Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „bi* # W^lt" Nr. 40 Komitees und Vereinigungen allerdings nur für die dringendsten Erfordernisse des Augenblicks. Es ist, wie mir aus einer Korrespondenz mit dem Jewish Emigants Informations Bureau bekannt ist, von diesem beispielsweise abgelehnt worden, Emigranten zuhilfe zu kommen. Als man um Adresskarten bat, um die Auswanderer an den Board weisen zu können, antwortete dieser, dass er sich nur um die Emigration in England befindlicher Juden, deren Auswanderung vom Board gutgeheissen werde, kümmere und daher die gewünschte Kooperation nicht akzeptieren könne. Das ist ein Beispiel für viele. Es ist keineswegs immer Uebelwollen oder eine Unterschätzung gemeinsamer Arbeit, sondern meist Mangel an Arbeitskräften und materiellen Mitteln, was zu solchen sonst unverständlichen Massnahmen führt. Noch merkwürdiger ist es, dass sich diesen Bestrebungen zur Regelung der Auswanderung und zur besseren Verpflegung und Beförderung der Auswanderer bisher so wenige Rabbiner gewidmet haben. Wir wollen keine Vergleiche ziehen zwischen der sozialen Hilfstätigkeit der Rabbiner früherer Zeiten und der unserer heutigen Religionsverweser, So sehr sind wir den modernen Rabbinern nicht feind. Manche Herren aber, die sonst den Pfarrer oder den JE^astor in allen Aeusserlichkeiten bis zur Lächerlichkeit nachahmen, scheinen von der sozialen Hilfstätigkeit der katholischen und protestantischen Geistlichkeit einfach nichts zu wissen; denn es ist doch kaum anzunehmen, dass sie die christlichen Geistlichen nur um den Ornat oder den Vorrang bei einer öffentlichen Feierlichkeit beneiden, dem guten Beispiele aber, das so viele christliche Geistliche auf dem Gebiete der Wohtätigkeit und der sozialen Arbeit geben, nicht folgen sollten. Gewiss, es gibt rühmliche Ausnahmen. Wer die jüdische Emigration verfolgt, weiss aber, dass die Zahl dieser Rabbiner an den Fingern der beiden Hände bequem hergezählt werden kann, wenn man ihre Hilfstätigkeit für die Auswanderer in Betracht ziehen will Es ist vielleicht nicht minder edel, armen, gehetzten Juden zu helfen, als Versammlungen und Resolutionen gegen den Zionismus in Szene zu setzen, die Kanzel zu Verhetzungen zu benützen und den Reichen- und Mächtigen zu Gefallen zu predigen. Einer der tatkräftigsten Mitarbeiter am Werke der Regelung der Emigration, dem eine solche Arbeit keine Entwürdigung seiner rabbinischen Tätigkeit scheint, hat jüngst erst die allgemeine Aufmerksamkeit auf das Treiben der Agenten gerichtet, welche die Auswanderer um ihr letztes Geld prellen. Das Agentenwesen, die Tätigkeit der Schiffs- und Bahnkartenbureaus könnten ebenfalls schon jetzt kontrolliert werden. Es *st kein Zweifel, dass die wirklich anständigen Gesellschaften und Bureaus selbst das grösste Interesse an einer glatten Abwicklung der Auswanderung haben. Hier könnte schon jetzt die Tätigkeit der vereinigten Vereine und Komitees segensreich wirken. Man muss nur die jüngste Publikation des Rabbiners von Insterburg oder die Berichte des Rabbiners, der in Zevenaar seine ganze Zeit den Auswanderern widmet, aufmerksam lesen, um zu ermessen, in wie sträflicher Weise an den unglücklichen Juden gehandelt wird, die zur Auswanderung gezwungen werden. Sollten jüdische Auswanderungsvereine wirklich nicht mindestens ebensoviel leisten können, als etwa der „evangelische Hauptverein für deutsche Ansiedler und Auswanderer zu Witzenhausen dessen Organ „Der deutsche Auswanderer" erst jüngst wieder in dem Berichte