Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „bi$ * Welt" Nr. 41 Bewegung, die es zu ungeahnter Blüte bringt; wer kein Herz für den Zionismus hat, der tatigt eben nicht zum Rabbiner, zum Lehrer seines jüdischen Volkes." Am 26. September fand im Verein der jüdischen Mittelschüler eine Fest Vorlesung über „Was war uns Herzl" statt.. Der Vereinspräses Gottlieb schilderte in glänzender Weise das Werk des leider so früh entrissenen Führers und nicht ohne tiefen Eindruck blieb die Begeisterung, die innige Liebe, in der der begabte Redner vom Zionismus und dem Judentnme sprach. Auch die anderen Leistungen, insbesondere eine formvollendete Skizze national jüdischen Inhaltes von Sie rn-lassen uns mit Stolz von dieser jüdischen Jugend sprechen und verleihen uns die Gewissheit, dass sich diese jungen Leute durch keine Gegner vom stolzen, freien Bekennen des jüdischen Gedankens abbringen lassen werden. Die jüdische Universitätsjugend hat gleich nach dem Tode Dr. Theodor Herzls ihre Trauerfeier abgehalten, die Mittel Schuljugend ist gefolgt und im Tempel ist in würdigster Weise seinem Gedächtnis gehuldigt worden. Jetzt kommt die Reihe an die Zagreber jüdische Gemeinde und Ohcwra Kadischa, nicht Herzl zu ehren, sondern sich selbst, indem sie das Andenken des jüdischen Führers, des grössten Juden seit den Tagen des Golus, für ewige Zeiten auch in äusserer Form wahren. Die Osijeker und gar viele andere Gemeinden des Landes haben durch Eintragung in die Haskara, durchStiftungen usw. ihrePflicht erfüllt und in Bälde werden wohl auch die wackeren jüdischen Männer, die an der Spitze der ersten jüdischen Gemeinde des Landes stehen, ihr jüdisches Herz, ihren jüdischen Sinn, ihr jüdisches Gefühl dem Andenken des grossen Toten gegenüber zeigen. Der Zionismus erobert gar zahlreiche Herzen im Lande, in vielen Gemeinden bereits die Majorität, in jeder mindestens einige Anhänger und, was das beste hierbei ist, ohne lärmenden Kampf, ohne aufreizenden Streit. Trachten wir auch weiter auf diesem Wege zu verharren, denn der Zionismus soll ja nicht die jüdischen Brüder trennen, sondern einigen. ISTicht allzu lange wird es wohl dauern, dass alle Juden Kroatiens im jüdischnationalen und zionistischen Lager sein werden. Denn der Zionismus ist das Judentum und ohne ihn gibt es keine jüdische Zukunft. Zagreb, 3. Oktober 1904. Lavoslav Schick. Aus Russland. Wilna, (Empfang einer jüdischen Deputation durch den neuen russischen Minister des Innern.) Der neue russische Minister des Innern, Fürst S w i a t o p o 1 k - M i r s ky, hat während seiner jüngsten Anwesenheit in Wilna eine Abordnung der Juden aus den Gouvernements Wilna, örodno und Kowno empfangen, welche erschienen war, um dem nach Petersburg abreisenden neuen Leiter der inneren Politik Russlands im Namen der Juden imNordwestgebiete eineAdresse zu überreichen. Wie die russischen Blätter melden, hat Fürst S w i at o p o lk-Mir sky die jüdische Deputation mit grosser Freundlichkeit empfangen und die ihm überreichte Adresse samt einer Thorarolle dankend entgegengenommen. Der halbamtliche „Wilenskij Wjestnik" publiziert nun den Wortlaut dieser Adresse, dem zu entnehmen ist, dass die Juden im Nordwestgebiete den Versuch gemacht haben, die Aufmerksamkeit des neuen Ministers auf ihre wirkliche Lage zu lenken. Diese Adresse lautet: „Eure Durchlaucht, Hochverehrter Fürst Peter Dmitrijewitsch! Das historische Geschick des jüdischen Volkes hat es sehr empfindsam gemacht für jede Aeusserung der Gerechtigkeit ihrem bürgerlichen Leben gegenüber. In der Verkündigung heisst es : „Es soll ein Gesetz seih und ein Recht und das sei so für euch wie für den Andersgläubigen, die mit euch wohnen" (Numeri XV, 16). „Siehe die Gerechtigkeit der Gerechtigkeit" (Deuteronomium XVI, 20) — doch hat das jüdische Volk, öfter als andere Völker, während seiner langen Geschichte Momente erlebt, in welchen diese erhabenen Lehren auf dasselbe keine Anwendung fanden. Deshalb blickte das Volk stets mit besonderer Dankbarkeit und Hoffnungsfreudigkeit auf die Staatsmänner, die in die Beziehungen zu den Juden Humanität brachten, Recht und Gerechtigkeit zu beobachten suchten. Von diesem Gefühl tiefer Dankbarkeit ist das jüdische Volk in