Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 flbie # w^it Nr, 41 Eine antisemitische Provokation. Die Wiener Juden tuschelten untereinander sehr vergnüglich; sah es nicht aus, als ob der Antisemitismus Luegers abfärbe? Man deutelte Wörtchen und Worte von ihm — man sah den Tag kommen, an welchem die Propheten des „Besserwerdens im Antisemitismus41 im Glorienschein ihres vorahnden Verstandes dastehen würden. Und .^.un : Der WTiener Magistratssekretär Demel hat bekanntlich seinerzeit in der Spirituosenausstellung, ohne sich durch den übermässigen Genuss vo nSpirituosen entschuldigen zu können, alle Juden als Gauner und Fälscher beschimpft, die man erschlagen soll, nachdem man ihnen die Augen ausgestochen« Die Richtigkeit der gegen den Magistratssekretär aus diesem Anlasse erhobenen Beschuldigungen wurde im Gerichtssaal erwiesen. Das Gremium der Wiener Kaufmannschaft, bei welchem Herr Demel als Kommissär fungierte, fühlte sich — wohl schon mit Rücksicht auf seine zahlreichen jüdischen Mitglieder — veranlasst, um die Verstezung dieses so radikal-antisemitischen Funktionärs zu ersuchen. Die Folge davon war, dass Dr. Lueger als oberster Chef des Magistrates böse Drohungen gegen das Gremium ausstiess. Endlich bequemte sich der Herr Bürgermeister, zu erklären, er werde die Angelegenheit genau studieren und dann mit der ihm eigenen Objektivität vorgehen. Es scheint, dass Dr. Lueger die Sache studiert hat, denn die nunmehr bekannt gewordene Ernennung des Herrn Demel zum Leiter des Bezirksamtes Aisergrund ist ein vollgültiger Beweis für die echt antisemitische Objektivität. Der famose Magistratssekretär hat —?5 Vordermänner übersprungen und wird nunmehr als selbständiger Leiter eines Bezirksamtes wirken und schaffen! Und noch dazu in einem Bezirke, in welchem die Juden sehr zahlreich vertreten sind! Der Ausbau der Meise!synagoge in Prag einem Christen übertragen! Wie die assimilatorischen Kultusgemeinden, ihre Pflichten gegen den jüdischen Bürger, namentlich den Gewerbetreibenden, auffassen, ist von Wien und andersher sattsam bekannt. Min starkes Stück leistete sich nun in dieser Hinsicht auch der Vorstand der Prager Meiselsynagoge, die nun renoviert und ausgebaut werden soll. Trotzdem eine genügende Anzahl jüdischer Baumeister und Handwerker in Prag bereits des öfteren, ihre Tüchtigkeit gezeigt hat, wurde mit dem Ausbau ohne jegliche öffentliche Verlautbarung ein christlicher' Baumeister betraut, der keine jüdischen Arbeitskräfte beschäftigt. Der Verband der israelitischen Handwerker Böhmens übergab den Sachverhalt der Uehertragung des Baues in einem scharfen „Eingesendet44 im Prager Tagblatt" der öffentlichen Diskussion. Hoffentlich wird der Vorstand der Synagoge sein ungerechtes Vorgehen einsehen und seinen Pflichten gegen Juden und Judentum gerecht werden! Vo« der Toleranz des deutschen Zentrums ist man in den Kreisen der Assimilanten felsenfest überzeugt, und. man lässt für diesen. Kreis auch in Hinsicht auf die Juden das Sprichwort im übertragenen Sinne gelten:;,Unter dem Krummstab ist gut wohnen/4 Nun steht es fest dass es damit teilweise seine Richtigkeit hat und dass namentlich die Führer der Zentrumspartei einen einwandfreien Standpunkt der Gerechtigkeit einnehmen. Die grosse Gefolgschaft der Abgeordneten aber hat wiederholt gezeigt, dass der Rassenhass in ihrem öffentlichen Auftreten aus persönlicher Neigung und politischer Klugheit eine grosse Rolle spielte, und ein Bericht aus München stellt jetzt gerade einen dieser Volksvertreter als führenden Antisemiten vor. Die christlichsoziale Vereinigung der Stadt hatte den städtischen Behörden das Gesuch unterbreitet, bei der Staatsregierung auf Einschränkung der Judeneinwan.derung hinzuwirken. Da die Eingabe der Vereinigung von den beiden kommunalen Körperschaften, ohne Begründung und ohne Behandlung abgelehnt wurde, hat die christlichsoziale Vereinigung für den 14. September eine grosse Protestversammlung einberufen. Nunmehr hat der Gemeinderat Hermann namens der Zentrumspartei das Gesuch der christlichsozialen Vereinigung aufgegriffen und neuerdings als Antrag im Gemeindekollegium eingebracht. Die Protcstversammhing fand trotzdem im Kreuzbräu unter massenhaftem Besuche statt und nahm eine scharfe antisemitische Resolution an. Die Einwanderung selbst ist eine minimale. Das ist die wahre Toleranz des Zentrums. Jüdische Tt'nierschaft Hannover. Unsere Leser wissen, dass Name und Aufnahmeparagraph dieses Turnvereines nicht nur Gegenstand einer lebhaften Debatte in den. jüdischen Gemeindekürperschatten Hannovers, sondern auch in der Presse gewesen waren. Man erblickte komischerweise in der Begründung i'ncl den Statuten dieses Vereines eine nach Lage der speziellen Verhältnisse Hannovers unangebrachte und unnötige Absonderung unserer jüdischen Jugend. Wie uns nun mitgeteilt wird, hatten 24 Mitglieder des Vereines in der Folge den An- 'T"'? auf Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung gestellt, auf deren