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Die Welt · 1904-10-14 · 42 (14.10.1904) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „MC-*-Welt" Nr. 42 ärgste Strafe für einen Geniesser des Schönen bedeutet. Die ganze chronikale Prosa dieses Schlusskapitels muss im Entenmarsch wackelnder, schnatternder Verse an uns vorbeidefilieren. Ein schreiender Unverstand und eine stumpfe Gefühllosigkeit für die Grenzen der Poesie und der poetischen Formen liegt in solchen Versuchen. In ungeschicktere Hände konnte die Bibel gar nicht fallen. Kehren wir aber zu unserem theoretischen Ausgangspunkte zurück. Wenn eine modernisierende Umdichtung der Bibel Sinn haben sollte, so musste sie ein wirkliches Umschaf fen darstellen. Das Unmittelbare musste ins Schöne hinüber- und eingehen. M. A. Klausner hat nichts davon begriffen. Er hat sich nur an der Oberfläche dieser Notwendigkeit bewegt und gehalten. Er hat die äusserlichste Form verändert, alles übrige, wie es war gelassen. Ein hinkendes Monstrum von Poesie ist so geboren worden. Ist der parallelistische Satz der Bibel aufgelöst und die deutsche Strophe dafür eingesetzt, so durften unmöglich auch die Ideenfolge im kleinen, Wort, Wendung und Bild, Uebergang oder Unterbrechung dieselben bleiben. Die häufigen Wiederholungen der biblischen Ekstase, das plötzliche U e b e r springen althebräischen Ueberschwanges von einem Gegenstand zu einem anderen und wieder das unvermittelte Bückkehren zum ersten, der plötzliche totale Umschlag der Seelenstimmung — all das, was eben der Poesie der Bibel so charakteristisch ist und eben nur die Freiheit des parallelistisehen Bezitationssatzes möglich macht, muss in der festgeknüpften Strophenform fallen. Sollen aus der Poesie der Bibel Gedichte der Bibel werden, so ist für ein jedes dieser Gedichte die strengste Stimmungs- und Ideeneinheit unerlässlich. Ein übersetzter Psalm ist kein Gedicht. Wird aus dem zwei- oder dreiteiligen Psalmsatz ein Versepaar oder Versgeviert, so muss der wilde Dithyrambus oder Busseschrei zu einem glockenreinen Liede umgeschmolzen und abgetönt werden. Was aber hat Klausner statt dessen getan? Er hat eine prosaische Wortübersetzung in Verse nach der Elle zerschnitten, in Strophen geschachtelt und rhythmisch auftanzen lassen. Will sich jemand einen Begriff davon machen, so mag er „Deboras Siegeslied" bei Klausner nachschlagen. Wir waren derartige Umdichtungen bisher nur in schlechten Festgebetbüchern gewohnt gewesen. Ist so am Wort der Bibel sklavisch festgehalten worden trotz Eeim und Rhythmus, so ist vom wahren Geist der Bibel, von der Glut ihrer Bilder und Gefühle kaum ein Hauch geblieben — vielleicht eben wegen Biiythmus und Reim. Oder liegt das Manko tiefer? Wir brauchen dem Uebersetzer durchaus nicht ein gläubiges Gemüt und einen guten Willen abzusprechen; aber der Brustton seiner Ueberzeugung quillt aus einem frostigen Innern. Nur an spärlichen Stellen bricht echtes Pathos durch, meist wird es durch kalte, funkenleere Wortasehe verschüttet. Oft möchte man daran verzweifeln, class Klausner wirklich des Stammes sei, der unter dem glühenden Himmel Palästinas seine Jugend durchträumte und der durch Jahrtausende bewies, class seine Söhne in Wahrheit zu jenen gehören, die zu sterben verstehen für das, was sie lieben. So ist denn der