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Die Welt · 1904-09-30 · 40 (30.9.1904) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr, 40 lfbie * weit" Seite 7 noch nicht alles. Indem die jüdischen Aerzte dem Vaterlande ihre Arbeit und den Wohlstand ihrer Familien opfern, müssen sie ausserdem noch erleben, dass ihre Kinder infolge der bestehenden Prozentklassen für jüdische Kinder in den Lehranstalten des Reiches über Bord geworfen und zum Schulbesuche nicht zugelassen werden. Welche Gefühle mögen die jüdischen Aerzte beschleichen, wenn sie erfahren, dass ihre Kinder in ihrer Zukunft bedroht werden, während sie selbst im fernen Osten ihre Arbeit den Verwundeten und Kranken widmen. Soll man daher nicht die Kinder der im fernen Osten weilenden jüdischen Aerzte auch ausserhalb der Prozentklassen aufnehmen? Das wäre nicht bloss menschlich, sondern auch gerecht!tf Warschau. Von der grossen Armut der jüdischen Bevölkerung im Weichselgebiete können folgende offizielle statistische Daten sprechen, welche die „Nowoje Wremja" einem in Warschau publizierten Jahrbuche der Verwaltung im Weichselgebiete entnommeu hat. Die Daten beziehen sich zwar bloss auf die Stait Warschau, aber sie illustrieren auch die allgemeine Lag*1 der Juden im Weichselgebiete. Die Einwohnerzahl der Stadt Warschau beträgt gegenwärtig 772.000, darunter 275.000 Juden. Warschau ist somit die grösste Judengemeinde in Europa, und die zweitgrösste in der Welt. Nur New York hat eine Judengemeinde von 500.000 Mitgliedern. Warschau hat 55.000 jüdische Familien, aber Gemeindesteuer in der Höhe von 2 bis 500 Rubeln jährlich zahlen bloss 7390 Familien. Alle übrigen Judenfamilien leben in solcher Armut, dass sie keine wie immer geartete Steuer zahlen können. Von den steuerzahlenden Familien zahlen 4585 eine jährliche Steuer von 2 bis 10 Rubeln und nur 2805 Familien leisten eine Abgabe von 15 bis 500 Rubeln jährlich. Sie bilden 5 Prozent der Gesamtzahl, müssen aber 86 Prozent der Kultussteuer entrichten. Von den 192.000 Rubeln, welche in diesem Jahre an Kultussteuern eingenommen wurden, mussten die 2805 Familien 166.000 Rubel, die anderen 4586 Familien bloss 26.000 Rubel einzahlen. Das laufende Jahr fiel besonders schwer für die jüdischen Handwerker aus. Mehr als 13.000 Handwerker sind brotlos geblieben. Der jüdische Hilfsverein hat bereits 30.000 Rubel verausgabt, um diesen Unglücklichen Brot zu verschaffen, aber die Not unter ihnen nimmt immer zu. Doch hat dieser Tage der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde von Warschau, Bergsohn, dem Generalgouverneur 30.000 Rubel übergeben, welche er unter den Juden von Warschau zugunsten der Verwundeten und Kranken im fernen Osten gesammelt hat. Kowno. Auch in Kowno haben unlängst, wie gemeldet wurde, Judenkrawalle stattgefunden, welche mit der Zerstörung von vielen jüdischen Häusern und mit der Misshandlung von vielen Juden endeten. Ueber diese Judenkrawalle melden die russischen Blätter „Wolbyn" und „Kurjer Warszwski" folgende Einzelheiten: „Am 17. August gegen Abend gerieten auf dem Markt zwei betrunkene Arbeiter der dortigen Zuckerfabrik mit einer Obsthändlerin, einer Jüdin, wegen einiger Kopeken in Streit. Der Streit ging in eine Schlägerei über, denn in wenigen Minuten umgaben den Tatort mehr als hundert Personen, die mit dem Rufe: „Haut die Juden!" an der Schlägerei teilnahmen. Mit Steinen und Wagenketten bewaffnet, überfielen sie die Vorübergehenden, drangen in die Häuser und Läden und demolierten dort alles, schlugen die Fensterscheiben ein und warfen Körbe und Ballen mit Waren auf die Strasse. In derselben Zeit wurde vom Wachtlurm aus ein Brand gemeldet, der in der Nähe des Gefängnisses ausgebrochen war und zu welchem die örtliche Feuerwehr ausrückte. Die entfesselte Menge warf sich auf die Mannschaften der freiwilligen Feuerwehr, die jedoch, sich ihrer Haut wehrend, mit ihren