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Die Welt · 1904-09-30 · 40 (30.9.1904) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „im* # Weit" Nr. 40 Sprache angeeignet, an ihren Festen tätigen Anteil genommen, seinen Teil an den gemeinsamen Lasten redlich getragen. Seine Frau hat bei jedem Fronleichnam die Fenster aufgeputzt, Kerzen hinausgesteckt und auf immer neue Wirkungen der Dekorationskunst gesonnen, um dem Pfarrer Freude zu machen. Als aber diese brave Frau stirbt und ihr Mann ein Begräbnis für sie verlangt, da wird ihm gnädig ein Winkel hinterm Zaun mitten unter den verscharrten Dieben und Landstreichern bewilligt. Alles Bitten und Flehen ist umsonst. Da packt er den Sarg mit der toten Frau auf den Wagen und fährt sie in stiller Nacht fort, ins Ungarische hinüber, in die alte kleine Juden gemeinde, aus er der stammt. Und wie er allein mit sich und seinem Weh dahinzieht, brechen die Quellen der Tiefe auf und die heiligen Worte, die längst vergessenen, kommen ihm ungerufen ins Gedächtnis: „Wie unsichtbar du auch thronest, wie umschattet du auch weilest, rufe ich dennoch, Gott, empor zu dir: Du bist mein Schirm und meine Burg.---tt Die Frau findet in Tamnitz ihre Ruhestätte, den Mann aber treibt es hinaus in die Welt, sich eine neue Heimat zu suchen. Er findet sie endlich in Altneuland, mitten unter seinen Brüdern, den Talmudbauern von Rechoboth. „Die tote Frau" ist die erste Geschichte in dem prächtigen Buche York-Steiners, nicht — wie man nach dem Titel mit Recht vermuten würde, der „ Talmudbauer". Das ist eine Gewaltsamkeit, die uns beim Gewaltmenschen York-Steiner nicht weiter überrascht; aber vor allen Dingen sehen wir in der seltsam anmutenden Reihenfolge sichere Kenntnis des jüdischen Lebens und tiefste Einsicht in die jüdische Seele. Es ist beileibe keine rhetorische Figur, wenn unser Erzähler vom Tod ausgeht, wenn er das neue Leben in den jüdischen Kolonien darstellen will, wahrhaftig nicht; es ist reinste Wahrheit, tiefste Erkenntnis. Wie Schönwalder in seinem niederösterreichischen Dorfe, sind zwei Drittel der modernen Juden vom Leben des Tages dermassen in Anspruch genommen und von der Umgebung bis zu einem solchen Grade hypnotisiert, dass sie eigentlich nie in die Lage kommen, ihres Verhältnisses zum Judentum inne zu werden. Bis vor kurzem waren drei Ereignisse vorhanden, die wie Schlagbäume auf dem Wege des Lebens den Wanderer anhielten und an die Zugehörigkeit zum Judentum gemahnten. Wenn der jüdische Junggeselle heiraten wollte, musste er den Tempel betreten und merkte mit höchsten Erstaunen, dass er sich sozusagen auf unsichtbaren konfessionellen Geleisen bewegte, die ihm erst bei der wichtigen Station der Eheschliessung in ihrer konkreten Tatsächlichkeit zum Bevvusstsein kommen. Diese Station ist seit der Einführung des Standesamtes zu umgehen und wird tausendfach umgangen. Die Geburt eines Sohnes war ein zweites Ereignis von einschneidender Bedeutung; heute — geht man extremen Massregeln gerne aus dem Wege. Nur die dritte Station ist geblieben : die ist nicht zu vermeiden und nicht zu umgehen — gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen. Wenn der alte Vater stirbt, muss der Sohn wohl oder übel die alten Geleise betreten; auch wenn er sonst so unbekümmert, so eigenmächtig persönlich dahinlebt, als gäbe es keine Juden und kein Judentum, als wäre aller Hass aus der Welt getilgt, als wäre die Erde so voll einförmig aufgeklärter Menschlichkeit wie die Wasser die Tiefen erfüllen. Der Tod