Tagesordnung die eventuelle Abänderung des.Vereinsnamens und des Aufnahmeparagraphen gesetzt wa.r. Diese ausserordentliche Generalversammlung hat nun am 7. v. M. stattgefunden. Sie war von 53 Mitgliedern besucht, von denen laut Statut mindestens 40 für die Anträge hätten stimmen müssen, falls sie durchdringen sollten, da es sich ja um Statutänderungen handelte. Das Resultat der Abstimmung, das von der Majorität mit 'lebhaftem Beifall aufgenommen wurde, war, dass 22 für die Statut- und Namensänderung stimmten, 29 dagegen stimmten und 2 unbeschriebene Zettel abgaben. Damit waren die Anträge gefallen und es bleibt bei dem bisherigen Namen und Statut des Vereines. Wacker! Statistik der Juden in Deutschland. Nach dem amtlichen vom Kaiserlichen Statistischen Amt eben herausgegebenen Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich ist in den Religionsverhältnissen der Bevölkerung insofern eine Aenderung eingetreten, als in den letzten 25 Jahren der Anteil der Evangelischeu auf Kosten der Katholiken und Juden gestiegen ist. Unter 1000 Einwohnern befanden sich im Jahre 1900 625 (1875 623) Evangelische, 361 (362) Katholiken, 10 (12,5) Juden und 3,6 (3) Andersgläubige, Religionslose etc. Pfarrer Schneider in Elberfeld hat zu diesen statistischen Notizen folgendes bemerkt: „Der Prozentanteil der jüdischen Bevölkerung ist von 1871 bis 1900 von 1,3 Prozent auf 1 Prozent zurückgegangen. Bei der verhältnismässig geringen Anzahl der Juden sprechen die zahlreichen Uebertritte schon mit. Jüdische Abwanderung wird schwerlich als Grund der Verminderung anzusehen sein, jedenfalls wird sie durch jüdische Zuwanderung aus dem Osten mindestens ausgeglichen. Die innere Vermehrungskraft der jüdischen Bevölkerung steht der christlichen ebenfalls nicht nach. Aber die jüdisch-christliche Mischehe ist für den Bestand des Judentums ein beständiger Aderlass. Im Jahre 1900 waren in Deutschland 3287 Kinder aus jüdisch-christlichen Mischehen vorhanden, davon wurden 76 Prozent im christlichen Glauben erzogen, nur 24 Prozent waren jüdisch. In den Jahren 1875 bis 1897 (weitere Zahlen stehen uns nicht zu Gebote) entstammten jüdis.ch-christlichen Mischehen 11 578 Kinder, von diesen fiel etwa ein Viertel dem Judentum zu, ein kleiner Teil blieb Konfessionslos, aber rund 8500 wurden christlich, davon etwa drei Viertel evangelisch, ein Viertel katholisch. Das Judentum verliert also tatsächlich durch die Mischehe ganz bedeutend/4 Wir meinen, dass unsere jüdischen Kultusverwalter von diesem Pfarrer einiges lernen könnten. Prüfungen zum Reserveoffizier am Jomkippur. Da im heurigen Jahre die Möglichkeit vorlag, dass die Offiziersprüfungen der Einjährig-Freiwilligen israelitischer Konfession am Versöhnungstage vorgenommen werden, hat über Auftrag des Kultusvorstandes Herr Rabbiner Dr. Armin Abeles in seiner Eigenschaft als k. u. k. Feldprediger in dieser Angelegenheit beim Wiener Platzkommando interveniert und wurde ihm in zuvorkommender Weise das Versprechen gegeben, dass nicht bloss in diesem Jahre — am 19. September — sondern für die Zukunft überhaupt die Einjährig-Freiwilligen mosaischer Konfession am Versöhnungstage von jeglicher Prüfung enthoben werden. Aus dem Golus. Arthur Meyer, der Herausgeber und Leiter des „Gaulois", bekanntlich ein spät getaufter wütender Antisemit, dessen Judenfeindschaft unübertroffen dasteht und während der Dreyfussaffäre Orgien feierte, hat sich mit der bildhübschen Tochter des früheren Abgeordneten de Tu renne verlobt; die Mutter der Braut gehört dem ältesten und vornehmsten französischen Adel an; sie ist 'eine Tochter des verstorbenen Herzogs von Fitzjames, stammt also in direkter Linie von dem als Herzog von Berwrck berühmt gewordenen Bastard Jakob II. ab. Die Naturalisation rumänischer Juden. In der Begründung eines Urteils in einem grossen Prozess hat der Kassationshof, das höchste Gericht in Rumänien, eine Entscheidung ausgesprochen, die für die Stellung der Juden dieses Landes von weittragender Bedeutung ist. Es wird darin ausgeführt, dass die in. Rumänien, lebenden Juden, soweit sie nicht Untertanen eines anderen Staates sind, mit Ausnahme der politischen dieselben Rechte gemessen sollen wie alle anderen im Lande geborenen Bürger. Da nach bisherigem Brauche alle die Juden angehenden Fälle nach dem Fremdengesetze behandelt, die Juden damit also offiziell für Fremde oder Ausländer erKlärt worden sind, so wird damit die allgemeine Stellung und die Lage der rumänischen Juden eine ganz andere werden. Wenn man diese neue Entscheidung mit zwei anderen desselben Gerichtshofes zusammenfasst, dass nämlich die vor der Naturalisierung ihrer Eltern in. Rumänien geborenen jüdischen Kinder als rumänische Bürger zu gelten, haben und dass es gegen das Gesetz Verstösse, jüdische Einwohner als solche aus dem Lande zu treiben, so möchte man wohl der Hoffnung Raum geben, dass endlich bessere Zeiten für die Juden in Rumänien kommen werden, wenn diese Hoffnung nicht gar zu oft schon getrogen hätte.