Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-10-14 · 42 (14.10.1904) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316116--46212-3341055
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 „bi* & weit" Nr. 42 vorhob. Der Zar entgegnete, wie der „Regierungsbote" meldet, „dass es ihn mit Freude erfülle, zu wissen, dass die Juden alle Lasten redlich teilen, welche das russische Volk jetzt trägt". Die „Petersburgskija Wjedomosti" widmen diesen Worten des Zaren einen längeren Artikel, in welchen sie auf die immerwährende Agitation der russischen Judenfeinde gegen die Juden in Russland, auf die verhängnisvolle Rolle der antisemitischen Presse hinweisen und der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass die in Odessa gesprochenen Zarenworte vor der ganzen Welt die üblichen Anklagen gegen die Juden als Lüge stempeln. Theodosia (Gouvernement Taurien). Der Gouverneur von Taurien, Stallmeister T r e p o w, wohnte in der Synagoge zu Theodosia dem Gottesdienste bei. Nach Beendigung des Gottesdienstes hielt Tre p'ow an die Juden, wie der „Juschny Kurjer" meldet, folgende Ansprache: „In den Reihen der russischen Armee befinden sich Juden, welche gleich den Russen ihr Blut vergiessen und für das Vaterland sterben. Viele Juden haben sich bereits ausgezeichnet. Besonders bemerkenswert ist die heroische Tat der jüdischen Musikanten des 11. Regimentes, welche während der Schlacht nicht aufhörten, zu spielen, und als der Regimentsgeistliche, von Kugeln getroffen, niedersank, ihn so lange unterstützten, bis es den Regimentern gelang, sich durch die feindlichen Linien einen Weg zu - bahnen und sich zurückzuziehen. Dadurch haben die jüdischen Musikanten den Geistlichen und das Regiment vor sicherem Untergange gerettet. Erziehet eure Kinder auch fernerhin in diesem Geiste, und es würde mich sehr freuen, wenn die Rechte der Juden immer mehr erweitert würden." Wilna. Während seiner jüngsten Anwesenheit in Wilna hat der neue russische Minister des Innern, Fürst Swiatopolk-Mirsky, den Vertreter der amerikanischen „Associated Press", Howard Thomson, empfangen und sich dem Amerikaner gegenüber über die Fragen der inneren Politik geäussert. Ueber die Judenfrage sagte der Minister wörtlich: „Eine überaus wichtige Aufgabe der inneren Politik ist die Judenfrage, welche mich sehr interessiert. Ich habe aufmerksam ihren ernsten Charakter studiert und weiss, wie schwer sie zu lösen ist. Ein kürzlich erlassenes Manifest des Kaisers hat die Rechte der Juden hinsichtlich des Wohnrechtes und der Berufswahl erweitert. Die Lage der ärmsten Klassen ist indessen äusserst schwer. Das Beste, was man für sie ernstlich wünschen kann, ist, ihnen weiten Spielraum in der W a h 1 ihrer Existenz- und Arbeitsmittel zu geben." Nach diesen Aeusserungen des Ministers dürften die überschwänglichen Hoffnungen, welche in einigen jüdischen Kreisen auf den Fürsten Mi r s ky gesetzt werden, kaum in Erfüllung gehen. Von der geträumten Gleichberechtigung der Juden in Russland kann somit keine Rede sein. Jekaterinoslaw. Wie der „Pridnjeprowskij Kraj" meldet, haben die Judenkrawralle in Jekaterinoslaw volle zwei Tage, am 17. und am 18. September, gewütet. Viele Juden sind schwer verletzt, über hundert jüdische Geschäfte völlig ausgeplündert worden. Der Gouverneur hat die Teilnehmer an den Exzessen gegen die Juden auf administrativem Wege zu kleinen Freiheitsstrafen verurteilt, und zwar wurden sechs Personen zur Polizeihaft in der Dauer von zwei Monaten, acht Personen in der Dauer von drei und zehn Personen von zwei Wochen verurteilt. Die liberale Zeitschrift ,,Russju wendet sich in scharfen Worten gegen die in den antisemitischen Blättern noch immer betriebene Hetze gpgen die Juden und ruft am Schlüsse aus: rDie sittliche Pflicht unserer Presse, in der die innere Stimme des Gewissens noch stark ist, ist es, wenigstens in dieser schweren Zeit die kleinlichen und hässlichen Hetzereien gegen die Juden zu brandmarken." Charkow. Ende September hielt der akademische Senat der Universität zu Charkow eine Sitzung ab, um die Gesuche der Juden um Aufnahme in die Universität zu prüfen, Wie der „Juschny Kraj" meldet, wurden im ganzen nur 24 Juden aufgenommen. Die Zahl der aufgenommenen Christen betrug 475. Kischenew. Am 3. Oktober begann eine weitere Serie von zwölf Prozessen gegen die Teilnehmer an dem Judenmassaker von 1903. Das Forum ist wieder ein aus Odessa delegierter Gerichtssenat unter Vorsitz des Präsidenten Mersljakow. Die Verhandlung begann mit dem Prozesse gegen die zwei Mörder P o 1 i ako w und Du dz ak, die am Ostermontag 1903 die arme, Milchhändlerin