Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Di* * Welt" Nr, 40 Aus England. In meinem vorigen Briefe habe ich einen traurigen Satz niedergeschrieben, einen Satz, der der momentanen Stimmung entsprach. Ich sagte: „Und wir gehen hinein in die dumpfen Strassen von Whitechapel, Dort ist scheinbare Ruhe, Aber ist dort wirkliche jüdische Stimmung? Proletarisches Bewusstsein, Klassengeist, das niederdrückende Elend, die ermüdende Arbeit treiben den Geist des Judentums aus, den alten, ehrwürdigen. Es gibt keine Ruhe; die_alten Götter zerstört, die neuen? ..Und ich ahnte nicht, dass meine Worte so rasch ihre Bestätigung finden werden. Leider zu rasch. Jörn Kippur kam ins Land gezogen. „The Day oi Atonement," heisst es bei uns. Und Zangwill machte neulich in seinem Briefe über die „Misrachi" ein treffliches, geistreiches Wortspiel, indem er sagte, dass der Tag des „Atonement" (der Schrecken) für uns auch ein Tag des „At— one—rnent" (der Einigung) sein soll. Es kam aber nicht so. Der Tag des „Jörn Kippur" hat anstatt der ersehnten Einigkeit Zwietracht zwischen den Londoner Juden des East End gesät, die Kluft erweitert, die zwischen den verschiedenen Klassen und Parteien der englischen Judenschaft gähnt. Ich spreche vom traurigen Fall in der Princelet-Street# Die Sache ist eigentlich die einfachste in der Welt. In derselben Strasse, Seite an Seite stehen zwei Häuser. In dem einen ist eine jüdische Synagoge, in dem zweiten ein Klub von jüdischen Sozialisten. Die Sozialisten sind meistens junge Leute, die unlängst angekommen, sich noch nicht an den Hauch der wahren Freiheit und Toleranz gewöhnt haben. Jugendlich übermütig, auf ihre Theorie schwörend, doktrinär und parteifanatiseh. Echt jüdische Züge, jüdisches Vollblut. Aber auch verzerrt, auch gekünstelt, überspannt. Und in dem zweiten Hause, in der orthodoxen Synagoge ebenfalls Fanatismus und Intoleranz. Und beide Intoleranzen stiessen auf einander und der Zank entstand. Die jungen Sozialisten hielten es für unbedingt notwendig, gerade am Jörn Kippur vor der Synagoge zu essen und zu rauchen und auf diese Weise das religiöse Gefühl ihrer Nächsten zu verletzen. Und die Frommen dagegen waren unklug genug, in einem freien Lande sich religiösem Fanatismus und der Intoleranz hinzugeben und über die jungen Leute herzufallen. Eine Prügelei entstand, Juden fielen über Juden her. Und wer war der „tertius gaudens?" Der englische „Mob," der Antialienist, die B. B. L. (British BrothersXigue), kurz die Elemente in England, die den Juden unfreundlich gegenüberstehen, Musste denn der Richter Mr. Cl uer, ein Engländer, die Juden Toleranz lehren? Wir, die die ganze Wucht, die ganze Barbarei der Intoleranz seitens der anderen Völker am eigenen Leibe kennen und verurteilen, wir müssen Lektionen der Toleranz von anderen bekommen? Hat uns Limerick gar nichts gelehrt? War Pater Craigh vielleicht im Rechte, die Gefühle der Intoleranz bei der irischen Bevölkerung wachzurufen? Jedenfalls könnte er sich mit Berufung auf die Vorgänge in der Princelet-Street entschuldigen. Dürfen wir solche Vorgänge zulassen, solche Zustände dulden? Unsere, Herren „Machsike Hadass", Leser und Abonnenten des „Hayeoodi" dürfen nicht vergessen, dass sie in einem freien Lande leben. Aber auch die Herren Sozialisten dürfen nicht glauben, dass die Lösung des sozialen Problems etwa darin besteht, dass sie die Empfindungen anderer Leute verletzen. Was hat die religiöse Ueberzeugung einer Gruppe des Judentums mit dem „Achtstundentag", mit der „Verelendungstheorie14, u. s. w. zu tun? Ich weiss nicht ob Mr. Hyndman eine solche Taktik seiner Parteigenossen billigen würde. Und da ich schon auf das religiöse Problem zu sprechen gekommen bin, so möchte ich noch eine andere einschlägige Frage berühren. Nicht die ^Roligious Union" — wozu Tote wecken? Aber wohl die „Bekehrer8. Es ist ja