Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316116--46213-3341056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 42 lfbie * W^lt Seite 7 ihre Tätigkeit, durch Sammlungen, die pfennigweise einfliessen, hat der Nationalfonds in etwa zwei Jahren die Höhe von ll|a Millionen Kronen erreicht. Und was das wichtigste ist, ungezählten Menschen, die im Zwiespalt der Nationen hin- und hergeschleudert wurden, wurde ein Halt gegeben. Es vollzieht sich zwar, sagte Redner, eine gesellschaftliche Scheidung zwischen Juden und Ariern, aber zugleich schwindet jene Missachtung und Herabsetzung der Juden, die noch vor wenigen Jahren bestand» Es ist fälschlich geglaubt worden, dass man, um gleichberechtigt zu sein, auch gesellschaftlich amalgamiert sein müsse. George Eliot, die Freundin des Goethebiographen Lewis, war merkwürdigerweise die erste Schriftstellerin, die einen zionistischen Roman „Daniel Deronda" schrieb. Dort behandelt sie auch diese Annahme und erklärt: Nur in dem Zusammenleben kann sich der Charakter eigenartig, fest und sicher entfalten und die anderen, die ebenso für sich leben und sich in ihrer Weise geistig entwickeln, werden dann mit uns sehr gerne verkehren, ohne dass man gezwungen ist, allzu familiär miteinander zu werden; sie präzisierte dies als Absonderung und Verbindung,*) Es muss betont werden, fuhr der Redner fort, dass man Herzl bei all seinen gewinnenden Eigenschaften doch nur an den rMrstenhöfen empfing, weil eine kräftige Organisation hinter ihm stand und weil er den Willen einer grossen Judenmasse vertrat, in deren Namen er — es geschah dies zum ersten Male — im Golus jüdische Politik machte. Die Idee existiert, die Organisation besteht. Der Zionismus steht heute auf dem Scheideweg eben durch den Tod Herzls. Aber die Bewegung wird und muss weitergehen. Redner schloss mit dem Appell an die Versammlung, sich dem Zionismus als Werk des Friedens, als Bollwerk gegen das körperliche und wirtschaftliche Leid der Juden im Osten und gegen die Zurückdrängung der Juden im Westen anzuschliessen. — Der Vortrag, der vom jüdischen Frauenverein veranstaltet worden war, fand lebhaften Beifall. Das Publikum bestand aus den besten Prager jüdischenKreisen. Unter den Anwesenden war auch der Dichter Hugo Salus, Landesschulrat Bendiener und andere hervorragende Personen. Berichte aus Ungarn. Allgemein macht sich der tiefe Eindruck, den der Tod unseres Führes Dr. Theodor Herzl hervorgerufen hat, geltend. So wurden an vielen Orten Trauerfeiern abgehalten. Auch hat der Misrachikongress in Pressburg seine Wirkung nicht verfehlt. In allen Teilen des Landes werden Versammlungen abgehalten und zionistische Vereine gegründet. Nachstehend veröffentlichen wir folgende Berichte : Raab. Die Raaber „Tikwah" veranstaltete am 14. August eine Trauerfeier nach Dr. Theodor H e r z 1, welche, entsprechend dem Andenken unseres geliebten Führers, einen sehr würdigen Verlauf nahm. Es fand sich die weitaus grösste Zahl der Gemeindemitglieder ein. Die Mitglieder des Vereines waren mit Trauerflor versehen. Nach Abhaltung einiger, die Bedeutung Herzls für das Judentum und den Zionismus] würdigender Reden und nach Absingung des „El mole rachamim" und des „Schiwissi" schloss die Feier, die einen sehr erhebenden Eindruck gemacht hatte. Oedenburg. Auch hier hat der Misrachikongress seine Wirkung nicrit verfehlt. Einige Juden, noch unter dem Eindrucke stehend, den sie von dem Misrachikongress gewonnen, haben im Verein mit einer bereits bestehenden zionistischen Tischgesellschaft eine rührige Agitation entfaltet. Auch hier fanden sich natürlich einige „Magyaren" mosaischer Konfession, die „die Vaterlandsverräter" in ihrer Tätigkeit hindern wollten, was ihnen jedoch nicht gelang. Denn diese kleine Reklame dieser Herren hat den Misrachisten gar nicht geschadet, welche unbekümmert um den Aerger der „Vaterlandsretter" einen Verein „Misrachi" gründeten, der bereits aus 40 Mitgliedern besteht und sich aus beiden Gemeinden rekrutiert. Der Präses des Vereines ist A. Horowitz, Vizepräses S. Alt mann, Kassier J. Koppel, Schriftführer L. Engel. Nemet-Keresztur (Oedenburger Komitat). Auch hier hat sich, wie verlautet, vor einigen Tagen ein Misrachiverein konstituiert