der Bewegung widmen können. Somit hätten wir ein fünfgliedrige3 Ak.ioascomitee, an dessen Spitze der Leiter der politischen Angelegenheiten wäre. Ausserdem hätte das engere A.-C. zu besorgen: die innere Verwaltung (Finanzen, Agitation und Presse) und die juridischen Angelegenheiten, wobei die einzelnen Dezernate unter den verschiedenen Mitgliedern, von denen mindestens einer ein russischer Zionist sein muss, ver* teilt wären. Unabhängig von dem engeren A.-C„ hätten wir noch die palästinensische Kommission, die Leitung des legalisierten Nationalfonds und das Präsidium der Kolonialbank. Die letzten drei Institutionen brauchen nicht unbedingt dort zu residieren, wo das engere A. C. fungiert. Um offen zu sprechen, stellen wir uns die Sache so vor, dass das engere A.*C. in Wien, die Palästinakommission in Berlin, die Leitung des Nationalfonds und der Kolonialbank in London ihren Sitz haben. Dabei aber müssen wir darauf bestehen, dass keine wichtige Entscheidung getroffen werden kann, ohne dass das engere A.-C. sich mit den Vorstehern der anderen ständigen Behörden beiäte, so dass wir eben verlangen müssten, dass etwa alle zwei Monate solche gemeinsame Sitzungen stattfinden sollen. Unser Vorschlag geht von den tatsächlichen Verhältnissen aus, indem es eine Sache der Unmöglichkeit ist, neun Mitglieder des engeren A.-C. in einer Stadt zu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.