bekannt, dass es in England eine der wichtigsten Aufgaben der Missionsgesellschaft ist, die Juden zum Christentum zu bekehren. In der „Times" vom vorigen Jahre war ein detaillierter Bericht über die Kosten und die Ausdehnung dieser Missionstätigkeit zu lesen. Die Resultate sind erbärmlich. Ein grosser Kostenaufwand, um einige jüdische Seelen zum Lichte der Lehre Christi zu bekehren. Und dass diese Seelen besonders schneeweiss und engelrein seien, lässt sich aus triftigen Gründen bezweifeln. Aber die „Convertionists", die häufig selbst Konvertiten sind, ermüden nicht. Sie wenden List und Verführungskünste an, um ein paar Schäfiein der Kirchs zuzuführen. Auf den Fang kleiner, junger Seelen gehen sie aus. Sie veranstalten Kinderausflüge, Kinderabende, suchen die Jugend an sich zu ziehen und predigen ihr dann die Lehre des Evangeliums. Ja, sie korrumpieren sogar die jungen Kinder, indem sie ihnen Geld bieten. Diese Tatsache hat der Bischof von London selbst zugegeben. Und die Londoner hohe jüdische Bourgeoisie geriet in Erregung. Lord Rothschild, Sir Francis Montef i o r e, Sir M o n t a g u, haben einen offiziellen Erlass an die jüdische Gemeinde gerichtet, in welchem sie dieselbe vor den Verführungen der Missionäre warnen. Der „Jewish Chronicle" bemerkt hierzu vollkommen richtig: „Wir müssen der List der Missionäre die Erziehung der jüdischen Volksmassen entgegenstellen." Das muss die Richtschnur der neuen Abwehrbewegung gegen die „Konvertionists0 sein. Ich glaube, von dieser Seite, von Seite der christlichen Kirche, droht uns keine Gefahr. Wo Jahrtausende der blutigen Verfolgung, wo die gewaltsamen Bekehrungsmittel nichts genützt haben, dort werden auch die kleinen „Tricks" der Missionäre nicht schaden. Ich will nichts damit sagen, dass die Anti-Konvertionsbewegung überflüssig sei. Aber nur im positiven Sinne kann sie Gutes und Erspriessliches leisten, kann sie eine Bedeutung erlangen. Erziehung der Massen — das ist die Lehre, die wir aus den beiden berichteten Tatsachen — der Intoleranz der Juden und der Bekehrungssucht der Missionäre — entnehmen können. Und darnach, nicht nach der Abschaffung des Sabbats, nicht nach der Gründung einer „Religious Union", müssen die Intellektuellen, wie Mr. Claude Montefiore, Mr. Abrahams, müssen die zahlreichen jüdischen „literarischen Vereine" streben. Spektator. Aus Russland. Wilna. Deprimirende Nachrichten über die schreckliche ökonomische Lage der Juden im Westgebiete veröffentlicht der nationalrussische „Wilenskij Wjestnik". Die Zahl der Personen jüdischen Glaubens, welche infolge von Nahrungsmangel erschöpft und entkräftet in den Strassen von Wilna aufgefunden werden, wird immer grösser. Eine alte Jüdin starb auch an den Folgen des Hungers. In Lodz wiederholt sich, wie derselbe „Wilenskij Wjestnik" meldet, dieselbe Erscheinung in unheimlicher Progression. Die Notlage der jüdischen Bevölkerung der Stadt Lodz hat einen derartig kritischen Höhepunkt erreicht, dass unter den Juden zahlreiche infektiöse Krankheiten ausgebrochen sind. So meldet das russische Blatt, das Organ der Oberverwaltung im Südwestgebiete ... Die Lage unserer Volksgenossen muss wahrlich eine äusserst verzweifelte sein, wenn ein im Dienste der Regierung stehendes Blatt sich nicht zurückhielt, derartige Meldungen zu publizieren . . Warschau. Im offiziellen „Warschawskrj Dnewnik" publiziert der russisch-orthodoxe Journalist Akaemow einen längeren Artikel über die grosse Notlage der Familien der jüdischen Aerzte, welche nach dem Kriegsschauplatz im fernen Osten entsendet wurden. Der russische Publizist schreibt unter anderem wörtlich : „Die jüdischen Aerzte, welche nach Ostasien geschickt wurden, hatten früher ihre Familien durch ihre Privatpraxis ernährt und erhalten, jetzt aber ist diese Einnahmsquelle versiegt und die Familien befinden sich in grosser Notlage. Aber das ist