Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 „bi* # W$lt" Nr. 39 Recht, zu verlangen, dass von den sechs Lemberger Landtagsabgeordneten wenigstens einer ein Jude sein solle. Unter den 40 000 Juden Lembergs werde sich doch zum mindesten einer finden, der dieser Auszeichnung würdig sei. „Wenn wir auf Grund der Gleichberechtigung von den Juden Pflichterfüllung verlangen, so soll man nicht vergessen, dass diesen.Pflichten auch Rechte entsprechen. Wir haben/ ein Recht, dies; von jenen zu verlangen, die sich Vertreter der demokratischen Idee nennen. Da jedoch in der Wahlaktion des Komitees die Juden sehr ignoriert werden und über sie zur Tagesordnung übergegangen wird, als ob sie gar nicht existieren würden, was für mich als Jude demütigend ist, kann ich mich an dieser Aktion natürlich nicht beteiligen.44 Entführung eines Mädchens. Wie „Dziennik Polski44 meldet, ist die fünfzehnjährige Laura Liebermann, eine Tochter des bekannten Petroleurnraffineriebesitzers Josef Liebermann in Drohobycz, aus dem väterlichen Hause plötzlich verschwunden und konnte trotz eifrigster Bemühungen nicht aufgefunden werden. Die Eltern vermuten, dass ihre Tochter sich in einem Kloster aufhalte, wo ihr Uebertritt zum Katholizismus vorbereitet wird. Die Gesamtzahl der Juden auf der Erde wird in einer interessanten Statistik, die das soeben veröffentlichte Jewish Year-book für 1904/05 aufstellt, auf 11 017 721 berechnet. Auf die einzelnem Erdteile verteilen sie sich wie folgt: Europa 8 747 971, Asien 342 410, Afrika 354 500, Amerika 1 556 000, Australien 16 840. Ein zionistischer Roman von Milton? Ein zionistischer Roman in lateinischer Sprache aus dem 17. Jahrhundert ist soeben in England neu aufgefunden worden und er wird von seinem Entdecker, Reverend Walter Bezley, niemand geringerem zugeschrieben als dem grossen Milton. Der Roman betitelt sich „Nova Solyma" (Neu-Jerusalem) und ist 1648 in London anonym erschienen. BUcherwelt. Die zionistische Ortsgruppe Posen hat eine sehr beachtenswerte Broschüre „Zionismus und Staatsbürgertum8 von Rechtsanwalt Dr. Max Kollenscher herausgegeben. (Verlag „Jüdische Rundschau*, Berlin Nr. 54 Auguststrasse 49 a). Daß behandelte Thema wurde von der autizionistischen Argumentation seit jeher „Zionismus oder Staatsbürgertum" genannt und ihre sogenannte Logik klammerte sich besonders kräftig an diesen Strohhalm aus einem Assimilantenkopfe. Allerdings hat das kleine Denunziatiönchen kein Glück gehabt und wurde von eindeutigen Königsworten, die dem Zionismus ein Zuspruch waren, mehr als einmal in sein Nichts zurückgewiesen. Nichtsdestoweniger ist der Vorwurf mangelnder Vaterlandsliebe der Zionisten ebenso zudringlich wie die Liebesversuche der Assimilanten bei den Christen und macht auch, wie diese, stets neue Anläufe. Die Lüge geht namentlich unseren reichsdeutschen Mitarbeitern sehr gegen den Strich, denn in ihrem Arbeitskreise wird mit Recht sehr viel auf bewährtes Staatsbürgertum gehalten und viele Juden lassen sich durch den Vorwurf vom Beitritt zurückhalten. Dr. Kollenscher hat sich nun die Mühe genommen, eine Mauer gegen die jüdischen Chinesen zu errichten, bestehend aus einem Bollwerk streng logischer Argumente auf dem Grundbau einwandsfreier, moderner Gesellschaftslehre. Ganz phrasenlos, wirkt er aufs beste durch die Wucht d<*r Wahrheit und trotzdem er kurz und durchaus klar ist, lässt er keine Lücke für eine gegnerische Ansicht, Gegenüber diesen grossen Vorzügen des Was ist die Güte des Wie, d*s Stils, fast nur Nebensache, hebt aber das Ganze zur Höhe einer wahrhaft trefflichen, empfehlenswerten Agitationsbroschüre, auf die wir die allgemeine Beachtung zu lenken wünschen. _y. Ben-Zion, Eisenstadt, apnaan bx*iW ««Mn. Biographisches Lexikon der zeitgenössischen