Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 „bi* # W^lt" Seite 9 kener Arbeiter betrat das Ladengeschäft der Jüdin Reisner, zertrümmerte die Scheiben im Geschäfte und nahm gewaltsam ein Päckchen Tabak. Auf die Hilferufe der Jüdin eilte ihr Sohn herbei, welcher den Betrunkenen anhalten wollte. Es entstand ein Handgemenge und der Arbeiter rief plötzlich, dass die Juden ihn töten wollen. Es sammelten sich viele Arbeiter zusammen, die Miene machten, auf die Juden loszugehen. Der Polizei gelang es, die Ruhe herzustellen. Die Jüdin Ffceisner und ihr Sohn wurden jedoch verhaftet unter der Beschuldigung, dem Aibeiter Wunden beigebracht zu haben , .. Smjela. Das unter dem Vorsitze des Grafen Alexei Bobrinskij organisierte Hilfskomitee für die durch die Judenkrawalle verarmten Juden hat folgenden Hilfsaufruf erlassen: „Die Juden von Smjela sind von einem grossen Unglück ereilt worden. Am 4. und 5. September haben in unserer Stadt Zerstörer gewütet, welche Häuser, Geschäfte und Lokale zertrümmerten und Hab und Gut plünderten. Das Ergebnis davon ist, dass 172 Geschäfte und 96 Häuser verwüstet wurden. In den Wohnungen wurde nicht ein einziger Gegenstand ganz zurückgelassen. 300 jüdische Familien sind obdach- und brotlos, ohne jedweden Verdienst und Lebensunterhalt geblieben. Der Hunger steht bei diesen Familien vor der Tür, Unterstützt uns, reicht den Unglücklichen irgendwelche Hilfe!" Hornel. Wie die Zeitschrift „Russj" meldet, trifft Mitte Oktober ein besonders delegierter Gerichtshof der Kiewer Gerichtskammer in Hornel ein, um über die im Vorjahre stattgefundenen Judenkrawalle in Hornel zu verhandeln/Die Zahl dar Angeklagten beträgt 100, darunter 50 Juden! . .. Gegen die Christen wurde die Anklage wegen Teilnahme an den J u den kr a wallen, gegen die Juden aber wegen bewaffnetenUeberfalls auf dasMilitär erhoben. Das letztere Vergehen wird nach den russischen Gesetzen sehr schwer geahndet... Die Zahl der in diesem Prozesse figurirenden Zeugen beträgt 500. Aus Petersburg werden die Advokaten Grusenberg und S a r u d n y erwartet. Gt. 9>ribäi)e» (Für diese Rubrik ist die Redaktion nicht verantwortlich.) Marken für den Nationalfonds. Folgende Gesinnungsgenossen haben für den Nationalfonds Briefmarken eingesendet: Wien: Friedr. Winter, Zion. Mädchenverein „Moriah", Verlag „Zion", stud. Gold, Frl. Paula Kraus, Dr. Ben Schäfer, „Unsere Hoffnung", Frl. Helene Schulmann, Sofie und Isidor Klaber, Gruppe III, Max Pollak, S. Ehrlich, Frau Dr. Kahn, stud. O. Schneider. Lodz: A. H., L. E. Lemb erg: Dattner. London: B. Schiresohn.Sniatyn : Jak. Sternberg. Rosgöw: Leopold Sternlicht. Czernowitz: A. u. I. Epstein, stud. M. Schindler, B r a il a: A. Schachter. Galatz: Frl. A. Dawidsohn, Frl. Eosa Herrmann, Buczacz: Verein „Zion". G w o z d z i e c: Jüd. Leseverein „Zion". Heidenreichstein: K. Federmann. Brody: Frl. M. Balaban, Frl. R. Bramer. Stanislau: Verein „Achwah* durchH. Weintraub. Frankfurt a. M.:K. Strauss Kopenhagen: Dansk Zionistenvereinigung durch Dr. L.FränkL Dorna-Watra: Zion. Frauen- und Mädchenverein „Jehudith". O s t e n d e : A. Patfoord & Cie. Anmerkung. Zur Deckung der Kosten für die Samraelbogen, der teilweisen Kosten der Büchsen und der Portospesen wurde der bezügliche Betrag vorgestreckt. Es werden nun 10% von den Bogen- und Büchsenbeiträgen so lange in Abzug gebracht, bis dieser Betrag eingebracht ist. Die österr. Nationalfonds-Kommission. * * * Aufruf des konstituierenden Komitees des wirtschaftlichen Hilfsvereines „Arbeitsheim". Werte