diesem Augenblicke Ihnen gegenüber erfüllt, hochgeehrter Fürst. Während der kurzen Periode Ihrer Verwaltung des Gebietes haben Sie Gelegenheit genommen, allen Schichten der Bevölkerung gegenüber offenbares Wohlwollen zu zeigen und Sorge um das Wohlergehen aller im Rahmen der Gesetze zu tragen. Unter Ihrem Schutze fühlte sich die jüdische Bevölkerung ruhig und nährte Hoffnung auf gesetzmässige Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Indem wir heute mit schwerem Herzen von Ihnen, als Chef des Gebietes, Abschied nehmen, finden wir unseren Trost nur darin, dass Ihre aufgeklärte und humane Tätigkeit Allerhöchst berufen wurde, sich auf viel breiterer Basis zu äussern und zu bewähren. Wir fühlen das Bedürfnis, Ihnen die uns beherrschenden Gefühle zu äussern, Ihnen unsere innige Dankbarkeit auszudrücken und bitten wir Eure Durchlaucht, aus unseren Händen die Thorarolle zu empfangen, das Heiligtum des jüdischen Volkes. Ausserdem haben wir, im Wunsche, den ruhmvollen Namen Eurer Durchlaucht auch im Gedächtnis der kommenden Geschlechter zu erhalten, die Bitte, die Stiftung dreier Stipendien auf Ihren Namen an den Lehranstalten dieses Gebietes zu genehmigen. Aus tiefer Seele bitten wir zu Gott, er möge Ihren weiteren Weg mit Ruhm umleuchten, Ihrem Wirken seinen Segen verleihen und gedeihen lassen das grosse Werk, zu welchem Sie durch Allerhöchsten Willen berufen wurden — zum Heile unseres. Vaterlandes und aller dasselbe bevölkernden Nationalitäten." Fürst S wi a t o p olk-Mi r sky beantwortete diese Adresse mit folgender, vom „Wilens'kij Wjestniktf wortgetreue reproduzierten Rede: „Ich bin Ihnen sehr dankbar für die zum Ausdrucke gebrachten Gefühle. Während meiner Anwesenheit in Jekaterinoslaw und im Nordwestgebiete hatte ich die Möglichkeit, die Juden kennen zu lernen. Die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung interessieren mich lebhaft Die jüdische Frage ist sehr kompliziert und bietet viele Schwierigkeiten. Ich hoffe, langsam, aber sicher mich ihrer Lösung erfolgreich zu nähern. Ich werde das Glück haben, der Quelle der Gerechtigkeit nahezustehen« Ich bitte, teilen Sie Ihren Glaubensgenossen mit, dass die Regierung damit beschäftigt ist, ihre Bedürfnisse zu befriedigen.* Wie man aus dieser Antwort ersieht, hat der offizielle Telegraph bei der Uebergabe des Wortlautes dieselbe ein wenig übertrieben. Der gemeldete Satz: „Den Juden wird immer Gerechtigkeit widerfahren'1 kommt in der offiziell beglaubigten Antwort des Fürsten Swiatopolk-Mirsky nicht vor... Die Ansprache des Ministers entlockt der „Nowosti" folgende bezeichnende Bemerkung: „Die Zeit verstrich, die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung verschlechterte sich immer mehr, und jetzt hat die Regierung schon mit einem nach Millionen zählenden jüdischen Proletariat zu tun Mehr als charakteristisch ist aber, die Tatsache, dass sämtliche national-russische Blätter die Rede des Ministers an die Juden einfach mit Stillschweigen übergehen. Man versteht es deutlich, dass diesen national-russischen Blättern jede Besserung der Lage der Juden ein Dorn im Auge sei... Diese antijüdische Stimmung scheint aber, wie aus den weiter unten angeführten Tatsachen ersichtlich ist, in der Verwaltungspraxis noch immer vorzuherrschen .. . Baturin (Gouvernement Tschernigow). Wie die„Petersburgskija Wjedomosti" melden, hat der Polizeileiter von Konotop alle im Städtchen Boturin lebenden Juden schriftlich verpflichtet, binnen drei Tagen den Ort zu verlassen, weil sie angeblich das Wohnrecht in diesem Städtchen nicht besitzen. Wie der „Kiewljanin" meldet, besteht die Mehrzahl der ausgewiesenen Juden aus Handwerkern welche sich in Boturin mühsam erhalten konnten .. . Odessa. Wie die „Odesskija Nowosti* melden, haben sämtliche jüdische Mädchen, mehr als 150 an der Zahl, welche in diesem Jahre nach Odessa kamen, um in das pädagogische Institut Aufnahme zu finden, die Stadt unverrichteter Dinge verlassen müssen: denn die Aufnahme wurde ihnen verweigert... Kischenew. Am 27. September ereignete sich in Kischenew ein Zwischenfall, welcher leicht zu Ausschreitungen gegen die Juden hätte führen können. Ueber diesen Zwischenfall melden die „Nowosti" folgendes: Ein betrun-