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Die Welt · 1904-09-30 · 40 (30.9.1904) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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»ehe 14 „Ol* * W$ltM Nr. 40 den religiösen und ethischen Ideen auf, welche das Tun und Treiben seiner Vorfahren beherrscht hatten. Sie sind gewiss nicht ohne Einfluss auf die streng sittliche Haltung seines Lebens gewesen. Wenn alle Welt seine Massigkeit, Selbstbeherrschung, Milde und Bescheidenheit rühmt, so wird man nicht fehlgehen, wenn man annimmt, dass sie das wertvolle Erbe bilden, das Eltern und Ahnen ihm hinterlassen haben. Und das Ghetto erzählte ihm in flammenden Worten die mit Blut geschriebene Geschichte seines unglücklichen, aber standhaften Volkes. Es gab damals in Amsterdam kaum eine jüdische Familie, die nicht unter ihren Vorfahren oder Mitgliedern Glaubensmäriyrer zählte. Es ist natürlich, dass er, in diesen Erinnerungen gross geworden, den tiefsten Abscheu gegen den blindwütigen Fanatismus empfinden musste, noch ehe ihn sein eigenes Geschick die Ausschreitungen desselben hassen lehrte. Mit der Absolvierung der Schule waren die Lernjahre keineswegs zu Ende. Er ordnete und vertiefte die Kenntnisse, die er sich als Knabe erworben hatte, und auch auf ganz neue Gebiete des Wissers führte ihn seine glühende Wissbegierde. An ihr scheiterte des Vaters lebhafter Wunsch, dass Baruch sich dem Kaufmannsstande widme. Er bereitete sich für den theologischen Beruf vor. Vor allem dürfte er sich mit der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters beschäftigt haben. Sie bildete keinen Teil des in der Schule behandelten Lehrstoffes, er musste sie daher auf eigene Hand studieren. Auf welch vertrauten Fuss er sich mit ihr gestellt hat, zeigen einzelne seiner Briefe und der theologisch-politische Traktat. Oft zitierte er Maimonides' „Führer der Zweifelnden" und er benützt ihn noch häufiger als er ihn nennt. Er kennt und erwähnt auch die Werke des scharfsinnigen Chasdai Kreskas. Er gedenkt ferner Abraham ibn Esras und Leo Ebreos unter grossen Lobsprüchen. Bei diesen Männern fand er zuerst Aufschluss über die Formen und Gesetze des Denkens, über die Natur des Menschen, die Unsterblichkeit der Seele und das Wesen der Gottheit, über das Verhältnis Gottes zur Welt, über Offenbarung und Prophetie, endlich über die Ziele des menschlichen Handelns und die Prinzipien der Sittlichkeit. Hier traten ihm zuerst die erhabenen Lehren von der Gotteserkenntnis als der höchsten menschlichen Tätigkeit und von der Gottesliebe als der höchsten Seligkeit entgegen. Bei Ibn Esra und Leo Hebräus süess er zutrat auf die Keime des Pantheismus; ihnen erscheint die Gottheit als eines und alles, als die das Weltall erfüllende Substanz, als immanente Ursache der Welt; durch sie wurde er schon früh zu Gedanken geführt, die von dem gewöhnlichen Gottesbegriffe weit ablagen und im Vereine mit den profanen Studien, denen er sich neben den theologischen widmete, ihm den Glauben der Kindheit raubten. Allerdings haben ihn schon die biblischen Studien wankend gemacht. Je tiefer er in den Geist der jüdischen Literatur eindrang, desto ernstere Zweifel an die göttliche Offenbarung wurden in ihm wach, und er konnte sich nicht dazu verstehen, sie durch die Methode der allegorischen Umdeutung zum Schweigen zu bringen, die Bibel wie einen Palimp3est zu behandeln, dessen äussere Züge man zu beseitigen hat, ehe man die ursprüngliche Schrift erblicken kann. Aus Pietät für den Vater verschloss er jedoch seine Ueberzeugung in sich, bis das Trauerjahr nach ihm verstrichen war. Dann brach er offen mit den jüdischen Satzungen, übertrat sie und nahm an den Religionsübungen der Mennoniten und Kollegianten teil, die sich zu einer freieren Auffassung der christlichen Glaubenslehre bekannten, das wahre Christentum in der stillen