Gesinnungsgenossen! Im Namen von unzähligen arbeitslosen jüdischen Arbeitern und Kleingewerbetreibenden erlauben wir uns, an Ihre nationale Solidarität zu appellieren. Die immer mehr und mehr zunehmende Judenfeindlichkeit hat bereits viele tausende von jüdischen Arbeitern und Kleingewerbetreibenden brotlos gemacht. Der Boykott gegen die jüdischen Kleingewerbetreibenden und Arbeiter wird stets mächtiger und fordert mit jedem Tage neue Opfer. Dieiser Druck wird um so härter empfunden, als leider auch die meisten Juden in ihrem Vorurteile gegen die jüdische Arbeiterschaft befangen sind. Was Wunder, wenn ausser der allgemein herrschenden sozialen Not es noch eine Judennot gibt, da jüdische Arbeiter aus den Werkstätten ihrer eigenen Glaubensgenossen verdrängt, und die jüdischen Handwerker von der jüdischen Kunde sogar gemieden werden! Dazu gesellt sich noch der Umstand, dass täglich aus Galizien, wo gegenwärtig unter 800 000 jüdischen Einwohnern 408 000 brotlos sind, viele Glaubensgenossen hierher kommen und das Massenelend vergröss-ern. Eine rasche wirtschaftliche Hilfe ist notwendig, wenn man will, dass eine Katastrophe vermieden werde. Diese Hilfe in grösserem Massstabe zu bieten, soll die Aufgabe des wirtschaftlichen Hilfsvereines sein. Dieser Verein, der seine Tätigkeit auf die gesamte österreichische Monarchie erstreckt und seinen Sitz in Wien hat, bezweckt hauptsächlich: 1. Durch Errichtung von Werkstätten verschiedener Arbeitszweige arbeitslosen Juden solide und dauernde Beschäftigung zu ermöglichen. 2. Durch Errichtung von unentgeltlichen Lehrwerkstätten das Handwerk unter den Juden zu fördern, die es versäumt haben, in ihrer Jugend etwas Ordentliches zu erlernen, um sich ihr Brot verdienen zu können. Wir wenden uns an alle Gesinnungsgenossen mit der Bitte, sich der Hilfsaktion, dem wirtschaftlichen Hilfsverein „Arbeitsheim" anzuschliessen wie auch denselben mit Geldmitteln tatkräftigst zu unterstützen. Die vorkonstituierende Versammlung findet im Kongressbureau, IX., Türkenstrasse Nr. 9, Sonntag den 9. Oktober um 9 Uhr vormittags statt. Gesinnungsgenossen, erscheinet in Massen! Briefe oder Beitrittserklärungen sind zu richten an Gg. Salomon Rubinstein, IX., Glasergasse 10; Geldsendungen an Gg. Dr. Severin Landesberger, Hof- und Gerichtsadvokat, XX., Wallensteinstrasse. Mit Zionsgruss Das konstituierende Komitee des wirtschaftlichen Hilfsvereines „Arbeitsheim". * * * .; i Jüdische Existenzen in Gefahr. Seit mehr als einem Jahre herrscht fast vollständiger Stillstand auf dem Gebiete der österreichischen Damen-und Herrenkleiderindustrie. Di« Haupt absatzgebiete für den österreichischen Export in der bt-kMdungsbranche sind Rassland und Deutschland. Die Nachbarländer Bulgarien, Serbien und Rumänien kommen sehr wenig in Betracht. In Folge des russisch-japanischen Krieges ist der österreichische Export nur auf Deutschland angewiesen, und auch dort findet er diesmal ein nur sehr schwaches Absatzgebiet. Die Folge ist, dass die Sttickmeister, welche die Waren für den Export konfektionieren, vor einer Krise stehen, weil sie nichts zu tun haben. Von der Detailkonfektion können nicht alle Stückmeister leben. Am meisten leiden darunter die jüdischen Stückmeister. Während die christlichen Stückmeister durch die Intervention der (Zwangs-)Genossenschaft der Kleidermacher reichliche Hilfe erhalten und ihnen die Stange gehalwn wiri, bis die Krise vorüber ist, müssen indessen die jüdischen Stückmeister ihre Werkstätten aufgeben und zvm Wanderstabe greifen.