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Die Welt · 1904-09-30 · 40 (30.9.1904) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr, 40 flbi$ # W^lt" Seite 5 schon die ganze Strecke, die ganze geographische Ausbreitung gezeichnet, den ganzen ungeheuren Weg, den die jüdischnationale Idee durchgemacht hat. „From Greenlands icy mountains To Indias Coral Strand" heisst es dort. „Von Grönlands eisigen Bergen Bis zu Indiens Korallenstrand." Das ist der lange Weg, die Sehmerzensstrasse, die das jüdische Volk zurückgelegt hat, die der Zionismus durchmachen musste, um die zerrissene Kette wieder zusammen - zuschweissen, die „Verirrten und Verlorenen" in allen Ländern der Welt wieder zu vereinigen. Und wir verlassen China, wir gehen nach Indien* Primitive Völkerschaften drin! Und die Juden? Da wissen wir von den „Beni Israel", die mehr Hindus als Juden sind. Und dennoch genügten einige Jahre und der Hauch der jüdischen Renaissance drang auch dorthin. Schulen entstanden, eine Zeitung wurde gegründet, „The Voice of Sinai« („Die Stimme vom Sinai"). — Ja, mächtig und weitschallend musste diese Stimme gewesen sein, wenn sie nach so langer Zeit die Tauben, die Eingeschlummerten wieder zu neuem Leben, zu jüdischem Leben erwecken konnte ... Ein anderer Kulturkreis. Wir treten aus der Sphäre des angelsächsischen Einflusses und gelangen in die des lateinischen. Vor uns liegt ein Blatt aus Argentinien, eine neue Wochenschrift, im schönsten kastilianischen Idiom geschrieben und „El Sionista" („Der Zionist") ist ihr Name. Artikel über jüdisches Leben, über jüdische Politik, Erzählungen aus dem jüdischen Leben, in einem reinen und schönen Spanisch geschrieben, wie es jetzt in Saragossa gesprochen, von Campoamor oder Galdös geschrieben wird. Wir sehen uns die Unterschriften an. Jose, Manuöl, spanische Namen, aber ein Bliek auf den Zunamen genügt uns, um zu erkennen, dass unter diesen Kastilianern russische oder rumänische Juden sich verbergen. Wie schmiegsam doch der jüdische Geist ist! Aber dank der immer stärker werdenden nationalen Idee werden die jüdischen Talente trotz ihrer Schmiegsamkeit nicht assimiliert, nicht aufgezehrt von den fremden Kulturen. Unü mag er hier englisch und dort spanisch schreiben, mag er hier Esquire heissen und da Senor oder Caballero, er bleibt im Judentum. „Sch'ma b'chol loschon sch'ata schomea," sagt der Talmud. In allen Sprachen bleibt doch Israel Israel und das jüdische Volk feiert seine Auferstehung. Es ist merkwürdig, dass gerade an jenen Grenzwällen des Judentums die nationale Idee am stärksten hervortritt. In Südafrika, in Indien, in Argentinien. Die Leute haben mehr Lebensmut, mehr Vertrauen, vielleicht mehr Naivität. Aber wir, die Juden des eigentlichen Zentrums, die die Parole ausgeben, die die leitenden Geister aus unserer Mitte hervorbringen, wir kümmern uns allzuwenig um diese fernen Brüder, wir scheren uns nicht um ihr Leben, um ihr Fühlen, um ihr Leiden, um ihr Denken. Wir haben uns ihnen entfremdet und sie sie sehnen sich nach uns. Ohne unsere Unterstützung können sie nicht vorwärts kommen. Da wurde in Tunis eine jüdisch-arabische Zeitschrift gegründet; weiss jemand etwas von ihr? Daselbst soll eine jüdische Literatur im arabisch-jüdischen Jargon entstanden sein. Unsere Literaten, unsere Gelehrten kümmern sich darum nicht. In Kairo erschien einige Monate eine spanisch-arabische Zeitung „Mizraim". Ich habe einige Nummern gesehen. Die Zeitung war interessant, weil sie uns einen unbekannten Judenwinkel entdeckte. Die Zeitung ging ein, weil sie nicht unterstützt wurde. Und, um weniger weitliegende Beispiele zunehmen, werfen wir einen Blick auf die europäisch-jüdische Presse. Der „Joodsche Courant", das Organ der holländischen