Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Di* * Welt Nr. 39 welches 25.000 Einwohner hat, darunter 10.000 durchwegs in Armut lebende Juden, war am 4. und am 5. September der Schauplatz ernster Exzesse gegen die Juden. Das war an einem Jahrmarkttage. Die Bäuerin Theodora Pustowoit trat in das Manufaktur Warengeschäft des Juden David Kowolskij, um Stoff für ein Kleid zu kaufen. Dem Geschäftsinhaber kam es vor, dass die Pustowoit ein Tuch gestohlen hätte, und er stellte sie darob zur Rede. Es entstand ein Streit, der viele Bauern herbeilockte. Die Pustowoit fing nun zu weinen an und erzählte, dass der Jude sie misshandelt habe. Und das gab das Signal zum Ausbruche der Exzesse gegen die Juden. Die Bauern und die Arbeiter begannen nun, die jüdischen Häuser zu demolieren. In diesem Augenblicke fuhr der Erzbischof Flavian durch die Stadt und die Polizei war nur damit beschäftigt, die Passage für den Erzbischof freizuhalten. Dies benützten die Exzedenten, um auch die jüdischen Geschäfte zu demolieren, die Waren zu vernichten und alles Hab und Gut zu zerstören. So währte es bis zum Eintritte der Dunkelheit. Gegen Abend zogen 60 junge Juden aus, um mit Revolvern in der Hand dem Zerstörungswerke der Vagabunden Einhalt zu tun. Aber die aus Tscherkassy requirierten Polizisten Schossen auf die jüdische Menge und veiwundeten die Juden Pinchas Sasslawskij und Salomon Sokolow schwer, mehr als 40 Juden aber minder schwer. Später schössen die Polizisten auch auf die Exzedenten und verwundeten einige davon. Die aus Tscherkassy berufenen Truppen trafen erst am nächsten Tage um die Mittagsstunde ein, so dass einige hundert Eisenbahnarbeitftr aus der Knotenstation „Bobriuskaja8 inzwischen die Möglichkeit hatten, in Smjela einzufallen und die Vernichtung der Wohnstätten der armen Juden zu erneuern. Am 5. traf der Gouverneur von Kiew, General Sawwitsch, in Begleitung des Staatsanwaltes Schimanskij und des Polizeimeisters Greminskij in Smjela ein, aber das Vernichtungswerk war bereits beendet. 100 jüdische Häuser, 150 jüdische Geschäfte, zwei Synagogen, zwei jüdische Schulen und die vom Doktor Stern begründete jüdische Bibliothek wurden völlig vernichtet, 4000 Juden zu Bettlern gemacht. Die Not dieser Unglücklichen ist unbeschreiblich gross. Ein Hilfskomitee bemüht sich, die Not zu lindern." Dieser russische Bericht, welcher auch von der „Kiewskaja Gazeta" bestätigt wird, sagt vieles über die Ursachen der neuesten Judenexzessa in Smjela... Aber auch die Judenkrawalle in Rowno hätten nicht einen solchen Umfang annehmen müssen. Wie die Zeitschrift „Wolhyn" meldet, sind die Judenexzesse in Rowno merkwürdigerweise ebenfalls am 5. September ausgebrochen, aber anfangs in sehr schwacher Form. Erst als die Exzedenten sahen, dass die geängstisrten Juden bei der örtlichen Polizei keine Hilfe und keinen S.chutz fanden, wurden sie dreister und dann erst ging die Zerstörung der jüdischen Häuser und des jüdischen Gutes los. Auch hier wurden 20 Juden arg misshandelt, eine alte Jüdin wurde sogar lebensgefährlich verletzt. Das Ergebnis der Judenexzesse in Rowno, welche erst gegen Abend dank dem herbeigeeilten Kreischef unterdrückt werden konnten, ist: 250 demolierte und vernichtete jüdische Häuser und Geschäfte, 1000 brotlose und 20 verwundete Juden. Die Judenexzesse in Sosnowice spielten sich, wie die „Nowostitf melden, nach bekannter Schablone ab. Man verbreitete das Gerücht, die Juden hätten einen Christenknaben ermordet und die Krawalle gegen die Juden gingen los. Die Polizei schien gar keine Lust zu verspüren, die Exzedenten auseinanderzutreiben und die unglücklichen Juden zu schützen. Die Ruhestörer demolierten die jüdischen Häuser und Geschäfte und misshandelten die Juden, welche ihnen begegnet waren. Den Juden Federmann verwundeten sie am Hinterhaupte, eine alte Jüdin an der Brust und andere im Rücken, so das im ganzen 15 Juden schwer und 25 Juden minder schwer verwundet wurden. Erst spät in der Nacht langte eine Sotnie Kosaken in Sosnowice ein und ihr gelang es, die Ruhe wieder herzustellen. Petersburg. Der