Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt 41 ^ie-'^':w«it Seite 3 An/fang wielleicht nicht möglich, jedenfalls nicht ratsam seih/die Erfüllung aller dieser Aufgaben sofort und gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Aber diese Ziele müssen doch von vornherein bei der Schaffung des ganzen Apparates in Betracht gezogen .werden. Die für die Emigration zu bildende Organisation hat. a) die Auswanderer -in ihrer Heimat mit den erforderlichen Auskünften zu versehen; sie hat diejenigen, die noch kein' festes Beiseziel haben, dahin zu dirigieren, wo sie für ihren speziellen Beruf den besten Markt finden, ganz zur Auswanderung ungeeignete Elentente nach Möglichkeit zurückzuhalten, geeignete Beisewege zu empfehlen etc. Sicher werden besonders im Anfang nur sehr wenige darauf hören, wenn ihnen die Auskunftsbureaus von der Emigration abraten, aber wenn es mit der Zeit gelingt, für diese Auskunftsorgane das Vertrauen der jüdischen Massen zu gewinnen, so wird es ihnen möglich sein, auch einen wesentlich retardierenden Etnfluss auszuüben und die ungeeignete Emigration wenigstens teilweise hintanzuhalten. b) Den Auswanderern, sobald sie ihre Heimat verlassen haben, auf der Heise, besonders in den Grenzstationen und Hafenplätzen, zur Seite zu stehen und vertrauenswürdige Personen dort zu bestellen, die die nötigen Auskünfte erteilen können, sowie die Emigranten, vor der Ausbeutung durch Agenten. Geld Wechsler, etc. schützen; c) mit den Dampfschiffahrtsgesellschaften und Eisenbahnen zu verhandeln, um möglichst billige Preise für die Bcise zu erzielen; d) durch Verhandlungen mit den zuständigen Ministerien dafür zu sorgen, dass für die Behandlung der jüdischen Auswanderer in den Staaten, die sie passieren müssen, unter Inspektierung aller gebotenen, hygienischen Vorsichtsmassregeln für die Durehgangsländer, feste und tolerante Xormen geschaffen werden, im die Emigranten vor Uebergriffen untergeordneter Organe zu schützen. Ivommen solche doch, vor, so sind alsdann die Organe der zu schaffenden 'Organisation in der Lage, sich der Emigranten anzunehmen; e) mit den geeigneten jüdischen Organisationen in denjenigen Ländern, die das Ziel der Auswanderung bilden, Verbindungen anzuknüpfen, um sicherzustellen, dass die jüdischen Emigranten am Ziele ihrer Eeise tatkräftige Hilfe zur Erringung einer neuen Existenz finden; f) ausser den Ländern, die jetzt hauptsächlich die Einwanderung aufnehmen, andere Gebiete zu suchen, die in der Lage wären, wenigstens einen Bruchteil des Auswanderungsstromes zu absorbieren. So. könnte z. B. Italien, das nur zirka 40 000 Juden zählt, sehr wohl viele jüdische Handwerker aus Rumänien aufnehmen, die infolge der Stammes- und Sprachverwandtschaft zwischen Italien und Rumänien sich für die Ansiedlung auf der Apenninenhalbinsel eignen dürften. Dieses eine Beispiel kann leicht vervielfältigt werden; g) endlieh ist als ein ferner liegendes Ziel ins Auge zu fassen die Vorbereitung der Emigranten für ihr neues Heimatland durch Sprachunterricht etc. vor der Abreise. Eine Organisation, die diesen Aufgaben nach und nach gerecht werden soll, liesse sich etwafolgendermassen bilden: * 1. Eine Zentrale, eine Art jüdisches Auswanderungs-' amt, in einer der westeuropäischen Grossstädte. Dieser Zentrale fielen die Aufgaben zu, mit den Transportgesellschaften und Behörden zu verhandeln, die Informationen über Arbeits- und Ansiedlungsgelegenheiten in den Zielländern der Auswanderung zu sammeln und diese Nachrichten nach Russland, Oesterreich etc. weiterzugeben, neue Einwanclerungsgebiete zu suchen und deren Verhältnisse zu studieren, sowie endlich alle gesammelten Erfahrungen auf diesen Gebieten allen Teilen der Organisation, resp. der Oeffentlichkeit bekannt zu geben. 