Rettungsgeräten auf die Tumultanten eindrang und die Menge zerstreute. Dank der sofort getroffenen Massnahmen des Isprawnik und des Aufgebotes von Militärpatrouillen konnte bis zum Abend die Ruhe in der Stadt wieder hergestellt werden. Die grosse Schlägerei hatte zur Folge, dass 20 Personen verletzt und mehr als 200 Häuser zerstört wurden." Panik In einer Synagoge. Aus Petersburg wird berichtet: In Nikolajew (Gouvernement Cherson) brach in der Synagoge infolge blinden Feuerläms eine entsetzliche Panik aus. Alles drängte dem Ausgange zu, wobei viele Menschen, namentlich Frauen, schwer verletzt wurden. Die meisten erlitten Arm- und Beinbrüche, anderen wurde der Brustkasten eingedrückt, eine Frau verlor vor Angst die Sprache. Die Zahl der Opfer ist noch nicht festgestellt. Gt. Neue iudenexzesse in Russland. Ekaterinoslaw, 10./23. September 1904. Am 2. September wurde hier die Mobilisation der Reservisten begonnen. Dieses Ereignis genügte schon, um Exzesse gegen die Juden hervorzurufen, Samstag den 4. September um acht Uhr früh begannen die christlichen Reservisten einzelne Juden auf den Strassen anzugreifen, prügelten sie, verlangten Ge.'cl und Wertsachen, nahmen dieselben mit Gewalt und versetzten den Juden noch zum Dank tüchtige Hiebe, so dass mehrere Juden schwer verwundet davongetragen wurden. Es wurde auch ein Tempel überfallen, man stiess aber dort auf Widerstand. Die jüdischen Geschäfte waren wohl auf dem Bazar, wo die Hauptexzesse waren, geschlossen, es wurden aber mehrere Läden dort und in den benachbarten Strassen erbrochen und beraubt, wobei die Besitzer meistens auch schwer verwundet wurden. Auch mehrere Wohnungen wurden geplündert und die Strassen waren voll von Federn. In den Hauptstrassen wurden sofort alle jüdischen Läden geschlossen, da auch dort mehrere Juden überfallen worden waren. Zufällig haben auch einige Christen schwere Wunden bekommen und wurden beraubt, da sie das Unglück hatten, Juden ähnlich zu sehen. Die Polizei war untätig, fürchtete die Leute anzugreifen und blieb ruhiger Zuschauer. Auch das kommandierte Militär war untätig und sah den Plündereien ruhig zu. Erst abends hat der Polizeimeister, nachdem er tätlich angegriffen worden war, strengere Mittel ergriffen. Kosaken haben dann mit Peitschen die Plünderer zerstreut. Einige wurden verhaftet. Sie freuen sich aber darüber, da sie hoffen, nicht in den Krieg ziehen zu müssen. Am anderen Tage (Sonntag) sowie auch Dienstag wurden mehrmals Versuche gemacht, die Plünderung zu wiederholen. Die Reservisten vereinigten sich mit den Vagabunden der Stadt, passierten die jüdischen Strassen mit wildem Geheul, zerschlugen Fenster und Türen, wurden aber bald von den Kosaken durch Peitschenhiebe zerstreut. Eine Selbstverteidigung war von den Juden organisiert worden, leider aber war sie zu schwach, da die Behörden solche Schutzorganisationen strenge verbieten. Sie hat gleichwohl an manchen Stellen gute Dienste geleistet. Auch in anderen Ortschaften haben die Reservisten grosse Krawalle veranstaltet, wie in Liwlnikowo, Alexandria (besonders viel), Alexandrowo etc. Genaue Angaben sind aber schwer zu erhalten. Brief aus Lemberg. Lemberg, 18. September 1904, Der Vorstand der hiesigen Kultusgemeinde hat in einer am 12. d. M. gemeinsam mit der Verwaltung der fortschrittlichen Synagoge abgehaltenen Sitzung den einstimmigen Beschluss gefasst, das Andenken Theodor Her zls sei. A. durch Aufnahme in die Haskara bei gleichzeitiger Einreihung in die Ehrenrubrik der um das Gesamtjudentum verdienten Persönlichkeiten zu verewigen. Im Sinne dieses Beschlusses wird der Name dieses grossen Toten für alle Zeiten gelegentlich der im Tempel stattfindenden Gedächtnisfeiern (Haskara Neschomoth) vom fungierenden Seelsorger unter den Edelsten der Nation genannt und so den künftigen Generationen überliefert werden.

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