Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 lilllf^^H" M. 4ir Hun, wie es Menschen gibt, deren Hauptverdienst es ist/ geboren zu sein, weil sie ihre Bestimmung mit auf die Welt bringen, so erscheint es mir auch heute noch als das Hatiptverdienst der jüdischen Turnerschaft, dass sie besieht. Ihre Geburt wurde in Basel gefeiert. Wenn man die Berichte hierüber in der „Jüdischen Turnzeitung" (IV. Jahrgang, 'Mr. 9/10) liest, so muss man allerdings auf den Gedanken kommen, dass es eine künstlich eingeleitete, etwas verfrühte Geburt war. Den Anlass bot der VI. Kongress. „Der Berliner Bar-Kochba hat die selten günstige Gelegenheit des jüdischen Schauturnens am VI. Kongress beim Schöpfe erfasst" ■— und den ersten jüdischen Turntag abgehalten, auf welchem der Verband der jüdischen Turnerschaft das Licht der Welt erblickte. Wohl waren in der „Jüdischen Turnzeitung" Erörterungen über die Notwendigkeit und Zweckmässigkeit eines jüdischen Turnverbandes schon vorausgegangen und auch ein Statutenentwurf des Bar Kochba ist vorher veröffentlicht worden. Die kurze Frist aber zwischen Erörterung des Projektes und Ausführung desselben verhinderte die einzelnen Vereine daran, sich näher damit zu befassen, zumal die ganze Aktion in die Sommerzeit fiel, wo sich die Reihen der Turner erfahrungsgemäss stark lichten, und Versammlungen oder Sitzungen, nur schwer oder gar nicht zustande kommen. Am Turntage selbst wurde das Verbandsstatut beschlossen — vorbehaltlich einer Eedaktion durch den Ausschluss. Von letzterer ist mir nichts bekannt geworden. Es schliesst dies aber nicht aus, dass die Eedaktion inzwischen bereits erfolgt ist. Mir (dem Obmanne eines der grössten und ältesten jüdischen Turnvereine) sind nämlich Nachrichten ans der jüdischen Turnerschaft nur durch Zufall oder durch die Liebenswürdigkeit einzelner zugekommen. Diese Tatsache deutet allerdings darauf hin, dass die damals beschlossenen Verbandsstatuten stark redaktionsbedürftig waren resp. noch sind. — Der Fehler liegt in diesem Falle darin, dass vom Turntage der Ausschuss nach eigenem Belieben und höchstens mit der Eücksicht gewählt wurde, dass verschiedene Vereine darin vertreten sein sollten. Das ist unhaltbar. Die Vertreter der einzelnen Vereine im Ausschüsse können nur von den Vereinen selbst in der vom Turntage zu bestimmenden Anzahl gewählt werden. Dann ergibt sich der Kontakt zwischen Verband und Einzelverein von selbst. Bei der Dauer der Ausschussmandate (zwei Jahre) ist übrigens gegenwärtig auch beim Wegfalle eines vom Turn tage gewählten Verbandsfunktionärs infolge des Mangels von Ersatzmännern eine Ergänzung des Ausschusses nur durch einen besonderen Turntag möglich und kann somit der Fall eintreten, dass ein Verein eine ganze Funktionsperiode hindurch im Verbandsausschusse keine Vertretung hat. Doch das sind Mängel des Statuts, deren Erörterung erst vor dem nächsten Turntage aktuell wird. Heute will ich nicht über Details, sondern über das Ganze, den Verband und seinen Zweck, sprechen. Es war wohl allen an der Gründung Beteiligten von vornherein klar, dass unser Verband in turnerischer Beziehung in absehbarer Zeit nicht jene Bedeutung werde gewinnen können, wie etwa der deutsehe Turnverband. Das bestätigt auch der Leitartikel des bereits angeführten Heftes der „J. T.-Ztg."