2. In den Ländern, aus denen die Emigranten kommen, je eine Zentrale in den Hauptstädten, also Petersburg, Warschau, Lemberg, vielleicht auch Bukarest, an die das Auswanderungsamt seine Informationen und Instruktionen abgibt. Von dieser Landeszentrale sind dann in allen wichtigen Plätzen des betreffenden Landes Auskunftsstellen zu schaffen, bei" denen der Auswanderungslustige Informationen und Rät aller Art erhalten kann. Meist wird, man für diese lokalen Au slmhftss teilen an die vorhandenen Gemein de institutionell resp. Vereine anknüpfen können oder Private werden sich freiwillig für die gemeinnützige xArbeit zur Verfügung' stellen. Nur in seltenen Ausnahmefällen wird man bezahlte Kräfte verwenden müssen.; : r/ <■:.■„ 3. Auf den wichtigen Grenzstationen Russlands, auf den Kiibtenpunktim des Verkehrs der Auswanderungszüge in Mitteleuropa, - efl dl ich in den Hafenstädten müssen Komitees oder Agemten vorhanden sein, die sich der durehre isendem Auswanderer annehmen. Auch hierfür wird man meist an die vorhandenen Gemeindeinstitutionen, Vereine, Komitees etc. anknüpfen können" und fast immer freiwillige Hilfe in ausreichendem Umfange finden. Wenn es nötig ist, müssen jedoch an den wichtigsten Punkten bezahlte Beamte angestellt werden. 4. In den: Ländern, die das Ziel der Auswanderung bilden, müssen,die dort existieren denOrganisationen, die sich schon-jetzt für' die Emigranten interessieren, dafür gewonnen werden, mit dem Aliswandernngsanit diesseits des Ozeans in enge'Verbindung zu treten. Wo noch keine solchen Institutionen existieren, .müssen sie begründet werden, doch wird, dies nur in den seltensten Fällen notwendig sein. Die Schaffung einer derartigen umfassenden Organisation, obgleich sie im wesentlichen auf einer Zusammenfassung bestehender Institutionen beruht, ist zweifellos schwierig, vor allen Dingen zeitraubend, und wenn auch cillerseits IJebereinstimmung und guter Wille vorhanden sein würden, so würde doch die Durchführung längere Zeit beanspruchen. Allein auch eine weniger umfassende Organisation, z. B. eine derartige Organisation nur in Deutschland durchgeführt, kann so viel Segen bringen, dass die darauf verwendete Mühe sieh reichlich lohnt. _ : E i n w ü r f e. Einwürfe zweierlei Art sind bisher gegen ein derartiges Projekt geltend gemacht worden, das, wenn auch ahne die obigen Detais, in der jüdischen Oeffentlichkeit wiederholentlich diskutiert worden ist. Die einen behaupten, dass der jüdische Auswanderer sich durch die Informationen und den Kat der neuen Organisation nicht werde leiten lassen; die anderen befürchten von einer derartigen Organisation der Auswanderung eine Förderung und damit Vergrösserung derselben. Es lässt sich nicht leugnen, dass beide Einwände einen beachtenswerten Kern enthalten; dennoch treffen sie nicht zu. Gewiss wird besonders im Anfang der Kat solcher Auskunftsbureaus zwar viel eingeholt, aber nicht immer befolgt werden. Die Emigrationsiustigen werden immer gern von den materiellen Vorteilen Gebrauch machen, die ihnen durch eine derartige Organisation erwachsen, und besonders die zweifellos zu erreichende Ermässigung der Schiffahrtspreise werden sie gern benützen. Allmählich werden sich unsere Glaubensgenossen im Osten auch daran gewöhne]!, den Bat' der Auskunftsbureaus in anderer Beziehung, besonders bei der Wahl des Auswanderungszieles, zu befolgen, wenn sie sehen, dass sie zweckentsprechend zurechtgewiesen werden. Sicher ist überdies, dass die anderen Aufgaben der Organisation, die Ueberwachung auf der