Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bie $ w^it" Nr. 39 zirkulieren lassen, der auch in allen hebräischen Blättern, sowie in der „Welt" abgedruckt wurde. Der Grundgedanke dieses Entwurfes war, die materielle Lage der hebräischen Schriftsteller sowohl für das hohe Alter wie auch für den Fall einer vorzeitigen Invalidität zu sichern. Das Kapital für die Gründung dieses Verbandes sollte durch eine Subskription aufgebracht werden und tatsächlich sind auch damals einige hundert Rubel eingelaufen. Es hatten sich auch zirka 80 Mitglieder gemeldet und das Schicksal des Verbandes sollte auf dem sechsten Kongresse entschieden werden. Nun steht aber ftst, dass der Verband nicht zustande gekommen ist. Einer der wichtigsten Streitpunkte von prinzipieller Bedeutung war der, dass der Verband ausschliesslich hebräische Schriftsteiler aufnehmen durfte, weshalb eine ausserordentlich grosse Zahl von Schriftstellern, die sich des Jargons und anderer Sprachen bedienen, ausgeschlossen war. Es wurde da auf die grosse Schwierigkeit verwiesen, dass es nicht möglich sein werde, sich mit den jüdischen Schriftstellern, die in verschiedenen Sprachen und Dialekten schreiben, zu verständigen, Dass dieser Einwurf von keiner Bedeutung ist, lässt sich schon aus den Verhandlungen unserer Kongresse entnehmen. Unsere Kongressdelegierten bedienen sich ja auch der verschiedensten Sprachen und nichtsdestoweniger wissen alle (durch Uebersetzungen), um was es sich handelt. Und wie ist es denn auf dem internationalen Presskongresse? Da bedienen sich auch die Redner der verschiedensten Sprachen und dennoch sind alle im Kontakte und gehören einer Organisation an. Andere Momente von prinzipieller Bedeutung sind aber in diesem Entwürfe ganz ausser acht gelassen worden» Die jüdischen Schriftsteller brauchen zwar vor allem eine soziale Organisation, diese muss aber auch voll in den Dienst der nationalen Bewegung gestellt werden. Sie hätte dafür zu sorgen, dass Schädlingen, welche bewusst darauf abzielen, das Judentum zu untergraben, das Handwerk gelegt werde, und zu verhüten, dass die Not des Journalisten von gewissenlosen Machthabern (siehe Verlagsunternehmungen, Kultusvorstände) dazu missbraucht werde, sie zu zwingen, gegen ihre bessere Ueberzeugung zu schreiben. Selbstverständlich ist noch eine ganze Reihe von Forderungen zu berücksichigen, die man ausfuhrlich im Organisationsstatute formulieren müsste. Und obwohl wir die grosse Bedeutung einer solchen Organisation anerkennen, hat man dennoch seit dem sechsten Kongresse nichts unternommen, um sie ins Leben zu rufen. Die jüdische Presse ißt seit damals nicht nur nicht zurückgegangen, sondern hat sich im Gegenteile vielfach entfaltet. Was soll nun geschehen, um diese wichtige Organisation dennoch zu bilden? Im Frühlinge wird der VII. Zionisten-Kongress tagen und bis dahin sind alle nötigen Vorbereitungen zu treffen, um den Verband zu dieser günstigen Zeit — wenn auch ganz unabhängig von dem Kongresse — zu*gründen. Die Leitung aller Vorarbeiten hätte ein Komitee, zusammengesetzt aus Mitgliedern der grössten jüdischen Zeitungen. Alle nötigen Ausgaben*) könnte man einstweilen aus dem für den Verband bereits eingelaufenen Gelde decken. Hoffen wir, dass die jüdischen Schriftsteller und Journalisten bis zum nächsten internationalen Presskon- *) So wäre es wünschenswert, einen Beamten zu besolden, da die freiwilligen Arbeiten grösstenteils unpünktlich sind und Verzögerungen hervorrufen. Der Verfasser, gresse es dahin gebracht haben werden, die Stellung, die ihnen