Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 *We*-W Seite 7 Dem Bericht der Leitung über das abgelaufene erste Verbands jähr sehen wir mit Interesse entgegen. Wir dürfen dem Verbände der jüdischen Turnerschaft nicht Aufgaben stellen, die der heutigen Lage der jüdischen Turnbewegung nicht entsprechen, wir erwarten aber, dass er innerhalb der abgesteckten Grenzen das leistet, was ihm allein Existenzberechtigung gewährt; praktische nationale Arbeit! Brief aus Kroatien. Es liegt eine eigene geheimnisvolle Kraft in der jungjüdischen Bewegung, im Zionismus. Gerade in einem Lande, welches so wenig jüdisches Leben zeigte, und] wo alles Jüdische in Erstarrung, wenn nicht gar Auflösung begriffen -war, lässt sich das Wirken des Zionismus deutlich erkennen. Vor einigen Jahren überhaupt nicht, dann durch zwei, drei Eabbiner und ein Häuflein Studenten vertreten, ist der Zionismus, der jüdischnationale Gedanke iii Kroatien jetzt auf der ganzen Linie im Vorwärtsschreiten begriffen. Als am 6. August in Osijek der erste jüdische Studentenkongress aus den südslawischen Ländern tagte, da waren die Augen eines grossen Teiles der kroatischen Öeffentlichkeit und wohl aller kroatischen Juden auf den Zionismus gelenkt. Der Zionismus hat diese erste Probe in Kroatien glänzend bestanden und es war in der ,,W e 11" bereits ausführlieh davon die Redk, wie die ganze kroatische Presse und speziell jene in Osijek den Zionismus sympathisch und zumindestens nicht gegnerisch behandelte und die Kundgebungen für kroatische Sprache und Vaterland auf das wärmste billigte, wie ferner in der Bürger Versammlung und beim Kongress einstimmig Anerkennung dem jüdischnationalen Gedanken, dem Zionismus, gezollt wurde. Der Zionismus hat aber auch am selben Tage einen harten Tadel erfahren, denn die „Agramer Zeitung" enthielt, offenbar aus „auchisraelitischer" Feder, am 6. August einen flammenden Leitartikel gegen den Zionismus, in welchem folgende Stellen vorkamen: „Wenn aber ein Teil der kroatischen Jugend jüdischer Konfession in ganz überflüssiger Weise sich als Zionisten aufspielt und eine Frage, die keine Frage mehr bildet, aufrollt, wenn dieser Teil der Jugend sich anschickt, Schranken aufzustellen, gegen welche bis vor nicht langer Zeit einsichtige und vernünftige Männer gekämpft haben, bis es endlich gelang, dieselben niederzureissen und die Gegensätze zu mildern und auszugleichen, und wenn die Verbreitung zionistischer Lehren, was wir übrigens bezweifeln, um sich greifen sollte, dann ist es Zeit, dass die besonnenen Männer, welche an der Spitze der jüdischen Gemeinden stehen, dem gefährlichen Treiben einiger Hitzköpfe ein vorzeitiges Ende bereiten. Ebenso ist es eine Pflicht der jüdischen Seelsorger, sich auf den Unterricht der Religion zu beschränken und keine Propaganda für eine Idee zu machen, die sich als Utopie herausstellt und die Lebensader einer ganzen Generation unterbindet. Nebst der Pflege des Iteligionsunterriehtes soll ja auch auf die Geschichte des Judentums Rücksicht genommen werden, doch darf mit Rücksicht auf die eigenartigen Verhältnisse der Juden keinen solchen Ideen Nahrung gegeben werden, welche geeignet sind, sie der Nation, in deren Mitte sie leben, zu entfremden. Man soll vielmehr kein anderes Ziel vor Augen haben, als den nationalen Geist des Landes sich anzueignen und zu fördern, denn jede Nation hat das Recht, zu fordern, dass alle ihre Bürger und Bewohner in nationaler Beziehung in ihr aufgehen. So bildet beispielsweise die jüdische konfessionelle Schule einen solchen Gegensatz, ebenso wie die Gründung der „Zidovska omladina". Beide basieren auf separatistischen Tendenzen