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Die Welt · 1904-09-23 · 39 (23.9.1904) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 39 „bie # w$it" Seite 9 Geistesarbeit einer im Dienste der Orthodoxie Ungarns ergrauten Kapazität durch giftigen Spott und dumme Hanswurstiaden zu begeifern, nur weil sie zur Seligkeit nicht den Weg durch die dunkle, dumpfe Frankfurter Judengass, die sich zum Tummelplatz von halbwüchsigen Hetzaposteln ausgewachsen hat, erwählte. Freund wie Gegner der zionistischen Idee in Ungarn sind über die Art einig, wie solchen Weisheitsergüssen zu begegnen ist: Mit gebührender Achtung. Und wenn es sich eine alte Strassenöbstlerin etwa einfallen Hesse, gegen diesen bösen Geist den Besenstiel zu schwingen, ihre kultivierte Tochter würde sich gegen dieses „Ernstnehmen* aufstemmen« Auch dem letzten Artikel würden wir diese Würdigung nicht widerfahren lassen, wenn uns nicht traurige Syaoptorae zwingen würden, ein weiteres Schweigen als „nicht geringe Sünde" gegen den heiligen Geist des Judentums zu betrachten. Denn fast vier Wochen spukt schon der vom Zentralorgan entfesselte Kobold in unserem Lande. Wir sind gezwungen, eine kleine Auslese von den Früchten zu bringen, die durch die giftige Saat des Dreschrafaels von und zu Mainz in der letzten Zeit emporgewuchert sind. Inspiriert vom Geiste eines in patriotischer Raserei aus 1813 gegen die Franzosen delirierenden Poeten, der da singt : Schlag ihn tot! Patriot! Mit der Krücke , Ins Genicke etc. schwindelt sich der „Zwillingswürger" in den molligen Rausch der längstverklungenen Glanzzeit der Mord- und Raubritter von anno dazumal hinein. Er kann sich in wildgedrechselten Phrasen der Verherrlichung jener, ach, so früh entschwundenen Zeit der grossen Hiebe nicht genug tun. Mit Stumpf und Stiel möchte er alles Zionistische ausrotten. Und wenn der Akt verwegener Eigenmächtigkeit auch moralisch nicht ganz unanfechtbar ist, lässt sich doch nicht leugnen, dass ihm ein grandioser Zug mittelalterlicher Romantik, ein Schimmer jener himmelstürmenden Selbsthilfe anhaftet« der an die Zeit des Ritters mit der eisernen Faust — das Ideal des jüdisch-konfessionellen magyarogermanischen Israeliten — erinnert Nach Papa hätte man die Misrachisten peitschen sollen, das wäre so ein Gaudium vor dem Herrn. Aus jeder Zeile seufzt die unterdrückte Sehnsucht nach der goldenen Zeit des heiligen Torquemada und des blinkenden Halseisens, das so früh von der Periode der Gedankenfreiheit und Menschenrechte abgelöst wurde. Warum hat er sie nur nicht erlebt! . . . Diese Hymnen auf das Faustrecht und den Zauber der Selbsthilfe mussten nun gerade immer unsere armen Kompatrioten jüdischer Konfession lesen, Sie haben in ihrer ungeschliffenen Derbheit keinen Sinn und kein Verständnis für Fremdworte. Sie übersahen das „Unmoralische" und Hessen sich von der „Romantik" inspirieren. Und der Tanz ging los .... Das von Mainz gepredigte Faustrecht hat in den ungarischen orthodoxen Gemeinden in den letzten zwei Wochen wahre Orgien gefeiert. Fast jeden dritten Tag berichten die Tagesblätter über die traurige Justiz der Selbsthilfe, durch die unsere arme, gichtbrüchige Orthodoxie in den chaotischen Zustand der Anarchie gestrudelt wird. Tut nichts! Brutus ist ein ehrenwerter Mann und das Blättchen bleibt das balsamierte