Akosfalva. Unter den jüngeren Mitgliedern der Gemeinde macht sich eine Bewegung zur Gründungeines zionistischen Vereines und Erbauung eines Tempels geltend. Die konstituierende Versammlung findet am 2. Oktober statt. Die Budapester Studentenvereinigung „Itiaccabaea" hielt am 20. August in ihren im Cafe* Corvin befindlichen Klublokalitäten ihre Vorstandswahlen ab. Das Ergebnis war folgendes: Präses Dr. Aron Schön feld, Vizepräses Bernhard Eisen berg, Sekretär Hugo S ch ey, Kassier Kahan Nison, Schriftführer Ludwig B a t ö. Auch beschloss die „Maccabaea" zu Ehren des verstorbenen Doktor Theodor Herzl eine Trauerfeier in der ersten Hälfte November zu veranstalten. Zur Vorbereitung der Feier wurde eine Kommission gewählt. Zugleich wurde der Beschluss gefasst, jüdische Geschichte und Wissenschaft zu kultivieren. Jüdische konfessionelle Schulen und Lehranstalten in Ungarn. Der jetzt erschienene Familienkalender für das Jahr 5665 bringt auf Grund von amtlichen Daten eine Statistik über jüdische Schulen und Lehranstalten im Jahre 1902. Demgemäss gibt es im Lande 506 jüdische Elementarschulen mit 808 Lehrern, 158 Lehrerinnen und 37.788 Zöglingen. Unter diesen haben 32.734 magyarische Muttersprache. Unter dem Lehrpersonal smdnurzehn ohne Diplom. Von den 391 Lehrern Ungarns, die der magyarischen Sprache nicht mächtig sind, ist kein einziger ein Jude. Die Kosten für die Erhaltung der jüdischen Volksschulen betrugen 1,625.021 Kronen. Die Deckung hierfür wurde aufgebracht durch Unterrichtssteuer in der Höhe von 582.346 Kronen und durch Schulgelder in der Höhe von 73.306 Kronen. Behörden, Staat und Gemeinden gewährten Subventionen in der Höhe von 73.306 Kronen. Die übrigen Kosten bestritten die Kultusgemeinden. Seit 1892 haben wir 65 konfessionelle Schulen verloren. Jüdische Bürgerschulen gibt es im Lande 13, und zwar 7 Knaben- und 6 Mädchenbürgerschuler. In denselben unterrichten 56 Lehrer und 54 Lehrerinnen 993 Knaben und 884 Mädchen, insgesamt also 1877 Schüler. Andere konfessionelle Schulen haben wir 6, und zwar 1 Qnterrealschule in Waag-Neustadtl, 1 Rabbinatspräparandie in Budapest (unterer Jahrgang), 1 höhere Handelsschule in Nagy Kanizsa, 1 orthodoxe Rabbinatspräparandie in Pressburg und 1 Kongr. in Budapest, ferner 1 isr. Lehrerpräparandie. Was den Schulbesuch in nichtkonfessionellen Schulen anbelangt, so besuchten 10.016 Zöglinge Gymnasien, 3866 Realschulen, 1897 Universitäten, 700 die Technik, 269 die Rechtsakademie, 1515 die höhere Töchterschule. Unter den Hörern der höheren Unterrichtsanstalten befinden sich also 20-3% Juden. Zur Apothekerprovisorprüfung meldeten sich 23 Juden. Die Malakademie besuchten 1, die Bildhauerschule 1, die Landesmusterzeichensehule 24, die Schauspielschule 76, die Musikschulen 552, die Hebammenschule 45, diverse Fachschulen 115, die Kunstgewerbeschule 32, die Marineakademie 1, die Orient-Exportakademie 15, höhere Gewerbeschule 165, Gewerbefachschule 466, die Gewerbe-Lehrlingsschule 6427. die höheren Handelsschulen 2701, die Handelsschulen für Frauen 320, die Handels-Lehrlingsschule 2606 Juden. Ferner gibt es im Lande 7 jüdische Waisenhäuser mit 14 Lehrern und 228 Zöglingen. In nichtjüdisch-konfessionellen Waisenhäusern wurden 38 jüdische Waisenkinder erzogen. Li—. Nagymärton. Der hiesige jüdische Verein der jüngeren Gemeindemitglieder hielt am 26. v. M. eine gut besuchte Versammlung ab, in welcher Herr Moriz Königsberg eine geistvolle Rede über Zionismus hielt. Unter dem Eindrucke der Ausführungen beschlossen die Anwesenden innerhalb kurzer Zeit einen zionistischen Verein zu gründen. Kismärton. Der jüdische Verein der Kismärtoner jungen Leute hielt am 28. v. M. seine Vorstandswahlen ab. Das Ergebnis war folgendes: Josef Steinhart, Präses; Gabriel Wolf und Leopold Deutsch, Vizepräsidenten; Israel Wolf, Kassier; Karl Reininger, Schriftführer. Der erst einjährige Verein kann bereits auf eine erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken. Zweimal wöchentlich werden Vorträge mit nachfolgender Debatte abgehalten. In der Generalversammlung wurde auch beschlossen, dass der Verein in seiner eigenen Mittte zum Zwecke der Propagierung zionistischer Ideen eine Agitationsgruppe gründe. *) »Separation and Communications