Cheile Kos ja mit Knütteln ermordet hatten. Der Arzt konstatierte seinerzeit, dass der Frau der Schädel zerschmettert und die Nase in furchtbarer Weise einge drückt wurde. Beide Angeklagten wurden nichtsdestoweniger vom Morde freigesprochen und D u d z a k nur wegen Raubes zu acht Monaten Zwangsarbeit verurteilt. — Der andere Prozess wurde gegen die Mörder Kowerin, P i w s c h o k und Fokscha durchgeführt, welche Kolman Woljowitsch getötet und dessen Kinder Srul und Ita Woljo witsch schwer verwundet haben. Wie der „Regierungsbote" meldet, wurden diese drei Angeklagten völlig freigesprochen. IViinsk. Am 5. d, M. brach in der meist von Juden bewohnten Stadt G1 u s k eine Feuersbrunst aus, welche 150 Häuser einäscherte. 500 jüdische Familien sind brot- und obdachlos geworden. Die Not ist, wie die „Nowosti" melden, unbeschreiblich gross. Kiew. Der in Südrussland bekannte jüdische Zuckerfabrikant Lazar Brodskij ist vor wenigen Tagen plötzlich gestorben. Der national russische „Kiewljanin" widmet dem Verstorbenen einen warmempfundenen Nachruf, in welchem der grosse Wohitätigkeitssinn Brodskij's gepriesen und seine hohen Eigenschaften als Mensch und als Philanthrop hervorgehoben werden. Brodskij hatte ein warm empfindendes Herz für seine Stammesgenossen in Russland, denen er bei jeder Gelegenheit materielle Hilfe zu erweisen bereit war. Zahlreiche Bedürftige und Schwerbeladene verlieren in ihm ihre Stütze. Gt Aus Prag. Ueber einen Vortrag York-Steiners berichtet das „Prager Tagblatt" folgendermassen : Vor einem grossen Auditorium hielt am 1. Oktober abends Herr Heinrich York-S t ein er aus Wien im Saale der Produktenbörse den angekündigten Vortrag über „Dr. Herzl nnd sein Zukunftswerk". Der Vortrag, zu dessen Beginn der Redner ein selbstverfasstes Gedicht in Prosa »Der Todesengel" rezitierte, war ein interessant gehaltener Rückblick über die Tätigkeit Dr. Herzls in den letzten sieben Jahren und damit über den bisherigen Gang der zionistischen Bewegung. Am 7. Juli, so ungefähr führte Redner aus, wurde ein Wiener Journalist zu Grabe getragen, wie wohl nie einer vor ihm. An zehntausend Menschen gaben dem Toten, der ein Armenbegräbnis gewünscht hatte, das letzte Geleite, Staatsmänner und Fürsten kondolierten den Leidtragenden. Dieser Wiener Journalist, dessen Feuilletons feinen Juwelen in köstlicher Fassung gleichen, verdankte aber seinen Weltruf nicht seiner literarischen Tätigkeit; er hatte vor etwa sieben Jahren zwei Thesen aufgestellt: „1. Die in aller Welt zerstreuten, den verschiedenen Bildungsgraden und Kulturschichten angehörigen Juden bilden nach wie vor, ungeachtet ihrer Staatsbürgerschaft, ihrer Liebe zu den Völkern, unter denen sie wohnen, eine einheitliche nationale Gemeinschaft. 2. Das nachweislich vorhandene seelische und körperliche Elend der Juden lässt sich nur in der Weise beheben, dass für alle jene, die sich r ieht assimilieren können oder dies nicht wollen, eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina geschaffen wird.0 Und diese Sätze haben seinen Namen in alle Welt getragen. Der erste Erfolg war ein verblüffender. Herzl hatte erwartet, dass die Judenheit seinen Plan, wenn schon nicht mit Begeisterung aufnehmen, so doch in Kuhe prüfen werde. Er fand jedoch Hohn und' Spott. Er hatte sich den Zionismus als ein Friedenswerk vorgestellt und war gezwungen, eine Kampforganisation zu schaffen. Er ahnte den Erfolg voraus. Was immer er in der Entwicklung des Judentums vorhersagte, es ist haarscharf eingetreten. Zur selben Zeit, als man noch in Frankreich, England und Nordamerika einen Hort des Judentums sah, ahnte er schon die kommenden antisemitischen Massregeln und Strömungen voraus. Er wusste, dass die regellose Judenwanderung, dieses Flüchten der zusammengepressten Judenmassen aus dem Osten und die Tatsache, dass mit diesen elenden Massen der Antisemitismus, die alte Judenkrankheit, ziehe, nicht nur die Juden, sondern auch weitblickende christliche Staatsmänner einst veranlassen werde, die Judenfrage zu diskutieren. Er wusste auch, dass sich die westliche Judenheit einst gezwungen sehen werde, zu dieser Frage Stellung zu nehmen, und eine rechtlich gesicherte Heimstätte für diese fluktierenden Elemente zu suchen. In diesen sieben Jahren ist nun eine weltumspannende Organisation entstanden, die an dem Gedanken des Zionismus in Südamerika, im ganzen Norden der Union, von Russland bis Rom und von Alexandrien bis Sibirien arbeitet. Einige hundert Zeitungen verkünden die Ideen des Zionismus, eine Bank mit sechs Millionen Franks Kapital beginn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.