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Die Welt · 1904-09-30 · 40 (30.9.1904) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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f*r/40 „bie # w^it11 Seite 13 weniges haben und sind wir,*'4 sagt Goethe, „das wir im reinsten Sinne unser Eigentum nennen. Wir müssen alle empfangen und lernen, sowohl von denen, die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind". Der Spruch: „Willst du den Dichter verstehen, musst du in Dichters Lande gehen" hat daher volle Berechtigung. Er gilt auch für den Philosophen, zumal wenn die Quellen über ihn so spärlich fliessen, wie dies bei Spinoza der Fall ist. Wir sind daher der Berliner Akademie der Wissenschaften zu grossem Danke verpflichtet, dass sie den Professor der Philosophie an der Breslauer Universität instandsetzte, das Land kennen zu lernen, in dem Spinoza g6lebt, gekämpft und gelitten hat, und in den Bibliotheken und Archiven Hollands wichtige Schriften und Urkunden zu studieren, die unbekannt oder unbenutzt geblieben waren. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen hat er in einem 1899 erschienenen Quellen werke veröffentlicht. Durch diese Kärrnerarbeit wie durch seine gründliche Kenntnis der jüdischen Religionsphilosophie und der Geschichte der Juden in Spanien und den Niederlanden war Freüdenthal wie kaum ein anderer berufen, die erschöpfende Biographie Spinozas zuschreiben, die uns vorliegt (Spinoza. Sein Leben und seine Lehre, I. Bd. 8°. Frommans .Verlag, Stuttgart, 1804). Er eröffnet uns neue Gesichtspunkte, die seinen Vorgängern wegen des Mangels an diesen Kenntnissen entgehen mussten, er tut überzeugend und unwiderleglich dar, dass derEinfluss des jüdischen Schrifttums, wenn er auch später durch andere mächtige Einwirkungen verdeck-t wurde, in ihm niemals ganz verdrängt wordenist. Die Spuren desselben sind noch in seinen dem Mannesalter angehörigen Werken deutlich erkennbar. Doch wenn auch keine der eigentlich spinozistischenLehren aufden unmittelbare nEinfluss der Ideen, in denen er grossgezogen wurde und die er als Knabe und Jüngling täglich einatmete, zurückzuführen wäre, so bilden sie immerhin eine wichtige Etappe auf seinem Entw icklungsgange. Hierin besteht ihre Bedeutung für die GeschichteSpinozas. Freudenthal entwirft ein genaues Bild von dem Boden, dem Spinoza entsprossen ist, und gewährt uns einen vollen Einblick in den nie ganz aufgegebenen Untergrund seiner Anschauungen. Spinoza oder, wie sein Familienname nach den Urkunden eigentlich lautet, d'Espinoza stammt aus einer weitverzweigten, ursprünglich in Spanien ansässigen Familie, die nach einem der vielen Städtchen dieses Namens benannt wurde, wie zahlreiche jüdische Familien die d'Aguilars, de Bardos, de Castros, da Costas, anderen Ortschaften ihre Beinamen entlehnten. Nicht wenige Träger des Namens Espinoza nennt die Geschichte Spaniens mit Auszeichnung: hohe Geistliche, Staatsbeamte, Gelehrte und Künstler. Der Grossinquisitor Kardinal Don Diego d'Espinoza spielte im Prozess des Prinzen Don Carlos eine Rolle. Ein Pedro de Spinosa schrieb im 16. Jahrhundert über die Physik des Aristoteles; ein Michael da Espinoza war Qualifikator des heiligen Amtes und Professor der aristotelischen Philosophie; Jacinto Jeronimo Espinosa hat sich als Maler hervorgetan. Noch jetzt blüht jenseits der Pyrenäen und in Amerika die altadelige christliche Familie der d'Espinozas. Nachkommen des jüdischen Zweiges der Familie haben im 18. Jahrhundert in Spanien gelebt und die Anhänglichkeit an die Religion ihrer Vorfahren schrecklich gebüsst. So wurden in den Jahren 1721—23 acht aus Granada oder dessen Umgebung stammende Mitglieder der Familie als judaisierende Ketzer zu lebenslänglichen Kerker, viele von ihnen ausserdem zu 200 Stockhieben verurteilt. In Spanien durch die furchtbaren Glaubensverfolgurgen zur Annahme des Christentums