Herzensfrömmigkeit und in Taten der Liebe und Barmherzigkeit erblickten. Da er um keinen Preis zu einer Sinnesänderung zu bewegen war, da weder Versprechungen noch Drohungen bei dem selbstlosen Wahrheitsucher verfingen, wurde er am 27. Juli 1656 in den Synagogen in Acht und Bann getan. Freudenthal wirft mit Recht die Frage nach dem sittlichen Werte der Gemeinschaft auf, die einen der edelsten Menschen, der je aus ihr hervorgegangen, mit Schimpf und Schande, unter den schrecklichsten Flüchen und Verwünschungen von sich stiess. Man pflegt mit Geringschätzung, ja mit Entrüstung von ihr zu sprechen. Freudenthal ist besonnen genug, um das Vorgehen der Amsterdamer Gemeinde nicht unbedingt zu verdammen. Er bemerkt treffend, dass man nicht den Massstab der Gegenwart, sondern den der damaligen Zeit daranlegen müsse. Der Geist der Toleranz hatte damals seine Schwingen noch nicht entfaltet. In Spanien wurden viele tausende wegen ihres Glaubens in die Kerker geworfen, erdrosselt oder verbrannt, in den protestantischen Ländern forderte der Hexenwahn seine blutigen Opfer, in den Niederlanden war man zwar etwas duldsam, aber auch hier wurden diejenigen, welche es wagten, den Dogmen ihrer Kirche zu widersprechen, oft genug mit schweren Strafen belegt. Selbst die Mennoniten, zu denen sich Spinoza hingezogen fühlte, unterschieden sich hierin nur wenig von den anderen Bekenntnissen. Freudenthal zitiert das Wort Mennos, des Begründers der Sekte, der den Bann das „Kleinod der Kirche" nannte, „ohne den eine Gemeinde wie eine Stadt ohne Mauern und Tore sei". Ist es unter diesen Umständen zu verwundern, dass die Amsterdamer jüdische Gemeinde durch gleiche Mittel das Umsichgreifen der Ketzerei zu verhindern suchte? Dazu kam, dass die Juden Spaniens die grausamsten Verfolgungen heroisch ertragen hatten. Sie atmeten in den duldsameren Niederlanden auf und waren glücklich, ihrer Religion wieder leben zu können. Wie musste es sie erbittern, dass ein junges Mitglied ihrer Gemeinde, der Spross einer angesehenen^Famile, es wagte, ihren altehrwürdigen Glauben, für den sie Gut und Blut gelassen hatten, für einen grossen Irrtum zu erklären! Nur die rohe Art, in der man den Bann verhängte, ist absolut nicht zu entschuldigen. Mit der Ruhe und der Gelassenheit des Weisen ertrug Spinoza den Bann. Ungebeugt ging er den Weg, den ihm sein Wahrheitsdrang vorzeichnete. Wenn an irgend jemandem, so bewährt sich an ihm der Ausspruch des dunklen Herakiit: xö Yj&og «vftpoj-tü bai^m. An der Neige seines Lebens schrieb er einen Abriss der hebräischen Grammatik. Dieses Schrifcchen zeigt, ein wie grosses, während seines ganzen) Leben andauerndes Interesse für die Sprache und Literatur seines Volkes ihm die Studien seiner Jugend eingeflösst hatten. b. m. Briefkasten. Dankbar, Wien. 1. Wäre schmeichelhaft, ist aber unrichtig. Notizen über Auswanderung und Einwanderung finden Sie bereits im ersten Jahrgang (z. B. Nr. 8, 9, 12, 13, 18, 24 etc.) sowie in allen folgenden. 2. Leider nicht. Vorläufig nur Vorschläge. 3. Von 10—12 Uhr vormittags. „Ziona, Buczacz. Es fehlen noch K 76*24. L. Sch., Dembica. „Sukkoth* für uns leider; nicht geeignet. J. Hauenzahn. Ihre Anregung ist uns leider zu spät zugekommen, wäre auch nur in einem kleineren Kreise durchführbar gewesen. S. B., Komaiko, Wir danken bestens. M Leitner, Mikul. Der erste Verein, Paris, 2 rue de Pacquier. Adresse des zweiten Vereines müssen wir erst erfragen. S., Park Lane, London. Hymne an das A.-C. geleitet. J. St., Weinberge. Besten Dank. Nachrichten immer erwünscht. Sch. St., Tlumacz. Nichts gezogen. J., Marmarosch. aTHH» erscheint in Warschau. G. P., Bialystok. Der Artikel Dr. Herzls über die russischen Juden wurde fjp die „Contemporary Review * geschrieben, übrigens auch im ersten Jahrgang der „Welt" veröffentlicht.

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