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Die Welt · 1904-10-14 · 42 (14.10.1904) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 42 „bis # W^lt" Seite 13 Lazarus, der Begründer der Völkerpsychologie. Von Dr. Alfred Leicht. 111 S. 8°. Mit Bildnis. Leipzig, Dur reche Buchhandlung. 1964. M 1-40. Vorliegende Schrift, dem Andenken Lazarus' zu seinem 80. Geburtstage gewidmet, stellt sich die Aufgabe die Begründung der Völkerpsychologie, und Lazarus' Wirken für diese von ihm geschaffene Wissenschaft darzustellen» Dem Verfasser steht der ungemein reiche, in Berlin und Meran verwahrte literarische Nachlass seines Lehrers zu Gebote, und so ist es ihm möglich, neue Aufschlüsse zu bieten und im Hinblick auf weit verbreitete Irrtümer zum ersten Male quellenmäßig nachzuweisen, dass der Gedanke und die Tat der Begründung der Völkerpsychologie lediglich von Lazarus stammen. Die Freunde des verstorbenen Philosophen werden, obwohl Biographisches im wesentlichen nur insoweit herangezogen ist, als es jene Aufgabe erfordert, sein Lebensbild durch manchen neuen Zug bereichert und seine Stellung innerhalb der Philosophie, insbesondere s**in Verhältnis zu H er b a rt und St ein th al dargelegt finden, das bisher vielfach falsch aufgefasst worden ist. Dem Vorbilde seines Lehrers folgend, hat der Verfasser seiner Arbeit eine Form gegeben, die sie dem weiten Kreise der Gebildeten zugänglich macht; sie dürfte geeignet sein, in das Wesen und die Aufgaben der Völkerpsychologie einzuführen, wie Lazaru s sie erfasst. Ein Eegister orientiert über den behandelten Stoff. Das beigegebene Bild stammt aus dem Jahre 1902 und ist bisher noch nicht veröffentlicht worden. Dr. Leicht (Meissen), der im vorigen Jahre' Lazarus' „Pädagogische Briefe" herausgegeben hat, arbeitet an dessen Biographie und bittet alle, welche Briefe von Lazarus oder Nachschriften aus seinen Vorlesungen besitzen, ihm solche auf kurze Zeit zu überlassen. A. Haibert Zionstöchter. Frauenstudien. Verlag' Hans P riebe & Co. Berlin-Steglitz 1904. Von der Jüdin will uns H a l b e r t erzählen. Nicht von der Jüdin eines bestimmten Landes oder einer begrenzten Zeit. Von der Jüdin, schlechtweg soll die Rede sein. Das Ewige in ihr, das von Ort und Zeit unberührt bleibt, das war, ist und vielleicht auch sein wird, will er uns zeigen. Das ist eine grosse Aufgabe. Eines Dichters und Denkers würdig, eines Künstlers von Grösse und Macht. H albert ist seiner Aufgabe nicht gerecht geworden. Und wäre nicht wenigstens der Wille zu loben und das heisse Streben, und zeigte er nicht auch in diesem Buche wieder seine Begabung, so müsste man ihn ernstlieh zurückweisen. Es ist aber unnötig. Man legt das Buch mit einem verzeihenden Lächeln weg. Was da in manchmal recht deutlich gewollter Erregung fiebert und stammelt, das ist nichts Grosses und nichts Bezwingendes. Was uns H albert an subtiler Stimmungsmalerei bietet, beraubt er selbst durch seine Ueberschwänglichkeit des Eindruckes. Nein, das ist nicht das jüdische Weib. Es hat viele jüdische Schriftsteller gegeben, die ihr bewusstes Judentum viel weniger eindringlich betonten und doch die Schönheit und Hoheit des jüdischen Weibes tiefer und reiner empfanden als H a 1 b e r t. Diese sentimentalen, erotisch-hysterischen Figuren, die H albert auf die Beine stellt, dürfen mit den Frauen und Mädchen etwa Komperts oder Bernsteins nicht einmal in einem Atem genannt werden. Komp er t und Bernstein waren überzeugte Verfechter der Assimilation und wollten manches anders sehen, als es wirklich war. Und doch sind Frauen und Mädchen ihrer Erzählungen Jüdinnen, deren keusche, innige, hoheitsvolle Schönheit und Reinheit sich den Halbe rtschen Gestalten gegenüber verhält wie lauteres Gold zum Messing, das durch irgend ein Putzmittel zu falschem Glänze gezwungen wurde. Wenn sich Haiberts Frauengestalten auch Judith oder Miriam nennen oder nachdrücklich darauf verweisen: „Ich heisse Rahel", so sind das eben nichts anderes als Namen. Leerer Schall, Worte, nichts als Worte. H albert zerstört selbst, was an Stimmungsgehalt dem Leser gerettet werden könnte. Von dem