Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-10-14 · 42 (14.10.1904) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316116--46208-3341051
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 „biS * W^lt" Nfc,4& wird plötzlich nach Argentinien, in eine unkultivierte Gegend versetzt und soll den Boden urbar machen. Er arbeitet im Schweisöe seines Angesichtes, er versteht aber die Sache nicht und wenn er auch die Anweisungen leicht begreift, so ist er der Arbeit nicht ebenso leicht gewachsen. Er plagt sich ein, zwei, drei Jahre. Er sieht, er kommt auf keinen grünen Zweig. Er fängt an. nachzudenken. Wofür plagt er sieh mit einer ganz ungewohnten, schweren Arbeit? Er hat nichts davon, nicht sein Weib und nicht sein Kind. Und Argentinien? Was ist ihm Argentinien? Was ist ihm Hekuba? Es fehlt ihm jede sentimentale Romantik. Er lässt Pflug und Flegel liegen, geht nach Buenos Aires und handelt mit alten Kleidern. Kun, und in Palästina? Ja, da hilft die sentimentale Romantik über viele Schwierigkeiten hinweg. Derselbe Melamed, derselbe Makler und Händler, welcher nach Palästina als Kolonist kommt, hat allerdings auch dort mit grossen, vielleicht noch grösseren Schwierigkeiten zu kämpfen. Allein bevor, er hinkam, hat er dreimal des Tages, mit dem Gesicht nach Osten gewandt, gebetet um die Rückkehr der Juden nach Palästina. Nun ist er dort. Er muss schwer arbeiten und dabei darben. Seine Geduld wird stark auf die Probe gestellt. Allein er hat einen moralischen Halt, er hat eise grosse Idee, die ihn antreibt, auszuharren. Er weiss, er ist ein Pionier für die Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes und arbeitet und darbt weiter — für sein Volk, für sein L a n d. Diese Idee bereitet ihm einen seelischen Hoehgenuss, der ihn für alle Mühe belohnt. Das macht die sentimentale Romantik! Dies ist nicht nur so ausgeklügelt, sondern verhält sich wirklich so und ist durch Tatsachen erwiesen. Fast sämtliche Kolonisten Argentiniens sind Zionisten und Schekelzahler und wünschen nichts sehnlicher als nach Palästina übersiedelt zu werden. Dagegen sind die palästinensischen Arbeiter auch durch grössere Geldangebote nicht zu bewegen, Palästina zu verlassen. Was die Unfruchtbarkeit Palästinas betrifft, so kann gewiss der durch Jahrhunderte verwahrloste Boden Palästinas im allgemeinen nicht frachtbar genannt werden. Allein wer weiss nicht, dass dies einmal das Land war, wo Milch und Honig floss? Und zweifelt der Herr Reichskanzler daran, dass es durch Fleiss und Ausdauer mit Hilfe der derzeitigen Kulturmittel wieder zu einem solchen gemacht werden kann? Hätte er, als er in Palästina war, die jüdischen Kolonien besucht, dieser Zweifel wäre behoben worden. Die zionistische Abordnung beim deutschen Kaiser in Palästina hat diese Kolonien besucht und war insbesondere von Iii schon le Zion entzückt, das nicht wie ein Dorf, sondern wie ein prachtvoller Garten aussieht. Einem der Herren fiel auf, dass die ganze Umgebung aus lauter Sandboden bestand. Darauf bemerkte ein Kolonist: „Bevor wir Rischon gründeten, war es genau dieselbe Sandwüste wie seine Umgebung." Einige Jahre enthusiastischer Arbeit hatten genügt, um einen Garten in eine Wüste hineinzuzaubern. Das hat die sentimentale Romantik gemacht. Der Enthusiasmus bei der Arbeit ist der beste Dünger. Die Ansicht, dass die Gebildeten und Wohlhabenden sich der Kolonisation nicht anschliessen, ist wohl für den Fall begründet, als es sich um eine Brotfrage handelt. Sie kann aber nicht aufrechterhalten werden, wenn es evident ist, dass es sich um eine nationale Bewegung handelt. Es ist übrigens auch durch Tatsachen das Gegenteil erwiesen. Zu den ersten Pionieren der palästinensischen Kolonisation gehören jüdische Hochschüler aus Russland, welche die Kolonie Chederah gegründet haben. Die Kolonie Rechowoth ist ohne jegliche Unterstützung von lauter