Zentralorgan. Noch zwei von dieser Artikelsorte und — ich wage den Gedanken nicht zu Ende zu denken . ♦ . Die Justiflzierten, diese armen Opfer des „romantischen mittelalterlichen Zauberlehrlings", winden sich in ihren Schmerzen und sie werden sich wohl hüten, sich mit dem Heldengedicht vom „Tod der Zwillingsbrüder" zu identifizieren. Und auch die verschonten Geisteshelden — denn leider lauter ehrwürdige antizionistische Häupter hat der Prügelbazillus erreicht — werden einsehen, wohin diese Kampfweise führt .... Kleinlicher „Balbattimstarrsinn" und abderitieche Beschränktheit, mit dem „romantischen Zauber" der Selbsthilfe in Szene gesetzt, führten zum fluchwürdigen Revolverattentat auf den Rabbiner Brach von Nagy-Mäi. Nicht mit Pulver und Blei, doch intensiv genug wurde der „romantisshe Zauber" am Neujahrstage dem ehrwürdigen Rabbiner Lippschütz in Kabold von einigen verdammenswerten Individuen gepredigt. Und am Fasttag Gedalja war es die bescheidene Person des armen Rabbiners Ehrenfreund, Asakert, der einem begeisterten Romantiker im Zeichen der grandiosen Selbsthilfe zum Opfer fiel. Was sollten die unglücklichen Opfer diesen fanatischen Torquemädchen entgegenstemmen? Etwa die optimistische Weltanschauung von Leibniz und Konsorten? Sie haben nicht studiert; wissen nur vom bitteren Golus; haben einen krummen Rücken und verlassen sich, was Kultur betrifft, auf Deutschland. Jene sollten sich aber wohl hüten, weiter die gemeinsten Instinkte aufzuwühlen. Oder sollten sie sich zur Nachahmung jene Person erwählt haben, die sich durch die grandiose Zerstörung des genialsten Kunstwerkes die Unsterblichkeit erringen wollte? Dann möge der Genius des jüdischen Volkes es vor diesen Herostraten beschützen ... Zioni. (Für diese Rubrik ist die Redaktion nioht verantwortlich.) Arbeitskalender des österreichischen zionistischen Landeskomitees 1904/5. Jeden Montag: . . . Bureau. 1. Montag im Monat: Press- und Verschleissartikei- Kommission. % Montag im Monat: Wirtschafts- und Kulturkommission. Letzten Montag im Monat: Plenarsitzung des Landeskomitees. 1. Mittwoch im Monat: Schekel- und Bankkommission. 2. Mittwoch im Monat: Politische Kommission und mährische Sektion. 4. Mittwoch im Monat: Mährische Sektion. % u. 4. Samstag im Monat: Ionerösterreiehische Sektion. Beginn jeder Sitzung: 7 Uhr abends. Werte Gesinnungsgenossen! Der Jüdische Nationalfonds erbittet sich für die Philatelie-Abteilung Briefmarken aller Länder, speziell alte Briefmarken auf alten Kuverts, und werden die geehrten Einsender in der „Welt" veröffentlicht. Sendungen sind zu richten an die Jüd. Nationalfonds, kommission, Wien, IX., Türkenstrasse 9. Gessinnungsgenossen, sendet Briefmarken! Das Distriktskomitee Krakau veröffentlicht folgenden Aufruf: Li e b e Gesinnungsgenossen! Wie weit auch die Maschen unseres Organisationsnetzes reichen, wie eng auch dieselben gezogen sind, sie haben doch noch so manches Stück Judentum unberührt gelassen. Eines der wichtigsten Gebiete, wenn nicht das wichtigste, das bisher fast ganz brach liegen blieb, ist die Frage des Kinderunterrichtes, der Erziehung der in dem zartesten Kindesalter stehenden Juden, in einem Alter, das die ersten und daher die stärksten Eindrücke empfängt und äusseren Einflüssen so leicht zugänglich ist*

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