gezwungen und alsMarannen von stets lauernden Gefahren bedroht, flohen die Vorfahren Spinozas nah Portugal. Vom Vater Baruchs wird berichtet, dass er sich in Figueira bei Koimbra aufgehalten hat und dass seine dritte Frau Esther aus Lissabon stammte. Ein anderer Teil der Familie sachte in Frankreich Zuflucht. Aliein auch in Portugal und Frankreich Hess die Lage der Marannen sehr viel zu wünschen übrig. Als daher in den Niederlanden Erlösung vom Glaubenszwarge, Duldung und Freiheit der Religionsübung winkten, gingen die d'Espinozas dahin, wo schon zahlreiche Leidensgefährten Zuflucht gefanden hatten. Baruch verbrachte die ersten 24 Jahre seines Lebens in den Amsterdamer Ghetto, der Jodenbuurt. Leider ist uns über die Geistes- und Gemütsart seiner Eltern nichts bekannt. Wir wissen nur, dass der Vater, Michael, der ein Kaufmann war, öfter die Ehrenämter bekleidete, welche die jüdische Gemeinde zu vergeben hatte. Da er nicht durch Reichtum oder Gelehrsamkeit hervorragte, musste er, wie schon sein Vater, durch Rechtschaffenheit, Frömmigkeit und Klugheit die Aufmerksamkeit der Glaubensgenossen auf sich gezogen haben. Aber bei aller Gottesfurcht war er ein Feind der Frömmelei und er hat seinen Hass gegen Heuchelei und Scheinheiligkeit auch dem Sohne eingeflösst. Kaum zehn Jahre alt, soll dieser eine alte Heuchlerin, die unter vielen frömmelnden Worten und Ermahnungen seinen Vater um zwei Dukaten betrügen wollte, entlarvt haben. Und als furchtbarster Feind aller anwahren Frömmigkeit hat er sich im Mannesalter erwiesen. Die Mutter, Hanna Debora, des Vaters zweite Frau, starb, als er kaum sechs Jahre alt war. So hat das Auge der Mutter nur in der ersten Zeit der Kindheit über ihn gewacht und gerade in den Jahren der Entwicklung fehlte ihm ihre Liebe und Fürsorge. Sieben Jahre verbrachte er in der Lehranstalt der Amsterdamer jüdischen Gemeinde, die ihr Stolz war. Ueber diese Schule, ihren Lehrplan und ihre Leiter erfahren wir erst durch Freudenthal Authentisches. Sie war in sieben Klassen geteilt und die gelehrtesten Rabbinen, der gefeierte Manasse ben Israel und R. Saul Morteira, führten die Jugend von den ersten Elementen der hebräischen Sprache bis hinauf zu den feinsten und subtilsten Diskussionen des Talmuds und seiner Erklärer. Vor vollendetem dreizehnten Lebensjahre durfte das Studium des Talmuds nicht begonnen werden. Kenntnis und Verständnis der Bibel galten als Conditio sine qua non für die Einfühlung in diesen schwierigsten Teil des jüdischen Schrifttums. Der Unterricht beschränkte sich aber auf die hebräische Literatur, profane Gegenstände waren ausgeschlossen. Diese musste man sich, wenn man Lust und Neigung dazu hatte, auf privatem Wege aneignen* In der obersten Klasse ward fast nur hebräisch gesprochen. Sonst war die Unterrichtssprache nicht das Holländische, sondern das Spanische, wie denn bis ins 19. Jahrhundert viele aus Spanien stammende jüdische Gemeinden sich der spanischen Sprache in Wort und Schrift, in offiziellen Aktenstücken und privaten Mitteilungen mit Vorliebe bedienten. So gross war die Anhänglichkeit der Juden an ihr Vaterland, das sie in der unmenschlichsten Weise behandelt hatte. In dieser Schule lernte unser Philosoph die hebräische Sprache, die biblische und talmudische Literatur seines Volkes gründlich kennen, hier ward sein lebhafter Geist durch die Waffen der talmudischen Dialektik geschärft und gestählt. Kaum fünfzehn Jahre alt, soll er durch verblüffende Fragen und Bemerkungen, auf wreiche seine Lehrer keine befriedigende Antwort zu geben wussten, ihre Bewunderung und die Hoffnung erweckt haben, dass er einst eine Leuchte des Judentums sein werde. Er ist es geworden, aber in ganz anderem Sinne, als man erwartet hatte. Wie in der Schule, so atmete er auch ausserhalb derselben die versittlichende Luft des Orients. Er wuchs in

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