Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-10-07 · 41 (7.10.1904) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
41 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316115--46187-3341029
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 „bie # w^it11 Nr. 41 sie einwandern dürfen oder abgewiesen werden* Man prüft zunächst ihren Gesundheitszustand, dann ob sie genügend Geld besitzen, um nicht der Armenpflege zur Last zu fallen, resp. ob sie nicht etwa von Unternehnehmern als sogenannte Kontraktarbeiter zur Unterbietung der einheimischen Arbeiter angeworben sind* Der Einwanderungsbeamte entscheidet dann, wer zugelassen und wer als „Unerwünschter* abgewiesen werden solle. Allerdings ist ein Appell gegen diese Entscheidung möglich, aber die armen Einwanderer sind meist zu hilflos, um sich Rat zu schaffen. Nun gestattet die Einwanderungsbehörde den Vertretern anerkannter Hilfsgesellschaften den Eintritt in die Gebäude von Ellis Island, damit sie sich der Einwanderer annehmen oder dafür garantieren, dass diese nicht der Armenverwaltung zur Last fallen. Solche Auswanderer werden dann von diesen Hilfsgesellschaften in ihre Emigrantenhäuser gebracht. Von dort aus wird dann für ihr Fortkommen in Amerika gesorgt Derartige Emigrantenhäuser sind zum Beispiel das für deutsche evangelische und das für deutsche katholische Einwanderer. Nach dem Muster derselben wird nun von New Yorker Zionisten, deren Intervention bisher in vielen Fällen mangels einer anerkannten Organisation erfolglos blieb, eine Gesell schaft für jüdische Einwander er geplant. Der zionistische Verband der russischen Juden NewYorks ist dieser Idee besonders nahegetreten. Es ist jedenfalls nur eine Frage kurzer Zeit, dass von diesem Verbände auch die Gründung eines Informationsbureaus in Angriff genommen wird. Schon jetzt hat sich herausgestellt, dass eine solche Arbeit nur auf Grund genauer Kenntnis der Einwanderungsverhältnisse und mit dem Aufgebote bedeutender materieller Mittel durchführbar ist. (Dabei ist die Frage des Aufenthaltes im East End NewYorks, resp. der Weiter Wanderung in Amerika selbst, eine der schwierigsten.) Auch unsere amerikanischen Gesinnungsgenossen sehen daher nur in der Schaffung einer grossen Organisation die Möglichkeit, in die ganz unhaltbaren Zustände der jüdischen Einwanderung mit Erfolg eingreifen zu können. Ich habe absichtlich einige Details gebracht, während ich es bisher sorgfältig vermieden habe, in Einzelheiten einzugehen, die eine allgemeine Uebersicht nur erschweren können, und deren Anführung mir erst bei Besprechung eines auszuarbeitenden Programmes am Platze zu sein scheint. Ein solches Eingehen in Einzelheiten wird aber bei Beratung der Organisation nötig sein und hoffentlich auch stattfinden. Hier war es mir nur darum zu tun, die Arbeit, die von zionistischer Seite bereits geleistet wird, an einigen Beispielen aufzuzeigen und daraus die Folgerung zu ziehen, dass auch jetzt schon jvon unseren Gesinnungsgenossen durch Zentralisation ]solcher Einzelbestrebungen viel Gutes geleistet werden könnte. Wie eine solche Zentralisation zu schaffen sei, darüber lässt sich vorerst nur diskutieren. Da wir bereits eine festgefügte Organisation haben, so scheint es am einfachsten, ein ähnliches Komitee wie die Palästinakommission einzusetzen, das als Zentralstelle unter Aufsicht des Kongresses, respektive des A.