Lavastrom der Prophetenreden Jesajas zu einem trübselig fliessenden Brei geworden, der Schauer der Ezeehielschen Vision zu einem trockenen Erlebnis und die schwärende und ausbrechende Glut des Hohen Liedes zu einem blassblauen Liebesblümchen. Die wunderbare Klangfarbe der ersten Verse dieser sinnlichsten und doch keuschesten aller Liebeshymnen ist zu folgenden ledernen Reimzeilen herabgesunken : Komm, Geliebter, komm herein, Zur Erneurung unsres Bundes; Köstlicher denn Peuerwein Sind die Küsse deines Mundes.. •' ■ Deines Atems süsser Duft, Er berauschet und berücket; Deiner Nähe Balsamluft (!) Aller Mädchen Sinn entzücket. Drang und Zwang treibt mich dir nach-- Warum sollen Verse nicht auch einmal als abschreckendes Beispiel zitiert werden dürfen! Auf der Höhe dieser „glänzenden" Sprache steht das meiste der Klausnerschen Bearbeitungen, wenn auch nach unserem Ermessen die unsäglichen und unzähligen Plattheiten der „Sprüche"-TJebertragung, die auch hier durch Wortsklaverei einerseits und Reimängste andrerseits verschuldet sind, den Vogel abschiessen. Ihr vertraut mit ganzem Herzen Haus und sich (!) der Mann so gern, Und die Treue wird dem Herrn Keinen Vorteil je verscherzen. Frohgemut, auf flinken Sohlen Regt sie sich und spinnt mit Fleiss; Wie ein Kauffahrteischiff (!!)) weiss Ueberall sie Brot zu holen. Verlangt man noch mehr als dieses „Loblied auf das jüdische Weib"? Und das soll uns die Poesie der Bibel exschliessen helfen! * # * Wie nur die allzu diensteifrige Verhimmelung jungjüdischer bildender Kunst den geradezu fürchterlichen Buchschmuck zu den „Gedichten der Bibel" von Judith Klausner auf dem Gewissen hat, so ist auch die „einhellig freundliche Aufnahme" dieser' Gedichte selber in der literarischen Welt — ein beschämendes Zeugnis unserer Armut. Wie wenig müssen wir besitzen, wenn wir so etwas gelten und rühmen lassen. Aber zu unserem Tröste dürfen wir konstatieren, dass da, wo die wirklich neuen jüdischen Werte sind, ein Gleichnis für solchen Tiefstand nicht existiert. WTir wilden Nationalen sind doch bessere — Künstler. Dr. Israel Auerbach. Briefkasten. J. T., Berlin. Ekaterinoslaw, Russland. S. H., Suczawa. Der I. Jahrgang ist vergriffen. F. F., Drohobycz. Das erfahren Sie in jeder Buchhandlung. G. Steiner, Horazdiowitz. Gemeint ist die ßaron Hirsch. Stiftung, Wien, IX., Wasagasse 8. Zionist, Pilzno. Anonym und ohne Stampiglie Papierkorb. S. Bujes, Constanza. Berichte ohne Stampiglie und Unterschriften der Funktionäre können wir nicht bringen. Bitte einen offiziellen Bericht einzuschicken. S. H. Goldmann, Frankfurt. Schon gebracht Besten Dank. Gabriel B., Wien. Parabel mit Dank abgelehnt. Ludwig B., Berlin. Besten Dank für Ihren Bericht. Hoffentlich werden wir über diese Angelegenheit von offizieller Seite eine Kundgebung erhalten. Rabbinertum in Galizien, Dankend abgelehnt. Solche Fragen verlangen genaueste Kenntnis und grösste Objektivität. Wir vermissen beides. M. H. Stier, Wiznitz. Ja. L. Straschun, London. Das A.-K. wendet der Sache volle Aufmerksamkeit zu» Sie erhalten bald Nachricht. SPENDEN für den Nationalfonds: Mano Widder, Budapest, für Kapures......, *-20 Nationalfondsbüchse im Hause Dr. Chamizer, Leipzig. 16.40 Fraa Jenny Lewin, Berlin , . ............ 1.20

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