russische Minister des Innern, Fürst S w i a t o p o 1 k - Mi r s ky hat, wie der „Regierungsbote0 meldet, die Glückwunsch depesche, welche die jüdische Gemeinde von Belostok aus Anlass seiner Ernennung zum Minister des Innern an den Fürsten gerichtet, mit folgendem Telegramm beantwortet : „Ich bitte, dem Rabbiner und der ganzen jüdischen Gesellschaft von Belostok meine Dankbarkeit für die zum Ausdruck gebrachten Gefühle und Wünsche zu verdolmetschen. In Erfüllung der gnädigen Weisungen des Monarchen, für welchen die Bedürfnisse aller Untertanen gleich wichtig sind, habe ich die jüdische Bevölkerung des Nordwestgebietes genau studiert und gestrebt, ihren Bedürfnissen entgegenzukommen/ gt. Judenkrawalle. Es klingt fast selbstverständlich, dass das jüdische Neujahr durch „Judenkrawall etf inauguriert wurde. Das Ereignis, das typisch ist für die jüdische Tagesgeschichte — der Judenexzess — wird wie ein Motto am Eingang des Jahres placiert. Der Schauplatz der Ausschreitungen war diesmal Sosnowice. Wir wissen längst, dass der Ausdruck „ Judenkrawalle", der seiner Wortkonstruktion nach zweideutig ist, erfahrungsgemäss leider nur einen Sinn zulässt: wenn man von „Judenkrawallen" spricht, so meint man nie, dass Juden krawalliert haben, sondern jedermann weiss, dass gegen Juden krawalliert wurde. In diesem Worte können die Juden keineswegs der aktive, sondern immerzu nur der leidende Bestandteil sein. Wie sich die Judenexzesse in Sosnowice abgespielt haben? Fast könnte man darauf verzichten, den Verlauf in den Einzelheiten zu erzählen; wir haben ja, Gott sei's geklagt, schon eine Schablone, nach der alle Judenexzesse aufgebaut sind. Das Grundgerüst ist allerorten das gleiche, nur das Beiwerk wechselt Immer, und auch diesmal, ist der Anlass unbedeutend, fast läppisch. Ein Steinwurf oder ein Backenstreich oder ein Wortwechsel an der Strassenecke. Und im Nu ist aus dem unansehnlichen Fünkchen ein weitgedehnter Brand entstanden, der prasselnd über die Dächer der Judenhäuser hinfegt. Dieses rasend rasche Anschwellen aus winzigem Anfange besagt uns, dass der Judenkrawall eigentlich latent in der Luft liegt, gleich einem explosiven Gas: man zünde ein kleines Zündhölzchen in dem gaserfüllten Raum an und die nächste Sekunde gebärt ein Flammenmeer. Dann folgt noch eine Gruppe stereotyper Situationsberichte : Bitte um Hilfe der Behörden--vergebens--- vorderhand keine höheren Instruktionen---. Es ist eben eine alte, alte Wahrheit, dass die öffentliche Feuerspritze zum Brande eines Judenhauses entweder gar nicht ausrückt oder erst auf dem Brandplatze erscheint, wenn es nur mehr gilt, die verkohlten Balken überflüssigerweise ein wenig anzufeuchten. „Unter den Verwundeten und Geschädigten befinden sich zumeist Kleinhändler" — ebenfalls ein stehender Satz in den Krawallberichten. Der Palast des Reichen vermag mit seinen dicken Quadern und eichenen Toren dem Pöbel erfolgreicheren Widerstand zu leisten als die morsche Ladentür des kleinen Krämers. Wie ja auch in „Friedenszeiten" der arme Hausierer die Prügel in Empfang nehmen muss, die der Wirtshausmob momentan dem abwesenden jüdischen Nabob nicht verabfolgen kann. Heute Sosnowice — und morgen und übermorgen —? Die Frage klingt allerdings wie sündhaft, doch wer könnte aufstehen und Zeugnis ablegen, dass es nicht da und dort ein Morgen und Uebermorgen mit Blut und Brand geben werde? Wir alle wohnen, wenn wir's recht besehen, in Sosnowice. Ja, wir haben ein „ewiges Feuer", — es will nicht aufhören, in den Dachsparren der Judenhäuser zu glimmen. sch. 1. h. Brief aus Ungarn. Am 21. Elul leistete sich das BZentralorgan für das orthodoxe Judentum" aus der Feder seines ehrwürdigen Geistes- und allseits bekannten Maulhelden einen Artikel, in dem sich der Verfasser des berüchtigten „Wahnjudentumsa mit den „Zionistischen Zwillingsbrüdern* befasst. Es liegt jenseits des gesunden Menschenverstandes, sich mit dem Herrn ernst zu beschäftigen, der,nach seinen eigenen Worten, „mit leichtblütig jugendlicher Vermessenheittf sich erkühnt, mit seinen zweiundzwanzig Flegeljahren die