wohlhabenden Leuten gegründet worden. Jüngst hat sich die Gesellschaft „Geulah", bestehend aus gutsituierten Leuten, zu ähnlichen Zwecken gebildet. Von den hunderttausenden Zionisten gehört ein beträchtlicher Teil der wohlhabenden und ein noch grösserer der gebildeten Klasse an. Wer die Zionistenkongresse besucht, wird nicht finden, dass die Hunderte von Delegierten Schnorrer sind.. Es ist zu wünschen, dass der vielbeschäftigte Kanzler des Deutschen Reiches einige Müsse finde, sich über den wahren Inhalt und Zweck des Zionismus genau zu informieren, dann wird gewiss auch er seine Ansicht über denselben berichtigen. Sir Harry Johnston über das Ostafrikaprojekt. Mr. J. L. Grecnberg erhielt dieser Tage von dem bekannten Ostafrikaforscher Sir Harry H. J o h n - s t o n folgenden Brief: Lieber Herr Greenberg! In Beantwortung Ihres Schreibens vom 26. September kann ich Ihnen sagen, dass ich die Präge der Gründung einer jüdischen Kolonie in Britisch-Ostafrika im Zusammenhange mit den von Ihnen erhaltenen Informationen sorgfältig erwogen habe. Da Sie mich nach meiner persönlichen Meinung fragen, v/erde ich sie Ihnen in den nachstehenden Ausführungen mitteilen. Also zuerst die Lage des Gebietes, welches die britische Regierung der jüdischen Kolonie zur Verfügung stellen würde. Die von Ihnen auf der Karte angegebene Begrenzung müsste ein wenig umgeändert werden, bevor sie mir als vollkommen zweckgemäss erscheinen würde. Diese Aenderungen habe ich Ihnen angegeben. Sollten meine Andeutungen von Ihrem Komitee angenommen und von der englischen Regierung bewilligt werden, so kann ich sagen, dass man keine bessere Auswahl treffen konnte in allen Landschaften von Ostafrika und Uganda. Im vorigen Jahre, als das Projekt aufkam, hiess es, dass die britische Regierung dem zionistischen Komitee ein beträchtliches Gebiet im Tanaland oder weiter nach Norden im Gallaland zur Verfügung stellt. Die Geschichte mag zwar unwahr sein, aber ich glaube es betonen zu müssen, dass jedes derartige Anerbieten bloss ironisch gemeint wäre. Es hiesse den osteuropäischen Juden ein Land geben, das entweder zu heiss und ungesund oder wasserlos und von wilden Stämmen bevölkert ist. Unter solchen Bedingungen, die zwar_vom englischen Standpunkte den britischen Interessen nicht schaden würden, wäre das Angebot für die Juden nicht annehmbar. Dann sagte man uns wieder, dass das auszuwählende Land entweder in der Nähe des Kikuyugebietcs liege, längs der Ugandabahn oder auf dem ISTandiplateau. Dieser Plan schien mir nicht kritikfrei, da wir ein besonders wertvolles Landstüek, das dem britischen Steuerzahler für seine Ausgaben für die Ugandabahn einen Entgelt bringen kann, an nichtbritische Untertanen vergeben oder im Falle des Kikuy-ulandes ein Territorium anbieten würden, das zumeist bereits von einer fleissigen eingeborenen Bevölkerung besetzt war und das wegzugeben wir kein Recht hatten. Die endgültige Wahl der britischen Regierung, das Gwas' Kgischuplateau (wenn Ihre Angaben richtig sind), ist nach den Modifikationen, die ich vorgenommen habe, ganz einwandfrei. Es schliesst das Land aus, welches den Nandi- und Kavirondostämmen gehört, lässt den britischen Siedlern die unbesetzten Partien des ISTandiplateaus und die Gegend um Ravine Station frei und berührt zugleich beinahe gar nicht die von den ackerbautreibenden Negern bewohnten Gebiete. Nichtsdestoweniger ist das Land sehr wünschenswert — eine der schönsten Partien des Ostafrikaschutzgebietes. Es ist keineswegs ungesund für Europäer. Es ist fruchtbar und durch wasserreiche Ströme sehr gut bewässert, besitzt manche prachtvolle Bergketten, die sich an manchen Stellen bis 10 000 und 14 000 Fuss erheben. Manche Teile des ausgewählten Gebietes, die Siedlungen von Kavirondonegern enthalten, würden ihren legitimen eingeborenen Eigentümern nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.