Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 39 „bie * w^it" Seite 7 kurze Ausflüge zum Jordan und Toten Meer in dieses Programm aufgenommen sind. Führt schon bei kleineren Gesellschaften die Reiseroute quer durchs Land gegen Norden, dann lässt man, um Zeit zu sparen, die jüdischen Kolonien abseits und unbeachtet In der Hast der Abwicklung des Reiseprogramms, in der Abhängigkeit von nichtjüdischen Reisegenossen lernt der jüdische Reisende Palastinas jüdische Bevölkerung, jüdisches Leben, jüdische Verhältnisse so oberflächlich als möglich kennen. Die alten eingewurzelten Vorurteile, welche ihnen hierzulande ein ödes, verlorenes, hoffnungsloses Land vorlügen, werden nicht korrigiert und ausgemerzt, sondern vertiefen urd verstärken sich und werden, in der Heimat weiterverbreitet, gläubig nachgebetet. Die jüdischen zerlumpten Bettler und Krüppel an der Klagemauer und die paar Judentypen der Jerusalemer Strasse repräsentieren diesen Reisenden die jüdische Gesamtbevölkerung des Landes. Jerusalem mit seiner traurigechönen Umgebung und «einem düsteren Eindruck ist ihnen Palästina, Sie sehen und hören nur, was elend und abstossend, verkümmert und rückständig ist an Palästinas Juden, nicht das Erhabene, Zukunftsfrohe, Trostreiche. Aus dieser Art, Palästina zu bereisen und pauschaliter abzuurteilen, resultieren zum Teile die einseitigen ungerechten Verdammungsurteile, auf die man so häufig stösst, und welche eine völlige Unkenntnis der für die Beurteilung vom nationaljüdischen Standpunkte aus wichtigsten Gebietsteile, die zu den jüdischen Kolonien gehören und unsere stolze Hoffnung bilden, verraten. Organisierte jüdische Palästinareisen würden zur Richtigstellung und Beseitigung der Palästina betreffenden Vorurteile beitragen, wie sie manche andere Uebel, von denen eingangs gesprochen wurde, beseitigen helfen werden. Es sollen hier nicht Binsenwahrheiten über den Nutzen und erzieherischen Wert des Reisens verzapft werden. Aber gerade die Vorteile solcher Palästinareisen sind so handgreiflich, dass sie ausführlicher Begründung nicht bedürfen. Welche reiche Fülle wertvoller Anregungen, welche nachhaltige Vermehrung der Palästinakenntnisse unter Zionisten und Nichtzionisten, welches gesteigerte Interesse an allem, was mit Palästina zusammenhängt, könnte die segensreiche Wirkung solcher Reisen werden! Der zielbewussten Palästinaarbeit werden neue, überzeugungsvolle Arbeiter und Agitatoren erstehen; der wünschenswerte, innige Kontakt zwischen palästinensischen und Diasporajuden wird ausgestaltet und gepflegt; die Einzelprobleme der Palästinapolitik, wie Arbeiter- und Bodenfrage, Erziehung der Palästinajugend, innere Kolonisation, Industrialisierung u. dgl. werden in zionistischen Kreisen dann gewiss besseres Verständnis und mehr Würdigung finden; die ungeheure Bedeutung des jüdischen Nationalfonds wird in vollem Umfange erfasst werden; kurz, jede Palästinareise wird als ein Jungbrunnen nationaler Begeisterung und jüdischer Zionsliebe in der zionistischen Partei und über diese hinaus einen tiefen, weitreichenden Einfluss üben. Die zionistischen Reiseteilnehmer werden aus der Berührung mit der heimatlichen Erde immer neue Kraft und Frische schöpfen. Nicht die Notwendigkeit und Nützlichkeit, nur die Durchführbarkeit dieser periodischen Palästinareisen kann Gegenstand des Zweifels und der Diskussion sein. Was sollte ihrer Realisierungsmöglichkeit hindernd im Wege stehen? „Diplomatische" Schwierigkeiten etwa? Keineswegs; es sollen und werden nicht lärm- und reklamehafte Massendemonstrationen, sondern ruhige G-esellschaftsreisen sein. Gewiss, der Kostenpunkt spielt die Hauptrolle. Aber bei rationeller Vorbereitung und Organisierung lässt sich eine bedeutende Verbilligung erzielen, so dass die Teilnahme an den Reisen Angehörigen des Mittelstandes