Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 „bi* & W^lt" Seite 15 „Noch Zeit," gab ihm der Jude täglich zur Antwort „Aber wann endlich?" drängte Antosch eines Tages. „In einer Woche,* antwortete der Jude, ohne zu ahnen, wie sehr es Antosch nottat, das zu wissen. In Wirklichkeit waren es nur mehr fünf Tage vor dem Laubhüttenfeste und Antosch hatte mit kaufmännischer Genauigkeit ausgerechnet, dass es am besten sei, zwei Tage vor dem Feste Reisig in die Stadt zu führen. Dies war bereits der erste Feiertag .... Er stand früh auf,?verzehrte sein trockenes, in Salz getunktes Schwarzbrot und trank ein Mass Wasser dazu, dann spannte er sein mageres, ausgehungertes Pferd an den Wagen, nahm seine Hacke mit und fuhr in den nächsten Wald. Uüd er hieb gierig auf die Aeste los. Er suchte freilich die dichtesten und längsten aus. „Bessere Ware wird leichter an. den Mann gebracht!" dachte er und der Wagen füllte sich und ward immer höher und höher. Er rechnete auf einen Erlös von mindestens drei Gulden und es schien ihm noch immer zu wenig und er hieb weiter und legte noch einige Aeste auf den Wagen. Dieser konnte nicht mehr fassen und Antosch besah ihn von allen Seiten und lächelte zufrieden. „Es wird genug sein!* brummte er und Hess dem Pferde die Zügel frei. Kaum aber war er einige Schritte gefahren, blieb er wieder stehen und betrachtete abermals den Wagen. „Und vielleicht ist es zu wenig?* fragte er sich ängstlich und hieb noch fünf Aeste ab, die er auf den gefüllten Wagen legte, und fuhr weiter. Langsam, Schritt für Schritt fuhr er dahin und ebenso langsam bewegten sich die Gedanken in seinem Kopfe, als ob sie mit dem mageren Pferde gleichen Schritt halten wollten. Antosch rechnete, wie viel Salz und wie viel Seife, wie viel Petroleum und wie viel Tabak er für den Erlös seiner Ware bekommen könne. Das Rechnen ermüdete ihn endlich und er beschloss, dasselbe aufzuschieben, bis er das Bargeld haben werde. Dann werde das Rechnen viel leichter vonstatten gehen. Als er aber in die Stadt kam und sah, dass die Laubhütten mit Reisig bedeckt waren, fühlte er es wie einen Stich im Herzen. Es schien ihm, als ob sich die Laubhütten und die Häussr im Kreise um ihn drehten und tanzten. Er tröstete sich jedoch mit dem Gedanken, dass er jährlich bei der Einfuhr in die Stadt viele Hütten gedeckt finde. Die einen decken früher, die anderen später zu. Die Späteren zahlen auch besser. Ich werde höhere Preise fordern! beschloss er, während ihm vor Angst bange ward. Er fuhr weiter. Vor einem Hause standen zwei jüdische Frauen, deuteten mit den Fingern nach dem Wagen und lachten laut. „Warum lacht ihr?tf fragte Antosch erregt. pWeil du zu früh Reisig bringst" — antworteten sie lachend. „Wie denn zu früh?" fragte er erstaunt. „Zu früh... zu früh.,.' lachten die Frauen. Pfui — spuckte Antosch aus und fuhr weiter. Er dachte: „Hat doch Berko selbst gesagt — in einer Woche; ich komme ja bloss um zwei Tage früher.a - Kalter Schweiss bedeckte ihn, als er daran dachte, er könnte sich in der Rechnung nach Berkos Angabe geirrt haben. Es ist ja möglich, dass er die Tage schlecht gezählt habe. Er habe sich verspätet! Gewiss; alle Hütten sind bereits mit Reisig bedeckt... Er wird kein Salz haben, keinen Tabak, keine Seife und kein Petroleum ... Traurig folgt er den langsamen Schritten seines trägen Pferdes, das gleichsam wie aus Mitleid mit seinem Herrn den müden Kopf sinken lässt. Indes gehen die Juden scharenweise aus den ßethäusern in Festkleidern mit den Gebetmanteln und Gebetbüchern in den Händen. Als sie den Bauer mit dem Reisigwagen erblickten, sahen sie einander tragend an: Haben sie sich geirrt und zu früh den Feiertag angesetzt? „Was führst du da?" fragte ihn einer. „Was?" — antwortete Antosch verblüfft. „Reisig führe ich. Kauft mein Lieber, sehr billig!1* flehte er mit weinerlicher Stimme. Die Juden brachen in Gelächter aus. „Wozu braucht man heute noch Reisig, Tor! Es ist ja bereits Feiertag!" redete ihm ein anderer zu Gemüt. Antosch war von dem Unglück verwirrt; er kratzte sich am Rücken und rief weinend: „Kauft! Kauft-! Ich brauche Salz, Seife, Petroleum brauche ich." Die Gruppe von Juden, die früher gelacht hatte, war tief gerührt. Sie sahen den armen, ausgehungerten Bauer, wie er so verzweifelt dastand, und es erwachte in ihnen ein reges Mitgefühl. „Ein armer Goj, ein bitterer Rachmonus!« sagte einer voll Mitleid. „Er hoffte mit dem Reisig ein Glück zu machen und — nun ..." replizierte ein anderer. „Es wäre eine Mizwah, ihm das bisschen Reisig abzukaufen" — sagte ein dritter — „es wäre sonst ein Chillulh äschern". „Am Feiertag?* widersprach wieder einer. „Zum Verbrennen als Holz ist es auch etwas wert," sagte einer, den Wagen betrachtend. „Wert oder nicht wert! Es ist ja heute Feiertag . .." „Kein Salz, keine Seife, kein Petroleum . . c" wiederholte der bestürzte Bauer sein Liedchen, da er nicht verstand, was die Juden unter sich sprachen. Er ahnte nur, dass es sich um ihn handle. „Halt! Er braucht ja gar kein Geld; er braucht Ware. Ware ohne Geld darf man ja auch am Feiertag geben/ rief einer aus. Das Interesse der LTmstehenden wurde nun lebendiger. Unter ihnen befand sich ein Krämer, der in der Nähe seinen Laden hatte. „Gib ihm, Chaim, einige Töpfe Salz und manches andere, das er braucht. Es mag einige Gulden betragen. Wir wollen dazu beisteuern . . .* „Nu, nu, recht gerne l" — sagte Chaim —- „ein armer Goj!« „Eine Mizwah, eine Mizwah! So wahr ich Jude bin!" ergänzte jeder einzelne aus der Menge. Chaim rief den Bauer zu sich; alle folgten ihm. Er gab ihm aus dem Laden zwei Töpfe Salz, ein Stück Seife, eine Flasche Petroleum und zwei Päckchen Tabak. Der Bauer wusste nicht, was er vor Freude anzufangen habe. Er stammelte nur halblaut: ,Danke! danke!" „Da hast du noch Chala!u rief einer ihm zu, nachdem er die erhaltene Ware eingepackt hatte — „nimm das nach Hause mit!u „Da hast du noch!" reichte ihm ein zweiter. „Nochi" „Noch!* „Und noch!ö Und von allen Seiten trug man Antosch Brot und Chala zu; er konnte vor Ueberraschung kaum noch Dankesworfce hervorbringen. Die Leute waren zufrieden und Jankel Leibes, ein fröhlicher Jude, der reichlichen Vorrat für die Feiertage hatte, da der Bräutigam seiner Tochter bei ihm als Gast weilte, trug Antosch ein Glas Schnaps zu: