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Die Welt · 1904-10-21 · 43 (21.10.1904) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Schuftet nicht eine ganze Armee unserer Handwerker bitter ums Brot oder macht der Seh weiss unserer zehntausender Bauern die judenfeindliche Lüge verzagter? Wem also die drei Dutzend Ahlemer Zöglinge? Wenn nun doch einer eine Begründung für die Begründung von Ahlem überraschend förderte, so hätte sein Glück als Verteidiger bei den Erfolgen ein Ende: Die U eberzahl der Zöglinge taucht im Handelsstande ihrer Väter wieder unter, da niemand ihre Handfertigkeiten mietet; einer und noch einer von den Handwerkern findet mit Mühe zur Werkstatt — von den jüdischen Oekonomen kommt aber keiner zur Arbeitsgelegenheit; niemand rief einen dieser deutschen Bauern jüdischer Konfession, und die den Spaten nicht wegwarfen, gebrauchen ihn ausschliesslich als Friedhofsgärtner. Die Hauptschlacht, die man auf den Feldern yon Ahlem dem Antisemitismus zu liefern gedachte, ging also schmählich verloren. Durchaus nicht zur Freude der Zionisten. Wir geben den wärmsten Dank auch für zehn aus dem Unglück gerettete Juden, obzwar man uns gerne vorwirft, dass wir in der Judenfrage die Eevolutionstheorie vertreten und von der Verschlechterung der Umstände den Fortschritt unserer Idee erwarten. Wir weisen die Hässlichkeit dieses Unsinns weit zurück. Unser teilweiser Beifall verringert aber die Vorwürfe nicht, die wir gegen alle Ahlemisten im Judentum erheben. Die in Hannover sind es nicht allein, die eine Wundermedizin gegen die Judennot entdeckt haben und bei den Explosionen ihrer Weisheit ungezählte Millionen und unmessbare Kräfte verpulvern. Eine unglückliche Verschwendung zu einer Zeit, wo die Ansprüche unseres Elends sich ins Bodenlose vertiefen. Wie schalten hier die Massentragödie Halbasiens vollständig aus und wollen nur eine kaltblütige Wahrscheinlichkeitsrechnung für die Kulturländer durchführen. Gegenüber der rein praktischen Denkungsart der Politik von heute lassen wir auch den überwundenen Standpunkt fallen, von dem aus sich einige über die schmählichen und täglichen antisemitischen Beleidigungen aufregen. Uns soll nicht massgebend sein, was die Antisemiten schreien, sondern nur, ob die Juden schreien. Zwei voneinander unabhängige Kundgebungen meldeten sich in den jüngsten Tagen als bedenkliche Symptome unserer schweren Lage. Eine gelesene jüdische Zeitung in Deutschland schrieb, eine stark besuchte Bürgerversammlung in Wien sprach über das Thema : ,Der Kampf geg^n die jüdischen Gewerbetreibenden und Beamten'. Notabene, beiderorts standen Assimilanten und der Verdacht zionistischer Agitationsfärbung fällt ganz. Nichtsdestoweniger schlug eine klagende Beschwerde die andere und es kam zum Ausdruck, dass die Bevölkerung und die Aemter im Boykott und in der Drangsalierung gegen den arbeitenden Juden einander überböten. Der ausdrückliche Schutz des Gesetzes, den man vor Gericht erzwingen kann, wird in vielen Fällen zunichte gemacht durch administrative Verfügungen und stillschweigende Ueberlieferungen der Behörden, die in der Gewerbeordnung und dem Gewerbestrafrecht genug Kautschukparagraphen finden, um den Juden schweren Schaden zuzufügen. Die Aussichten des jüdischen Beamten brauchen nicht erst erörtert zu werden. Hier liegt der antisemitische Hund begraben. Für Proteste und Tiraden gegen die Frechheiten irgend eines Buben haben wir weder Zeit noch Sinn mehr. Wenn aber in der Grossmarkthalle Wiens die jüdischen Händler gesonderte Standplätze bekommen, wenn die Stadt* rate Mährens abwechselnd den tschechischen und den deutschen (lies beidemale: jüdischen) Marktfahrern die Bude sperren, wenn der Fiskus den jüdischen Salzhändlern Galiziens nichts verkauft, jüdische Zimmervermieter in Wien wegen unbefugter Führung eines Hotels wochen* lang im Kerker sitzen; wenn reichsdeutsche Geschäfts*

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