Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. ♦ Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—l/il2 Uhr. <► Preise der Anzeigen: laut aufliegendem Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abends geschlossen Einzelne Nummern 30 Heller. RoTimCnroiCO" Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—-, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: Dü£liyo|ji OIOC- Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig Rr 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,— halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 42. Wien, 14. Oktober (904. — 5. Marcheschwan 5665, 8, Jahrgang. Philanthropie oder nationale Bewegung? Sechs Kongresse haben der Welt Inhalt und Ziel des Zionismus verkündet. Auf sechs Kongressen haben Angehörige sämtlicher Stände des Judentums erklärt; dass sie die Restaurierung des jüdischen Volkes auf jüdischem Boden erstreben, und doch gibt es Leute, die den Zionismus bloss für eine Wohltätigkeitsaktion halten. Zu verwundern ist, dass auch der geniale Leiter der deutsehen Politik von diesem Irrtum befangen ist. Allerdings hat er viel Wichtigeres zu tun als die Protokolle der Zionistenkongresse zu lesen, und wird seine irrige Ansieht vom Zionismus auf eine unrichtige Information von Mittelspersonen beruhen. Nur durch diesen Grundirrtum über das Wesen des Zionismus sind die Aussprüche zu erklären, welche Graf B ü 1 o w nach der „Neuen Freien Presse *) einem Interviewer gegenüber über dieseBewegung getan haben soll. Nach diesem Interview bezieht Graf Bülow den Zionismus nur auf die notleidenden Juden des Ostens und meint: „Dass der Zionismus höchstens das jüdische Proletariat, keineswegs aber die Wohlhabenden und Gebildeten unter den Juden Europas zur Auswanderung nach Palästina zu bewegen vermöchte, dass man mit Schnorrern nicht kolonisieren könne, dass er nicht leicht ein so unfruchtbares Land gesehen wie Palästina und dass nach seiner Meinung den östlichen Juden trotz der bisherigen Misserfolge durch Kolonisierung in Argentinien eher Heil erwachsen könnte als durch den mehr von sentimentaler Romantik und keineswegs von praktischen Erwägungen geleiteten Ausblick nach den Gestaden des „Toten Meeres"." Allerdings, wenn man annimmt, dass der Zionismus nur einigen oder vielen notleidenden Menschen des Ostens Brot verschaffen will, dann ist die Ansicht erklärlich, dass das fruchtbare Argentinien dem unfruchtbaren Palästina vorzuziehen sei, dass sentimentale Romantik dabei nichts zu tun habe, und dass die Wohlhabenden und Gebildeten an einer solchen Kolonisation nicht teilnehmen. Dem ist aber nicht so! Der Zionismus ist keine philanthropische, sondern eine nationale Bewegung. Er will nicht einzelnen Juden Brot verschaffen, *) Nr. 14410, 6, Oktober. sondern das jüdische Volk restaurieren. Er will nicht Hauptsächlich die Juden des Ostens der materiellen Not entziehen, sondern er will das ganze jüdische Volk befreien. Befreien nicht allein von der materiellen Not, sondern von dem noch empfindlicheren moralischen Druck; befreien vonj dem spezifischen Judenhasse, von der Judenverfolgung, von der täglichen Erniedrigung, Beschämung und Beschimpfung. Er will — wie erwähnt — nicht weniger als die Restaurierung des jüdischen Volkes auf jüdischem Boden. Er will den Abkömmlingen des Volkes, welches die Griechen und Römer überlebt hat, die Möglichkeit verschaffen, in eigenem Lande unbehindert von religiösem und Rassenhass sieh nach eigener Art auszuleben; nach ihrer eigentümlichen Veranlagung im alten Heimatlande neue Kultur zu schaffen. Da ist allerdings „die sentimentale Romantik", die bei einer blossen Brotfrage oft schädlich wirken mag, von grossem Nutzen, da kann allerdings wohl kein anderes Land als Palästina in Frage kommen und da wird wohl niemand zweifeln, dass wir Gebildete und Wohlhabende unter uns haben, die sich für solch ein Ideal erwärmen. Der Reichskanzler weiss wohl, was die in Brotfragen allerdings oft schädliche sentimentale Romantik für grossen politischen Wert im Völkerleben hat. Was ist denn, seit es sesshafte Völker gibt, der Patriotismus anderes als eine sentimentale Romantik der Völker, ein Sentiment, welches die Völker die grössten Opfer bringen lässt, um das bedrohte Vaterland zu retten, das zerstörte wieder aufzurichten. Ein Sentiment, welches nicht wenig zur Einigung Deutschlands und Italiens, zur Schaffung von Neu- Griechenland beigetragen hat. Wer dieses Sentiment nicht hat, dem ist ubi bene ibi patria. Dieses Sentiment für Palästina hat aber bei den Juden noch einen besonderen Wert. Es macht es einzig möglich, dass ein grosser Teil der seit zwei Jahrtausenden dem Ackerbau entwöhnten Juden sich demselben wieder mit Erfolg widmen kann. Nach der Angabe des Interviewers gibt der Reichskanzler selbst zu, dass in Argentinien bisher Misserfolge zu verzeichnen sind. Was ist die Ursache hiervon? Die mangelnde sentimentale Romantik! Ein Jude, der seine Lebzeit ein Melamed (hebräischer Lehrer), ein Makler oder ein Händler war, der von Landwirtschaft keine Ahnung hat, dessen Urahnen bis vor zweitausend Jahre zurück sich mit ihr nicht beschäftigten.