ruft sein donnernd „Halt!" und den Schönwalders fällt es wie Schuppen von den Augen. „Du hast dein Judentum vergessen — die anderen aber nicht — sie vergessen das nie — nie!" (S. 19). Dass das Judentum noch lebt, in den grossen Städten des Westens lebt, hat es nicht zum geringsten Teile dem Tode zu verdanken. Deswegen steht „Die tote FrauK passend an der Spitze einer Sammlung von Erzählungen, die in erster Reihe das neue Leben und das neue Hoffen atmen; das Werk ist ja „meinen lieben Gastfreunden, den Kolonisten in Judäa, zugeeignet". „Der Talmudbauer" wird dadurch zu einem Markstein in der erzählenden jüdischen Literatur. Im Gegensatze zur hoffnungslos wahren Abschilderung einer trostlosen Gegenwart eröffnet uns York-Steiners Novellenbuch einen vielverheissenden Blick in die Zukunft, das Buch könnte die Worte des Propheten an der Stirne tragen: „Tröstet, tröstet mein Volk!" Freilich ist mit den drei Novellen des ersten Teiles („Die tote Frau", „Maskir", „Der Talmudbauer") der Band nicht erschöpft; es folgen noch fünf andere Erzählungen von packender, zum Teile grausamer Wirkung, wie „Marhulka", „Mater dolorosa" und „An der Klosterpforte", Und da möchte man mit Y^ork-Steiner wieder rechten : „ Warum diese Höllenbreughel aus dem Ghetto nach den Lichtbildern aus unseren Kolonien, warum die Weltordnung umkehren und Sabbat Chason auf Sabbat Nachmu folgen lassen?" Aber, wie gesagt, York-Steiner strotzt von Kraft und Eigenart — wer wird ihm seine Gewalttätigkeit übelnehmen? Er tritt uberlieferte Regeln der Erzählungskunst mit Füssen, wenn er das Gefühl hat, dass die Wahrheit sich mit jenen Regeln nicht verträgt; er schont nicht unsere Nerven, wenn er sich von seiner Grausamkeit die gewünschte Wirkung verspricht. York- Steiner nimmt sich kein Blatt vor den Mund; er überlässt aber auch selten etwas der Suggestion. Er geht gerne sicher und seine Mittel versagen nie. Seine Kunst ist bei Smollet und Fielding, sicherlich nicht bei Sterne in die Schule gegangen. Alles ist bei ihm in Mittagslicht getaucht; Dämmerungen sind ihm offenbar nicht genehm, halbe Worte scheint er als Schwäche zu verachten; deshalb ist sein Buch nach Inhalt und Form für einen sehr grossen Leserkreis geeignet und man kann ihm ruhig eine lange Volkstümlichkeit prophezeien. „Ja — gibt es denn überhaupt einen grossen Leserkreis für rein jüdische Sachen, notabene für Erzählungen, die nicht alles Jüdische verspotten und auch nicht alles Jüdische mit der Romantik des Längstvergangenen bekleiden?" York-Steiner, der diese Novellen geschrieben hat, und die jungen Leute, denen der „Jüdische Verlag" sein Dasein und seine rühmliche Tätigkeit verdankt, glauben so sehr an das neue Leben, an die Wiedergeburt unseres Volkes, dass ihnen ein grosser jüdischer Leserkreis sehr wahrscheinlich, sogar selbstverständlich vorkommt. Dieser Optimismus macht ihnen alle Ehre und man kann es unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht genug loben, dass junge Schriftsteller von ungewöhnlicher Begabung ihr Talent so rückhaltlos in den Dienst der guten jüdischen Literatur stellen — ohne Rücksicht auf Gewinn, einzig und allein aus Liebe zu ihrem Volke und in der festen Zuversicht, dass dieses Volk tatsächlich zu neuem Leben erwacht. Leo Rafaels. J. Freudenthals Biographie Spinozas. Kein Mensch kann sich dem Einflüsse seiner Zeit und seines Milieus ganz entziehen- Auch das seiner Zeit weit vorauseilende Genie ist ein höherer Zeitgenosse. , Wie

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