und zionistischen Studenten, auf die zunächst zu rechnen sein wird, ohne Schwierigkeiten ermöglicht wird. Es sei kurz darauf hingewiesen, dass reichsdeutsche Lehrer in den Ferialmonaten jährlich solche Palästinareisen unternehmen, die unter dem Namen „Bolthausens Lehrerreisen" bekannt sind. Warum soll den Zionisten Palästina, das Judenland, nicht des Opfers einer Reise, das nicht unerschwinglich ist, wert sein? Diejenigen, welche sich jährliche Erholungs¬ und Urlaubsreisen in die Ostseebäder, in die Schweiz, nach Italien, ins Salzkammergut leisten können, werden einmal auch Palästina zu besuchen in der glücklichen Lage sein. Es wird Sache der zu gründenden Organisation sein, auf dem Wege von Teilzahlungen und Auslosungen auch Minderbemittelten die Reise zu ermöglichen und durch Erlangung von Fahrtbegünstigungen und Verpflegserleichterungen für die Reisetruppe die Reisekosten auf das Mindestmass herabzusetzen. Die Palästinareisen sind zweifellos nötig und durchführbar. Sie werden ein oft gehörtes, berechtigtes Gravamen aus der Welt schaffen helfen, welchem Gg. Elias Auerbach (Berlin) vor einigen Wochen in seinem Artikel („Welt" Nr. 27 d. J.) über die Zeitschrift „Palästina" in zutreffender Weise Ausdruck gegeben hat, indem er schrieb: „Es ist ein feines psychologisches Problem, die innere Stellung der zionistischen Arbeiter zu ihrem Endziele Palästina sich klarzumachen. Da sind viele der Besten, denen es nur ein Ideal geblieben ist, so sehr, dass sie mit Schrecken oder träumerischem Erstaunen vor der wirklichen Landnahme stehen würden, zahlreiche andere gehen je länger desto mehr in den Vorarbeiten der Agitation und Organisation auf, die ihnen immer mehr zum Selbstzweck werden, zu einer Art laufender Arbeit der Routine. Und nur wenige bleiben, scheint mir, übrig, die in plastischer Schärfe sich das Ziel als erfüllbar klar vorstellen und mit gegürteten Lenden, den Stab in der Hand, schnurgeradeaus sehen, die sich und das Land rüsten wollen für den Beginn der Rückkehr. Nur diese ernsthafte Vorarbeit für die endgiltige Besitznahme Palästinas kann den Zionismus vor Versteinerung und erdfremdem Idealismus bewahren/ Erdfremder Idealismus — wie viel Wahrheit birgt das Wort in sich! Wie viel Verwirrung und Missverständnis hat er schon verschuldet! Solch ein Idealismus ist für positive, reelle Palästinaarbeit, die nottut an allen Ecken und Enden, ein recht unverlässliches Fundament. Die Institution der Palästinareisen kann und soll ihr festere Grundlagen und unserem Idealismus realistischere Prägung geben. Ihre Durchführung hängt nur von der Einsicht und dem starken Willen der organisierten Zionisten ab. R. Nss, Aus Russland. Die vorliegenden russischen Blättter enthalten ausführliche Berichte über die Exzesse gegen die Juden, deren Schauplatz jüngst die Städte Smjela im Gouvernement Kiew und R o w n o im Gouvernement Wolhynien waren. Der Telegraph hatte wohl auch von Judenkrawallen in Kowno und Sosnowice zu melden gewusst, aber die Ereignisse, welche sich in Smjela und Rowno abgespielt haben, dürften genügen, um die | verhängnisvolle Bedeutung der erneuerten Judenkrawalle in Russland für unsere rechtlosen Volksgenossen im Zarenreiche vollauf würdigen zu können. Die Vorgänge in Smjela, wie sie in nationalrussischen Blättern geschildert werden, erinnern in mehr als einer Hinsicht an die blutigen Massakres von Kischenew und Hornel. Auch in Smjela hatte die Polizei anfangs die jüdische Jugend in ihrer Selbstverteidigung gehemmt und so den Exzedenten die Möglichkeit gegeben ihr Zerstörungswerk ungehindert fortsetzen zu können. Der „Kijewl janin", ein nationalrussisches Blatt mit einer scharf ausgeprägten antisemitischen Vergangenheit, schildert die Vorgänge in Smjela mit folgenden Worten: „Smjela, eines der grössten Städtchen unseres Gebietes,