des Vereines zeigte, was systematische Arbeit auch eines kleinen Kreises zu leisten vermag? Es wäre also schon jetzt, noch vor der Gründung einer Weltorganisation, vieles zu erreichen, und alles wäre zugleich Vorarbeit für die geplante Organisation. Sollte es wirklich unmöglich sein, die Juden von der Notwendigkeit dieser Arbeit zu überzeugen? Wir haben während unserer zionistischen Arbeit manche bittere Erfahrung machen müssen, wir haben es oft zu spüren bekommen, wie verderblich das Goluth gewirkt hat und noch immer wirkt. Wir haben aber auch Taten seltener Opferfreudigkeit und Selbstlosigkeit gesehen und uns an ihnen wieder aufrichten können. Mag auch eine grosse Anzahl von Juden die radikale Lösung der Judenfrage, wie sie der Zionismus anstrebt, noch immer nicht begreifen wollen* für die Not des Augenblicks fehlt ihnen das Empfinden sicher nicht. Vielleicht werden sie, wenn sie uns Zionisten auch an dieser wichtigen Gegenwartsarbeit sehen, verstehen lernen, warum wir der Sammlung der jüdischen Kraft das Wort reden, vielleicht werden sie, wenn sie die Wichtigkeit der Organisation hier erfassen, auch darüber klar werden, dass alle diese Fragen nur Teile der einen Frage sind, die der Zionismus lösen will und hoffentlich auch lösen wird, der Judenfrage als der Lebensfrage nicht einer religiösen Gemeinschaft sondern eines Volkes mit allen nationalen und ökonomischen Bedürfnissen eines solchen. Dr. Siegm. Werner. Zur Frage der Judenwanderung. Es ist nur mit Freuden zu begrüssen, dass in der „Welttf (Nr. 39) die Frage der Judenwanderung, eines zu schaffenden Emigrationsamtes neu angeregt wird, nachdem sie schon früher öfter besprochen wurde. So in Nr. 1, Jahrgang 1903, der „Welt" und insbesondere in einer neuerdings erschienenen Broschüre „Jüdische Emigrationspolilk" von Davis Trietsch*). Es wäre sehr zu wünschen, dass die Diskussion dieser Frage diesmal zu einem positiven Ergebnis, einer Tat, führe, umsomehr, als ich weiss, dass die Schaffung eines Emigrationsamtes, um den Anfang des Jahres 1903 bereits von unserem grossen Führer geplant war, leider damals aus andern Gründen nicht zustande kam. Wenn man bedenkt, wie viel Gelder alljährlich von Privaten, jüdischen Gemeinden und neuerdings auch viel zu sehr von zionistischen Vereinen an durchreisende, ziel- und planlos Hin- und Herwandernde verausgabt werden, am letzten Ende bloss mit dem einen Erfolg, dass die Eisenbahnverwaltungen und Schiffahrtsgesellschaften diese Gelder einnehmen —- denn die armen Wanderer haben wahrlich nichts von dieser Reiserei; kaum irgendwo angekommen, müssen sie häufig wieder mit neuerschnorrtem Gelde zurück —, wenn man dies bedenkt, so weiss man auch schon, wo die Mittel für ein Emigrationsamt herkommen werden. Es handelt sich nur um die Organisation, die vielleicht nicht so schwer sein wird, wie man annehmen könnte. Es gibt bereits gewisse Ansätze: Fürsorge verein für Rückwanderer, Vereine zur Vermeidung der Hausbettelei in deutschen jüdischen Gemeinden etc. Es gibt auch Vorbilder. Allerdings möchte ich bei diesen Bestrebungen auf eines nicht verzichten, was ich leider in dem neuerlichen Artikel der „Welt* vermisse, was aber früher sehr scharf schon betont worden ist: eine durch das Auswanderungsamt zu erzielende Konzentration der Emigranten. Das muss mit eine Hauptaufgabe unseres Strebens sein, dass die Auswanderer nicht mehr wie bisher „vereinzelt" werden, *) Verlag des Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums Berlin, Spandauer brücke 6.