Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 41 „bie # weit" Seite 13 Bücher- und Zeitschriften-Rundschau The New Era, „Illustrated Magazine ".Septembei heft 1901. Ditseneue amerikanische Zeitschi ift wird vuii Monat zu Monat besser. Sie ist immer interespant. Man kann Mi-her sein, dass man immer etwas Wisj-enswertes darin finden üird. Natürlich ist nach dem kulturellen Niveau des amerikanischen Judentums, das sieh im UtJier^angstadium b< findet, das noch nicht dazu gekommen ist, sich zu kri-tallisieren, sich eine jddUches Kulturmilieu zu schaff-n, auch die Zeitschrift etwas obeiflächlich. Aber immerhin int» ressai.t. lu dieser Nummer findeu wir einige bemerk auswerte Aufsätze, wie z. B. den Aufsatz von Joseph Sohn über Joachim, den Maestro des Violinspieis. In einfacher, scnlichter Weise wird der Lebenslauf dieses greite» Meisters erzählt, der sich aus einem ungarischen Juiepjungen zu einem weltberühmten KünstUr emporgeai beitet hat. S^-hr in^lrukuv ist z. B. der Aufsaiz: „Was die East Side liest?" Vor uns passiert das NewYorker Ghetto und wir erkennen die geistige Physiognomie des Judeo, die sich überall gleich bleibt. Von uen aus anderen Zeitschriften übernommenen Aufsätzen ist hervorzuhf ben der Artikel von Dudley F. Sicher: „Z angwill und die Jude n". Auch Erzählungen sind in diesem Hefte zu finden. Und zwar vermerken wir die.reizendeNovelle au« dem indischen Leben von Max Nordau: „Das Opfer der Udshla". Ein Schmuck des Heftes sind die Kopien der BibeJgemäld« von T i « h o t, des bekannten fanzösischen Maler»3, der sich in den letzten Jahren der Illustration der Bibel zuwandte. Das Bild „Sarah und Hagar" ist herrlich. Sanfte Töne wie <'er veitr äumte Hmnn 1 des Orients. Ruhe, aber unter der Ruh« die lohende Flamme der Lei lenschaft. Mit. Neugier, mit Eifersucht, mit Hhj-s blicken einander die beiden Frauen an. Die Herrin Sarah und die Sklavin Hagar. Und beide sind sie eerön wie die Wüste, wie die Sage . . . Im allgemeinen macht das Heft einen sehr angenehmen Eindruck. C k. Vor kurzem erschien in mehreren englischen Blättern New Yoiks ein Brief, dessen Verfasser, ein Herr Josef Brandenburger, sich vor der OefTentlichkeii darüber beschwert, da<-s ihm als einem Juden von Seiten mehrerer Hotel- und Villenbesitzer das Mieten einer Sommerwohnung verweigert wurde. Die Antworten waren nach der Aeussernn^ des Verfassers verblüffend und unverschämt; manchen waren Prospekte beigelegt, auf denen in fettem Druck zu lesen war: „Juden finden keinen Einlass!* Der untröstliche Verfasser, der erst bei dieser Gelegenheit entdeckt zuhaben scheint, ^ass man in unserer aufgeklärten Zeit noch nicht zwischen Nation, Glauben und Huutfarbe zu unterscheiden verlernt hat und dass man auch die.Juden für eine besondere Rasse halte, ist ausser sich vor Aufregung darüber, dass „das allgemeine Publikum noch wirklich sehr undai kbar sei" für das Edle und Gute, das die Juden der Welt gegeben haben. Er appelliert an den Gerechtigkeitssinn der Amerikaner, sie mögen uns doch für die geleisteten Bürgerdienste Gastfreundschaft gewähren etc., und schliesst endlich mit der ernsten Zuversicht, dass in kurzem die Unterschiede von Nationalität, Glauben oder Rasse spurlos verschwinden werden. Hierzu bemerkt der jüdisch-deutsche „Volksadvokat" vom 2. September: Was Herr Brandenburger erzählt, sei nicnt mehr neu, der Antisemitismus habe bekanntermassen in Amerika bereits ein Bürgerrecht erlangt und man müsse sich mit ihm gut oder schlecht abfinden. Viel schlimmer selbst als der Antisemitismus sei es, dass Juden .«elbst zwischen Juden und Juden unterscheiden. Die weltlichen Lähmen für sich allein das Recht in Anspruch, von den christlichen Amerikanern als gleichwertig betrachtet zu werden, während sie die Minderwertigkeit ihrer Brüder aus dem Osten zugeben. Was sollen sich die Christen denken, wenn z. B. in einer Konvention von Reformrabbinern die russischen Juden auf eine gleiche Stufe mit den Negern gestellt werden, wenn verschiedene Vergehterinren der Moral in der Presse laut klagen über die Unmoral der Oestlichen und wenn eir e Institution wie die „United Hebrew Charities" offVsn und unumwunden erklärt, die jüdischen Emicrarten aus Russland seien durchwegs Leute, die den Gemeinden zur Last fallen. Es sei klar, schliesst