und legen den Keim von Zwiespalt und Entfremdung in die Gemüter der zarten Jugend, was wohl unter allen Umständen vermieden werden sollte." Wenn wir uns auch nicht lange mit der Frage den Kopf zerbrechen, was eigentlich „die Bewohner einer Nation" sind, so können wir wohl leicht einsehen, was diese Ausführungen sagen wollen. Alles muss. vernichtet werden, was wir speziell Jüdisches von unseren Vätern ererbt haben, Und unsere Religionslehrer müssen selbst die jüdische Geschichte fälschen und umarbeiten, damit ja nicht in der Jugend Stolz und Liebe fürs Judentum aufkeime. Alle jüdischen Institutionen müssen aufgelöst werden, die Schulen, Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, Wohltätigkeitsanstalten usw. Es sind wohl keine Worte der Widerlegung über dieses Programm nötig, welches am Osijeker Kongresse von den Assimilanten in wenigen klaren Worten zusammengefasst wurde: „Wir müssen uns taufen, sonst kommt es zu Kischenew." Zur Taufe zwingen entschieden auch die obigen Ausfüllrungen und wohl alle, die in diesem Sinne erzogen werden, müssen zurTaufe gelangen. Aber nur, wenn die jüdische Geschichte gefälscht wird,, kann man hoffen, dass die Massentaufe die Assimilation hervorbringt. Jahrhundertelang waren die Marranen römisch-katholische Christen und ihre Angehörigkeit zum jüdischen Volke hat sie wieder zum jüdischen Glauben, gebracht. Am Sehemini Azereth-Tage hat ein besonnener Mann, der schon seit fast vierzig Jahren an der Spitze der grössten jüdischen Gemeinde Kroatiens steht, Zagrebs Oberr a b b i n e r Dr. Hosea Jakob i, seine Stimme erhoben. Mit jugendlicher Begeisterung, mit volltönender Stimme sprach er von Dr. Theodor Herzl und seinem Lebenswerke zu der versammelten Gemeinde. „Sein Leben hat Herzl dem jüdischen Volke gewidmet und es ist ihm gelungen, im Osten und im Westen, überall wo es Juden gibt, sie als einig Volk von Brüdern zu sammeln. Mögen auch viele sein Werk einen Traum nennen — die Zukunft wird es zeigen, ob es wirklich ein solcher war. Ungeheuer ist aber das bereits Erreichte: die Erweckung des jüdischen Selbstbewusstseins in der jüdischen Jugend. Wo es vor Jahren nur Widerwillen und Antipathie gab, herrscht heute der grösste Stolz und Eifer für die jüdische Sache. Darum haben wir keine Angst, dass die schmähliche Assimilation obsiegen wird, seitdem das Judentum seine unerschöpfliche Lebenskraft wieder durch Herzls Werk bewiesen. Wir sind treue Söhne unseres kroatischen Vaterlandes, aber darum müssen wir auch Juden bleiben und treulichst die Brüder fördern, welche schon jetzt in Zion sind oder dorthin ziehen wollen." Die Rede war keine Kampf- oder Parteirede, sondern nur eine Festpredigt, wie sie ein jüdischer Rabbiner vor seiner Gemeinde hält. Es gibt ihrer gar viele, wohl auch die meisten, welche nicht Anhänger der Organisation sind, aber wohl niemand, der dem Judentume treu gesinnt ist, steht dem zionistischen Gedanken, der Wiedererweckung jüdischen Lebens ohne Sympathie gegenüber. Deshalb fand auch die Rede Dr. Jakobis über Dr. Theodor Herzl wohl bei allen warmes Verständnis, denn sie bildet mit den früheren Reden über die kulturellen und humanitären Institutionen der hiesigen Gemeinde ein festes Programm. Wenn auch nicht namentlich, so muss ich doch erwähnen, dass in fast allen Gemeinden die Rabbiner ausführliche, tiefempfundene Reden über Dr. Theodor Herzl und sein Werk hielten. Wenn auch nicht alle in der Organisation des Zionismus sind, so sind doch alle demselben sympathisch gesinnt und einer begründete dies treffend: „Ich bin dem Zionismus sehr sympathisch gesinnt,-denn ich hal>e Herz für das Judentum und daher iür die mächtige