Juden, ein gutes, anständiges jüdisches Blatt, das die holländische Judenschaft au courant des ganzen jüdischen Lebens hielt, ging ein oder vegetiert jämmerlich. In Italien wurde die Initiative zu neuen jüdischen periodischen Schriften ergriffen. Die „Rivista Israelitica" in Florenz, „Lux" in Livorno — das Unternehmen schlug fehl. Auch die bereits existierenden „Idea Sionista", „Vessillo Israelitico", „Corriere Israelitieo" können sich kaum erhalten. Und nicht besser geht es in Frankreich. Die jüdische Intelligenz las bisher selten Judenblätter. Vielleicht sind die Blätter selbst schuld daran. Sie sind zu unmodern, zu archaistisch. Aber auch dort, wo das nicht der Fall ist, geht es den Blättern nicht besser. Es ist keine Existenz, es ist ein Vegetieren. Und wo ein Leserkreis fehlt, wo das Tätigkeitsgebiet eng abgemessen ist, können auch keine literarischen Talente gedeihen. Also der Mangel an Lesern zeitigt auch den Mangel an Schriftstellern. Und Kräfte haben wir doch genug. Latente Kräfte, gesunde. Gebt ein Publikum, ein williges, ein lernbegieriges, und die Schriftsteller werden kommen. Der hebräischen und der Jargonliteratur geht es vielleicht ein wenig besser. Aber sie leidet an so viel Gebrechen, dass ich hier lieber mit Stillschweigen darüber hinweggehe. Dem muss Abhilfe geschaffen werden. Man muss der Versumpfung der jiidischen Presse entgegenarbeiten: aber dazu ist eine Konzentrierung der Kräfte nötig. Und da wir die Leser nicht sammeln können, so wollen wir die Schriftsteller sammeln! Vor einigen Tagen tagte in Wien ein Kongress der internationalen Presse* Der Präsident des Kongresses war ein gebürtiger Jude, viele Teilnehmer waren Juden. Aber die „jüdische" Presse war nicht vertreten. Warum? Weshalb ducken wir uns überall, warum treten wir nicht auf gerade dort, wo es am nötigsten wäre? Der Grund unseres Duckens liegt darin, dass uns eine Organisation fehlt, eine Organisation der jüdischen Presse. Und die muss geschaffen weiden. Nicht in dem engherzigen Sinne wie sie von H. Marcus K ah an auf der Minsker Konferenz geplant wurde. Nicht Hebräisch oder Jargon soll hier massgebend sein. Man kann schliesslich ein guter Jude sein, auch wenn man deutsch oder englisch schreibt. Um das „Jüdische" handelt es sich. Ich möchte den Vorschlag machen, dass wir einen Modus suchen, um eine Organisation auszuarbeiten, die die jüdische Literatur und Journalistik fördern und heben soll. Wie das zu machen wäre, soll später besprochen werden. Es wurde bereits in der vorigen Nummer dieses Blattes einigee darüber gesprochen. Der Verfasser des Artikels: „Ein Kongress der jüdischen Presse" hat bereits die Aufmerksamkeit der Leser auf diese Sache gelenkt. Er hat aber die Angelegenheit wieder nur von einem engeren Standpunkte aufgefasst. Wahr ist es, dass die Jüdischen Schriftsteller voll in den Dienst der nationalen Bewegung gestellt werden" müssten, aber das allein genügt nicht. Wir müssen auch die Schriftsteller heranbilden, wir müssen eine literarische Atmosphäre schaffen, wir müssen den Geschmack und das Niveau der Schriftsteller wie auch der Leser zu heben suchen. Dazu soll die Organisation vor allem dienen. Also, wie gesagt, ich will die Frage nicht sofort auf den programmatisch abgemessenen Boden stellen. Der Boden der Literatur und der Publizistik soll ein neutraler bleiben. Ich will nicht bestimmte Ratschläge erteilen. Kommt Zeit, kommt auch Rat. Vor allem ist von Wichtigkeit, dass die Idee Anklang finde, das Uebrige wird sich von selbst ergeben. Ich möchte die Herren Kollegen bitten, die Idee, die ührigens gar nicht so neu ist, nicht unbeachtet zu lassen und sie zu verwirklichen zu suchen. „Viribus unitis"! C.

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