-C. zu arbeiten hätte, sonst aber ganz selbständig gemacht werden müsste. Diese Kommission hätte sich mit den einzelnen Landeskomitees oder, wo dies nicht angängig ist, direkt mit den einzelnen Vereinen, Komitees oder Vertrauensmännern, die der Regelung der Emigration ihre Tätigkeit zuwenden, in Verbindung zu setzen und so eine Ordnung und Besserung der jetzigen] ungeheuerlichen Zustände anzubahnen. Hält es der Kongress nicht für möglich oder tunlich, mit der Einsetzung und selbstverständiicTi auch der notwendigen Dotierung einer solchen Kommission eine neue grosse Aktion auf sich zu nehmen, so müssten die bereits bestehenden Komitees in einer vielleicht unmittelbar vor oder nach dem Kongresse einzuberufenden Versammlung sidh selbst eine Zentralleitung wählen, die auf privatem Wege die nötigen Geldmittel aufzubringen hätte. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die einzelnen Landesorganisationen nach Kräften diese Bestrebungen unterstützen werden. Ist die zionistische Arbeit in der Emigrationssache einmal geordnet und zentralisiert, dann wird es die Aufgabe der vom Kongresse gewählten Kommission oder, im anderen Falle, der von den betreffenden Komitees eingesetzten Zentralleitung sein, mit den anderen nichtzionistischen Faktoren, den Bnei Brith, der Alliance, der Ica und den sonstigen Vereinen und Komitees, die bereits jetzt in Emigrationsangelegenheiten tätig sind, den Modus einer Kooperation ausfindig zu machen. Von dieser Kooperation bis zur festen Weltorganisation ist dann nur ein Schritt, dessen Nützlichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit sich ganz von selbst ergibt. Ich bin mir wohl bewusst, dass ich in meinen Ausführungen nur die äussersten Grenzen eines sehr wichtigen und schwierigen Problems berühren konnte. Ich glaube aber, dass gerade jetzt, da man in England neuerdings die Antialienbewegung anzufachen versucht, und da in den Vereinigten Staaten selbst von vielen Juden der ungeordnete Zuzug jüdischer Einwanderer unliebsam empfunden wird, die Aufmerksamkeit nicht nur unserer Gesinnungsgenossen, sondern aller Juden von neuem auf die Gefahr der plan- und ziellosen Judenwanderung gelenkt werden muss. Schon wird die Errichtung amerikanischer Auswanderungsinspektionen in Hamburg, Bremen, Plymouth, Gherbourg und noch anderen Hafenstädten geplant, schon sammelt man Material, um die Legislative der Vereinigten Staaten zu weiteren Beschränkungen der Einwanderung zu bestimmen. Es wäre unverzeihlich, wenn wir nicht, solange es noch Zeit ist, alles veranlassen würden, um unseren Volksgenossen, die auswandern müssen, diese Auswanderung nicht zu einem blinden Glücksspiel, uns allen nicht zu einer ins Unberechenbare wachsenden Gefahr zu machen. Dr. Siegm. Werner. Zur Frage der Judenwanderung. Hern Dr. Paul Nathan sendet uns namens des Hilfsvereins der deutschen Juden den folgenden. Organisationsentwurf, den wir im Anschluss an die in den letzten drei Nummern der „W e 11" erschienenen Artikel „V o n der Juden Wanderung" gerne veröffentlichen. Es handelt sich um einen Vorschlag, der allerdings nach der Absicht des Hilfsvereines der deutschen Juden möglichst rasch verwirklicht werden soll. Hoffentlich werden die Organisationsbestrebungen des Hilfsvereins, die sich ja mit den unseren und denen anderer grosser Korporationen in mancher Hinsicht decken, derAufmerksamkeitf der beteiligten Faktoren nicht entgehen. Der Organisationsvorschlag beginnt mit einer übersichtlichen, wenn auch kurzen Schilderung der gegenwärtigen Situation, die so viele Juden zur Auswanderung treibt. Da die in diesem Teile enthaltenen Daten unseren Lesern ja genügend bekannt sind, so wollen wir sogleich das Meritorische des Vorschlages veröffentlichen. Die Organisation der jüdischen 'Auswanderung aus Osteuropa. Die Aufgaben der zu schaffenden Organisation sind ausserordentlich mannigfaltige und grosse, und es wird im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.