der „Volksadvokat", dass solche Urteile von Juden selbst folgerichtig den Judenhass nähren; dieser Judenhass aber frage nicht danach, ob einer „Deutscher mosaischer Korfession" oder bloss einfach Jude sei, —-z. Unsere Parteipresse in Gaiizien hatte im letzten Jahre einen Besitzstand aufzuweisen wie nie zuvor. Seit einem halben Jahre erscheint in Lemberg ein ausgezeichnet redigiertes« Tagblatt" in jüdisch-deutscter Sprache, das nebst der Verbreitung des zionistischen Gedankens in wünschenswerter Weise die Kulturarbeit unter den galizischen Massen besorgt. Von den verdienstvollen Leistungen dieses Tagblattes, die uns bisher besonders aufgefallen sind, mögen hier hervorgehoben werden der unentwegte Kampf gegen die Assimilation einerseits und gegen manche Auswüchse des auf das tiefste Niveau herabgesunkenen Chassidismus andrerseits, ferner die ausgezeichneten Kritiken des Lemberger jüdischen Theaters, die nicht allein den Geschmack des Publikums bilden, sondern auch viel dazu beitragen müssen, diese hochwichtige Institution vor der Versumpfung und Ausartung zu bewahren. Einen bedeutenden Aufschwung hat das Tagblatt in den letzten Monaten genommen seit dem Eintritte des bekannten hebräischen Schriftstellers M. Kleinmann aus Berdyczew in den Redaktionsverband, dessen Feuilletons den literarischen Wert des Blattes beträchtlich gehoben haben. Fast gleichzeitig mit dem „Tagblatt" begann in Krakau ein hebräisches Wochenblatt unter dem Titel „Hamizpa" zu erscheinen. Dessen Redakteur Herr S. M. L az ar ist als einer der Hauptmitarbeiter des „Hamagid" bekannt und hat nun mit seinem Wochenblatt die Lücke auszufüllen versucht, die durch das Eingehen des letzteren entstanden war. In literarischer Beziehung erhebt sich „Hamizpo" wohl nicht über seinen Vorgänger, aber er hat sich als überzeugter politischer Zionist das Ziel gesteckt, den politischen Zionismus in de>i orthodoxen Massen zu verbreiten, und diesem Ziele strebt er unentwegt zu. Eine fernere Bereicherung unserer Parteipresse bedeutet der Uebergang des von dem Stanislauer Distriktskomitee herausgegebenen „Jüdischen Wochenblatt" in die Hände unseres Gg. Löbl Taubes. Die vier Nummern, die bisher erschienen, zeigen zur Genüge, was ein berufener Redakteur aus einem von einem Komitee unberufener, wenn auch gesinnungstüchtiger Genossen redigierten Blatte zu machen vermag. Wenn das „Jüdische Wochenblatt" in bezug auf die innere Politik nur das gebotene Mass halten wird, können wir ihm eine günstige Zukunft voraussagen. Herr M. Kleinmann bleibt bei seiner Tätigkeit als Mitarbeiter des Jargonblattes nicht stehen. Gemeinsam mit dem Buchdrucker und jüdischen Schriftsteller Herrn Krepp el in Lemberg schreitet er nun an die Herausgabe eines hebräischen Tagblattes unter dem Titel „Hajom" (Der Tag). Eine Probenummer dieser Ausgabe liegt uns vor, die nebst einem klaren Programmartikel ein gelungenes Feuilleton aus der Feder Kleinmanns enthält. Das Blatt soll ausschliesslich den Interessen der galizischen Judenschaft, jedoch vom allgemein zionistischen Standpunkte gesehen, dienen und unabhängig sein von den in der hebräischen Presse Russlands tonangebenden Schattierungen und Sonderströmungen. Es wäre wünschenswert, dass dieses neue Unternehmen gehörigen Anklang fände. M. B. Feuilleton. Von da und dort. Man könnte sich vorstellen, dass irgendwo auf einer höheren Warte zwei Bücher aufliegen, in welche die Erlebnisse der Juden eingetragen werden: In das eine Buch werden die glücklichen Ereignisse eingeschrieben, in das andere die Bitternisse. Und ein erster Blick zeigt uns, dass in dem Glücksbüchlein nur wenige Seiten spärlich beschrieben sind, in dem Unglücksbuqh dagegen ist Blatt für Blatt über und über mit enggeschriebenen Chroniken bedeckt. Nicht immer schwere Unglücksschläge und Katastrophen, wiewohl auch die blutig-roten Schriftzeichen häufig genug hervorstechen. Zummindesten jedoch Unannehmlichkeiten, Misshelligkeiten, Kümmernisse. Blättern wir in dem Buche der Sorgen, in dem Abschnitt, der das Datum der letzten Tage trägt! Die französischen Juden sind in Sorge wegen des Konfliktes der Republik mit dem Vatikan. Die Trennung der Kirche vom Staat will den Juden wie eine Kalamität erscheinen. Der Staat gibt jährlich 200.000 Franks für den Kultus der