Drama „M o s es" soll nicht weiter gesprochen werden. Es protzt mit Banalitäten, die schlecht genug in tiefsinnig scheinende Phrasen gehüllt sind. Schliesslich kommt Ziporah als sine Art „Käthchen «ron Heilbronn in der Wüste*. Das hat Moses nicht um ans verdient! — Soviel vom Künstlerischen des Buches. Nun noch ein Wort über das Formale. Wenn wir auch den Massenverbrauch von Interjektionen und das Stammelnde der Sprache als Ausdrucksmittel für Stimmungen hinnehmen wollen, so sind die oft peinlichen sprachlichen Inkorrektheiten dadurchkeineswegs entschuldigt. Ueber die schliesslich jedem Leser auf die Nerven fallende Wut der invertierten Wortstellung soll dabei gar nicht speziell geredet werden. Ein wenig mehr Achtsamkeit wäre Herrn H a 1 b e r t auch in dieser Hinsicht dringend zu empfehlen. W. Feuilleton. Die Modernisierung der Bibel. ) IL Das mindeste, was man von einem Dichter verlangen darf, ist, dass er überhaupt ein Gefühl dafür besitze, was Poesie und zur poetischen Formung verwendbar ist. Im anderen Falle wird er Schöpfungen darbieten, die sich nur etwa mit einem gereimten oder vertonten Speisezettel werden vergleichen lassen. Der Gegenstand kann von tiefstem Ernste sein, den Mittelpunkt der Erde oder die höchsten Prinzipien der Sittlichkeit behandeln: es genügt, ihn in gleichmässig lange Teilchen zu zerhacken und diese im Marschtakt oder mit gleichklingenden Schellen an ihrem Ende aufmarschieren zu lassen, um den vollendeten Eindruck einer Persiflage hervorzurufen. Leider hat Klausner in seinen. Gedichten, der Bibel nicht einmal diesem fatalsten aller ,,Diehterairrtümer zu entgehen verstanden, und nur dem eigentümlichen ehrfurchtverbreitenden Hauch, der über allen Worten des Buches unserer grossen Vorzeit liegt, mag er es danken, wenn seine Missgriffe nur Befremden und nicht Gelächter auslösen. Ich möchte nicht annehmen, dass er „das bürgerliche Gesetzbuch in Versen" habe nachahmen wollen, als er die in Form von Flüchen gekleideten Gesetzesparagraphen des 27. Kapitels im 5. Buche Moses als ' „tadellose" ftinffüssige Jamben in seine Gedichte setzte: Verflucht, wer seines Vaters Weib berührt — Er hat entweiht des Vaters Lager —! Amen! Verflucht, wer sich dem Vieh gesellet! Amen! Verflucht, wer seines Vaters Tochter sich, Wer sich der Mutter Tochter gattet! Amen! Verf lucht, wer Weibes Mutter anrührt! Amen! — und so ganze eineinhalb Seiten fort. Offenbar hat die Fluchstimmung jener ganzen Szene, die auf die erregbare. Phantasie der alten Hebräer zugunsten des vorgetragenen Gesetzes den schreckhaftesten und seh auervollsten Eindruck ausüben sollte, unseren TTeberarbciter verführt, sie für Poesie zu halten; aber die Prosa der Worte löscht die Poesie der Szene vollständig aus. Nicht jeder Bibelabschnitt in gehobener Sprache ist ein Gedicht, aber Klausner, der auch aus dem Pentateuch eine möglichst grosse Quantität Verse ziehen wollte, hielt wohl dafür. Darum ist ihm auch der Segen des sterbenden Jakob, der nichts weiter als eine Charakterisierung seiner Söhne durch einige orientalische Gleichnisse enthält, zu einem Gedichte in Keimen geworden, obwohl das unsWesentliehe eines lyrischen Gedichtes, die Tiefe und Einheitlichkeit einer Seelenstimmung, ihm vollkommen abgeht. Was den eifrigen Versifikator bewogen hat, die Erzählung Jona, das Idyll Kuth und gar die Novelle Esther in rhythmische Zeilen zu setzen, ist nicht erfindlich. Er konnte doch nicht der Meinung sein, dass jene wunderbaren Kabinettstücke volkstümlicher Prosa und dieser durch sich selbst wirkende, packende volkstümliche Stoff einer Niccllichmaeherei in Versen bedürften, um zu poetischer Wirkung zu gelangen! Dann wäre auch nicht zu begreifen, warum nicht mit dem Schöpfungsmythus, dem paradiesischen Idyll, den Liebesnovellen der Erzväter, der dramatischen Erzählung Joseph und hundert anderen „Gedichten der Bibel in Prosa" das gleiche geschehen ist. So sind wir mit Verschen in Julius Wolffscher Manier begnadet worden, in denen der letzte Teil der Umdiehtung „Esther" wohl die *) Vide „Die Welt", Nr. 38.

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