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Die Welt · 1904-09-30 · 40 (30.9.1904) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Grund, warum eine so nötige Aktion längere Zeit erfordern dürfte, liegt nicht nur in der Grösse der Aufgabe und in der Schwierigkeit einer allen beteiligten Faktoren genehmen Ausführung, sondern vor allem in der grossen Zerfahrenheit, die jedes jüdische Gesamtunternehmen vorfindet. Wir dürfen nicht vergessen, dass man fast ein Jahrhundert lang mit Bedacht und Energie daran arbeitete, im jüdischen Volke jedes Gefühl der Zusammengehörigkeit zu ertöten, dass man mit dem Aufwände aller geistigen und — sit venia verbo — moralischen Mittel die Degradation unseres Volkstums zu einer Religionsgenossenschaft, die angeblich „keinerlei nationaljüdische Sonderbestrebungen" kenne, durchzuführen bestrebt war. Zu einer Vertiefung und Läuterung des jüdischreligiösen Lebens hat dieser widernatürliche und darum von allem Anfang an erfolglose Vernichtungskampf alles nationaljüdischen Empfindens nicht geführt, wohl aber zu einer bedenklichen Lockerung der Bande, die früher die Juden an ihr Judentum geknüpft hatten. Wenn es eine Zeit lang schien, dass die Auflösung des Judentums, mindestens in den Ländern grösserer politischer Freiheit, nur eine Frage weniger Jahrzehnte sei, so ist das seit dem raschen Erstarken des nationalen jüdischen Gedankens allerdings nicht mehr zu befürchten. Die angerichteten Schäden sind aber bereits so gross, dass jede gemeinsame Aktion der Juden verschiedener Länder auf die grössten Schwierigkeiten stösst und, dank der wahnsinnigen Vernichtungsarbeit der Nurkonfessionellen, auch mit einem geradezu lähmenden Misstrauen zu kämpfen hat. Wir haben diese Verhältnisse seit der Gründung der ersten „Chowewe Zion"-Vereine und namentlich seit der Einberufung des ersten Zionistenkongresses *) Vide die „Welt" Nr. 39. genügend studieren können, von dem ein wenig grotesken Nachspiel des geplanten deutschen Judentages gar nicht zu sprechen. Wir haben aber immer von neuem mit ihnen zu tun, wenn es sich um eine Sache handelt, die über die gewöhnlichsten Lokalinteressen hinausgeht* Es ist darum voraussichtlich, dass wir auch die Weltorganisation der Judenwanderung nicht allzuleicht und nicht allzurasch zustande bringen werden. Allerdings, eben die Zionistenkongresse haben ein vorbildliches Beispiel gegeben, wie Juden aller Länder unbeschadet ihrer vaterländischen und Landesinteressen an einer gemeinsamen jüdischen Sache arbeiten können. Die allüberall auftauchenden Bestrebungen, die Juden — und sei es auch nur zur Abwehr feindlicher Strömungen — in grösseren Korporationen, Landes¬ und Staatsverbänden zu sammeln, zeigen ferner, dass der Gedanke der jüdischen Volkssolidarität an Boden gewinnt. Wir können also unter günstigeren Bedingungen als vor etwa zwanzig Jahren ans Werk gehen und die Begründung dieser Weltorganisation versuchen. Wir dürfen auch um so eher auf einen Erfolg hoffen, weil es sich dabei um ein wirtschaftliches Problem handelt, das nicht nur die Masse des jüdischen Proletariats, sondern, infolge der allgemeinen Judennot und des daraus resultierenden engeren Zusammenhanges zwischen jüdischem Proletariat und jüdischer Bourgeoisie, auch die besitzenden Klassen dazu zwingt, nach Abhilfe zu suchen. Sollen aber diese Bestrebungen zur Schaffung einer jüdischen Weltorganisation der Judenwanderung eine feste Grundlage haben, so müssen wir vor allem die bereits bestehenden Ansätze einer solchen Organisation weiter entwickeln. In vielen Ländern sind bereits einzelne Vereine oder Komitees mit der Emigrationsfrage beschäftigt. Diese sind zu allererst berufen, gemeinsam zu arbeiten. Hierher gehören nicht nur die Jewish Emigration Society und das Jewish Emigrants Informations Bureau, nicht nur die Komitees in den verschiedenen Grenz- und Hafenstationen, nicht nur die Alliance und die Ica, sondern auch alle Gemeinden, die an Hauptknotenpunkten der Eisenbahn liegen und daher mit den Emigranten zu tun bekommen. Bis jetzt sorgen die

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