gebührt, einzunehmen, zu ihrem eigenen Nutzen und zu dem des jüdischen Volkes. Sollte aber auch nur ein Verband für hebräische Schriftsteller gegründet werden, so wird er ein Ansporn für die übrigen sein, auch ihrerseits einen solchen ins Leben zu rufen. J. H. Palästinareisen. Die in der Aera des politischen Zionismus bisher unternommenen Versuche einer Vertiefung und Verallgemeinerung des Palästinastudiums hatten nicht den gewünschten Erfolg. Es fehlt an den die Palästinakenntnisse popularisierenden literarischen und technischen Hilfsmitteln und es darf als beschämende Wahrheit konstatiert werden, dass eine sehr grosse Zahl westlicher Zionisten das Land ihres nationalen Ideales recht wenig kennt und die unklarsten Vorstellungen von Land und Leuten hat. Die Phantasie hat freiesten Spielraum und malt m willkürlichen, wirklichkeitfremden Bildern die Physiognomie einer jüdischen Bauernkolonie, die Figur und Existenz eines Kolonisten, die Entwicklung der palästinensischen Kolonisation aus. Die ganze praktische Palästinaarbeit und Parteiagitation leidet unter der Verschwommenheit und Unklarheit der Vorstellungen und Urteile, die sich hüben und drüben über Palästina und seine Bewohner in bald übertrieben pessimistischer, bald allzu optimistischer Färbung eingebürgert haben. Die Privatinitiative, die da Wandel schaffen wollte, versagte, die Gründungen, welche z. B. die Sichtung des Palästinabibliographie, die technische Erschliessung des Landes, die Veranstaltung von Enqueten über jüdische Orieatkolonisation. bezweckten, blieben bisher ohne Widerhall in weiteren Kreisen und gingen bald ein. Erst die vom VI. Kongresse eingesetzte Palästinakommission bemüht sich- — wie es scheint, mit unzulänglichen materiellen Mitteln und agitatorischen Kräften — um die Erweckung eines tieferen, verständnisvolleren Interesses für alle Palästina- und Kolonisationsfragen und um die Belebung praktischen Palästinaßtudiuma. Bereits vor etlichen Jahren wurde von Wiener zionistischen Studenten die Organisierung zionistischer Palästinareisen angeregt, welche obigen Mängeln teilweise abzuhelfen und manche Lücke in der für Palästina zu leistenden Arbeit auszufüllen geeignet erscheinen dürfen. Sie verdienen jedenfalls grössere Aufmerksamkeit und Fürsorge, als ihnen bis jetzt zuteil wird. Denn diese Reisen, zweckentsprechend organisiert und verbilligt, zur ständigen Einrichtung ausgebildet, mittelbar in den Dienst der Agitation gestellt, sind eines starken moralischen und agitatorischen Erfolges sicher und kommen einem in Parteikreisen tiefgefühlten Bedürfnisse entgegen. Wie wanig das lebendige und aktive Interesse jüdischer Kreise für Palästina und seine Entwicklung mit dem imposanten ziffermässigen Anwachsen und steigenden moraliflchan Einflüsse der politischzionistischen Bewegung gleichen Schritt hielt, äussert sich auch in der verhältnismässig sehr geringen Zahl von Juden, welche Palästina aus eigener Anschauung kennen. Es ist ja notorisch, dass die Palästina besuchenden Juden in den grossen Massen andersnationaler und andersgläubiger Touristen, welche alljährlich das heilige Land besuchen, einen minimalen Prozentsatz bilden. Der überwiegende Teil der jüdischen Besucher, welche sich zumeist den von englischen oder deutschen Reiseunternehmungen arrangierten Gesellschaftsreisen anschliessen, berührt die jüdischen Kolonien gar nicht, ausnahmsweise en passank In dem Schabionenprogramm jener Reisebureaus werden diese ignoriert, da gewöhnlich nur die Eisenbahnfahrt Jaffa-Jerusalem, die Besichtigung Jerusalems und seiner nächsten Umgebung,