— Die Feste andersnationaler Turnvereine sind Feste der betreffenden Nationen. Behörden, Vereine und Private wetteifern in der Unterstützung solcher Feste. Die grosse Anzahl der Turnvereine und der Turner, ihre Bodenständigkeit sowie die örtliche Nähe der verschiedenen Vereine ermöglichen die Veranstaltung von gemeinsamen Schau- und Wetturnen. Daraus entwickelte sich dann von selbst das Gau- und Verbandsturnen und schliesslich das grosse nationale Turnfest, an welchem die Stammesbrüder aus allen Lähdern teilnehmen. Eine solche Entwicklung ist für uns vorläufig — mangels der erwähnten Voraussetzungen und in erster Linie der Bodenständigkeit — unmöglich. In dieser Eichtung können wir nur langsam und im gleichen Schritte mit der organischen Entwicklung unseres Turnwesens vorwärts kommen. Die Tätigkeit unseres Verbandes in Hinsicht auf das Turnen selbst kann sich vorläufig nur auf praktische, möglichst gleichartige Organisation der Einzelvereine, auf gegenseitige Hilfe mit Eat und Tat erstrecken. Das Hauptmittel dazu wird, abgesehen von den Verbandstagen, das Verbandsorgan, die „J. T.-Ztg.", sein. Aber auch auf nationalem Gebiete ist unsere Stellung eine andere, als z. B. die der deutschen Vereine im Beginne ihrer Tätigkeit. Diese Vereine waren damals die Brennpunkte nationalen Lebens, sie waren die nationalen Bauführer. Unser Bauherr ist der Zionismus! Und nur als ^Bestandteil des Zionismus hat das Jüdischnationale seine Berechtigung. Jüdischnational als Selbstzweck und ohne Zusammenhang mit dem Zionismus gleicht einem Mittel, das einen bewusstlosen, schwer kranken Menschen zum Bewusstsein und damit zur vollen Erkenntnis seiner Lage bringt, ohne ihm ein Heilmittel für seine Krankheit selbst zu sein. Zweifellos behebt die jüdischnationale Bewegung die Bewusstlosigkeit des jüdischen Volkes. Das Heilmittel aber für die Judenkrankheit selbst heisst: Zionismus! Man liebt es, den Zionismus als Z u k u n f t s- und den Nationalismus als Gegenwa rts arbeit einander gegenüber zu stellen. Ich will von dem logischen Fehler, der da unterläuft, absehen — jedenfalls leisten die jüdischen Turnvereine Gegenwarts- und Zukunftsarbeit im besten Sinne des Wortes, sie arbeiten für die physische Eegenerierung unseres Volkes. So bilden sie den Uebergang vom theoretisch-nationalen zum praktisch-nationalen, d. i. zum Zionismus. Und darin allein erblicke ich die Existenzberechtigung nicht zionistischer jüdischer Turnvereine. Dem Verbände der jüdischen Turnerschaft, welcher zionistische und nicht zionistische Vereine umfasst, fällt in dieser Hinsicht die Hauptaufgabe zu, die Vertiefung des Nationalismus zum Zionismus durch seine Organe, den Turntag und die Turnzeitung, wie überhaupt mit allen Mitteln zu fördern. Die Ausgestaltung der Turnzeitung im besonderen, die nicht eine Turnzeitung schlechtweg, sondern wirklich eine jüdische sein muss, wird die erste Sorge des Verbandes bleiben. Und wenn ich mich bei Gründung des Verbandes in Erkenntnis der Sachlage über die Bedeutung und Tragweite dieser Institution auch keinen Illusionen hingab — das eine hoffte und erwartete ich, dass dadurch die „J. T.-Ztg." eine feste Basis und zugleich die Mittel finden werde, um ihrer Aufgabe in turnerischer und nationaler Beziehung voll entsprechen zu können. Darum sollte es auch kein Vorwurf sein, wenn ich sagte, auch heute noch sei das Hauptverdienst des Verbandes sein Bestand; dem. sein Bestand ist zugleich der Bestand der „J. T.-Ztg.", die mit der Gründung des Verbandes dessen Eigentum wurde und seither entschiedene Fortschritte aufweist. Kommen dazu noch Turntage mit der angedeuteten Tendenz, so hat der Verband seinen Daseinszweck erwiesen. Im übrigen soll der Verband der Eahmen sein, in den wir einfügen, was mit der organischen Entwicklung des jüdischen Turnwesens sich als erforderlich erweist. Dann wird sich der Wirkungskreis des Verbandes allmählich erweitern. (Und dann wird man wohl auch das Statut entsprechend anpassen müssen, welches heute vorschreibt, dass die Beschlussfassung über sämtliche Angelegenheiten der jüdischen Turnerschaft dem alle zwei Jahre abzuhaltenden Turntage vorbehalten bleibt — wenn anders diese Bestimmung nicht schon jetzt undtirchfühfbar ist.)