Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1 „bis & weit11 Nr. 43 leute über Nacht als lästige Ausländer verwiesen werden können, so schlägt uns daraus der giftige Atem einer Zeit entgegen, die für uns und unsere Lieben schwere Drohungen birgt. Die eben begonnene Liste könnte ins Unendliche fortgesetzt werden» Die Gesetzgebung der letzten Jahre ist ja grösstenteils gegen die Juden gerichtet — das ist der Wille der Legislative. Die Amtsgebarung der Behörden gibt mannigfachen Grund zur Klage — das ist der Wille der ausführenden Staatsorgane. Der Erwerb des jüdischen kleinen Mannes geht rapid bergab — das ist der Wille der Bevölkerung. Das kleine Einmaleins unserer Erfahrungen muss uns sagen, dass keine Besserung auf irgend einer dieser Linien zu erwarten ist. Die fortschreitende allgemeine Not erweckt eben keine mildere Denkung^art der Betroffenen. Dazurechnen muss man die durch Zufluss ewig wachsende Reibfläche zwischen den feindlichen Schichten. Eine gewaltige Welle wälzt sich stetig über die Mauerdes östlichen Ghettos,drängt in die wenigen ohnehin schon überfüllten, noch offenen Berufe und reizt die arische Feindseligkeit. Noch einmal wurden englische und amerikanische Einwanderungsgesetze einem Scheintod übergeben. Dem Denkenden schreit aber der Artikel einer Züricher Zeitung in die Chren, der die berühmte Schweizer Gerechtigkeit und Freiheitsliebe mit einem gehässigen Protest gegen die jüdische Einwanderung durchbricht. „Es ist nicht auszudenken, was für ein Unglück geschähe/ sagte ein erfahrener jüdischer Politiker in der Wiener Versammlung, „wenn nicht die jetzige Regierung gerechten jüdischen Beschwerden stattgeben würde." Dahin sind wir also trotz aller Geschehnisse der Geschichte und Kultur gekommen — eine Spanne weit vom Mittelalter. Wir erhalten uns durch unser Geld oder die Freundlichkeit unserer Regierung weitab von allen Bürgerrechten. Was werden diejenigen tun, die es kümmert? Die Kultusgemeinden, die den Ton jener Musik anheben, welche die Mächtigen in ihrer Mitte machen? Für wie lange haben sie sich die Möglichkeit ihres Bestandes ausgerechnet, wenn unser Niedergang sein Tempo behält. Das jüdische' Volk fordert von ihnen Hilfe in Rat und Tat und eine Wegweisung aus dem Düster. Jetzt gerade ist die Wahlzeit für einige dieser Amtsstuben des Judentums. Vielleicht ist es doch möglich, die Fehler, die bisher, die bis zu den heutigen Schreckenstagen geführt haben, zu vermeiden und eine glückliche Lösung banger Fragen zu finden. Nötig wäre dazu nur die Verbindung der jüdischen Verbände und die Abkehr vom System von Ahlem; nicht das Justament des Einflussreichen, sondern gewissenhafte Ueberlegung erfahrener Politiker dürfte die Tätigkeit beeinflussen, Dann wird es vielleicht möglich sein, den Platz zu finden, auf welchem man den Schmutz des judenfeindlichen Pöbels und der rechtlosen Gnade entgeht; den Platz, auf welchem nicht Friedhofsgärtner herangezogen werden, sondern der vielgesuchte, nackensteife und knochenstarke Bauer unseres Stammes. J. U p f i m n y. Zur Organisationsfrage.*) Weitere Vorschläge zur Abänderung des Organisafions- Statuts der zionistischen Partei.**) Von Julius Simon- Mannheim. Durch die Veröffentlichung der BodenheimeTSchen Vorschläge ist in dankenswerter Weise bereits jetzt schon die Diskussion über die schwerwiegenden Fragen eröffnet, die den nächsten Kongress beschäftigen müssen. Demi eine Klärung der Meinungen sollte jetzt schon nach Möglichkeit versucht werden. Ich möchte darum auch meine Ansicht sagen. — Darüber sind alle einig, dass eine Teilung all jener Arbeitslasten notwendig ist, die Theodor Herzl allein auf seine opferwilligen Schultern nahm. Indessen: Diese Arbeitsteilung würde dann geradezu schädlich wirken, wenn man nicht etwas von vornherein unbedingt als die Voraussetzung für ein wertvolles Zusammenwirken festhalten würde : die Einheit des Ortes. Das bedeutet selbstverständlich, dass Zangwills wahres Wort, dass unsere Bewegung nicht mehr von überlasteten Männern ausserhalb ihrer Berufstätigkeit geführt werden könne, nun in die Praxis umgesetzt wird. Was bereits für Herzl notwendig schien, nruss jetzt umsomehr gefordert werden. Ich weiss sehr wohl, dass dies uns finanziell stark belastet. Denn ich denke an ein völliges Fr einlachen unserer Führer und also an erheblich grössere Summen, als sie Herr Estennann vorsieht. Mit Dr. Bodenheimer stimme ich trotz der vorgebrachten Bedenken nach wie vor darin überein, dass die Exekutive von der Legislative zu trennen ist, dass also Kongresspräsident und Präsident der Exekutive nicht mehr eine und dieselbe Person sein soll. Dies ist nun meine Ansicht: Das Exekutivorgan des Kongresses. . . hat seinen Sitz in London. Ich denke hier freilich nicht darum an lauter Engländer als Mitglieder der Exekutive: Die Besoldung wird uns wertvolle Persönlichkeiten von überall gewinnen lassen. Ich persönlich möchte gerade einen unserer russischen Freunde in der Exekutive nicht missen. Die Mitglieder der Exekutive sind: 1. Der Präsident der Jüdischen Kolonialbank als Vorsitzender und Leiter der Finanzen; 2. der Leiter der äusseren Angelegenheiten; 3. der Leiter der inneren Angelegenheiten. Jedem Mitgliede der Exekutive werden die notwendigen Hilfsarbeiter zugeteilt. Ihre Wahl geschieht durch den Kongress. Hiervon erwähne ich nur: a) Einen Verwalter des Kationalfonds (zugeteilt dem Leiter der Finanzen); b) einen Sachverständigen für die palästinensischen Angelegenheiten (zugeteilt dem Leiter der äusseren Angelegenheiten); c) je ein korrespondierendes Mitglied für alle Länder, die auf dem Kongresse vertreten sind; (NB. Hierbei wäre Russland in Eayons einzuteilen. Ferner wäre für jede vom Kongress anerkannte Fraktion (oder für jede Fraktion von soundsoviel Mitgliedern) ein eigenes korrespondierendes Mitglied zu bestellen.) d) den Vorsitzenden des Ausschusses f ür die Fragen der Hebung (zugeteilt dem Leiter der inneren Angelegenheiten). Die Exekutive hat mit der Gesamtheit aller „Hilfsarbeiter" allvierteljährlich Tagungen zu pflegen. Der Vorsitzende der Exekutive präsidiert diesem Gesamtorgan, das unserem heutigen grossen A.-C. entsprechen würde. *) Wir wollen anlässlich der Fortsetzung der Organisationsdebatte nochmals betonen, dass das in dieser Rubrik Vorgebrachte selbstverständlich nur die Ansichten der einzelnen Autoren darstellt. Wir werden nach Abschluss der Debatte in einem zusammenfassenden Resumö auch unsere Anschauung vertreten. Die Redaktion, **) Aus „Jüdische Rundschau* Nr. 33.