Rabbiner, Schriftsteller, Dichter etc in den Vereinigten Staaten Amerikas. New York 6663 (Hebräisch). Der Verfasser, der bereits in 4 Bänden -p^aiDI vD^n die Biographien jüdischer Schriftsteller und Rabbinen Russlands geliefert hat, vermittelt uns in diesem 5. Bande die Bekanntschaft mit dem Leben und Wirken einer grossen Anzahl von jüdischen Gelehrten, die in den Vereinigten Staaten von Amerika entweder ihre Ausbildung genossen oder als Immigranten dort ihren Wirkungskreis gefunden haben. Die Namen der ersteren sind in verschwindend geringer Anzahl, so dass man fast alle in dem Buche behandelten Namen zu den aus Russland Emigrierten zählen könnte. Nur wenige sind aus anderen Ländern. Jedenfalls sehen wir aus diesem Buche, wie mit der Einwanderung russischer Juden nach Amerika auch frisches geistiges Leben, jüdisches Wissen und jüdische Kunst in die neueN Welt verpflanzt wird. Eine zweite erfreuliche Tatsache lernen wir aus dem Buche kennen: dass die meisten oder fast alle jüdischen Geistesarbeiter in Amerika dem Zionismus sehr nahestehen, viele sogar der zionistischen Bewegung hervorragende Dienste leisten. Neben Dr. Blaustein, Rev. Gottheil s. A. und Prof. Gottheil, Sulzberger, Selikowitz finden wir eine stattliche Reihe von zionistischen Predigern und Schriftstellern, die in Wort und Schrift, sei es englisch oder hebräisch und jüdisch, den Zionsgedanken verbreiten. Wenn wir auch zugeben müssen, dass manchem Namen ein überschwänglicher, übertriebener Titel beigesetzt ist, so ist dies allein darauf zurückzuführen, dass der Autor noch jener älteren Manier in der hebräischen Literatur huldigt, hochklingende Phrasen und Wortspiele zu gebrauchen, die dem modernen Leser bereits ganz fremd geworden sind. Und wohin sich der Autor von der Phrase, die übrigens in einem derartigen Werke schon gar nicht am Platze ist, verleiten lässt, dafür diene ein Beispiel: Er rühmt an einem Prediger, dass „ihn Gott gesegnet hat ftphn nattm piai ^öb mm mit gesprächigem Munde und glatter Zunge"; ein Ausdruck, der nichts anderes als Heuchelei, im besten Falle Unaufrichtigkeit bedeutet Aber dieser Hang zur Phraseologie beeinträchtigt nicht den Wert des Buches, das so viel wertvolles Materiale enthält und uns mit dem Leben und Wirken so vieler, um das Judentum wahrhaft verdienter Männer bekannt macht. M. B. Feuilleton. Herbsttag (Fasttag). Mir ist so müde Traurigkeit An solchem Tag zu eigen, Wo sich zum Bach, wie todgeweiht, Die Weidenzweige neigen Und meines Stammes düstrer Sinn Die Seele mir umflügelt — Mein Leben, wie des Bachs Gerinn, Nur Trauerweiden spiegelt . . . Tulln. M. Scherlag. Verspätet. Von A. Reisen. In trauriger Stimmung und ganz hoffnungslos sah Antosch den Herbst in seine Bauernhütte einziehen. Da fingen die Tage an kürzer und die Abende länger zu werden, und in seiner Hütte gabjes kein Petroleum mehr, um das bescheidene Lämpchen zu füllen; seine Frau klagte auch darüber, dass der Vorrat an Salz dem Ende entgegengehe; auch Seife gab es nur sehr wenig und mit dem Pfeifentabak dürfte er ebenfalls in wenigen Tagen fertig werden. Und Antosch räusperte sich, spuckte und murrte unzählige Male täglich: „Kein Salz, keine Seife, keinen Tabak; nichts haben wir. Schlechte Geschäfte!" Aussicht auf Verdienst hatte Antosch im ganzen Dorfe nicht. Der einzige Dorfjude war selber arm und hatte keine Arbeit zu vergeben. Für Antosch gab es nur noch eine Hoffnung. Vor dem Laubhüttenfeste werde er einen vollen Wagen Reisig ins Städtchen führen und ein hübsches Sümmchen dafür heimbringen. So machte er es alljährlich, seitdem er sein abgemagertes Pferd um den Kaufschilling von sechs Rubeln am Markte erworben hatte, „Wann habt ihr Laubhütten?K wandte er sich täglich mit der gleichen Frage an den Dorfjuden.