Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 lfbi$ * W$lt" Nr. 39 fünf — den jüdischen Einwanderern von der Immigration nach Amerika dringend abraten und, wenn das nicht genüge, ob man nicht Massregeln dagegen ergreifen solle. Das ist natürlich ein kindliches Vorgehen, das über die Gefahr und die Folgen einer solchen Massregel keinerlei Vorstellung hat; aber ungemein bezeichnend ist die Sache, und die jüdischen Blätter Amerikas sind leider nicht alle unbeeinflusst oder unterrichtet genug, um dagegen mit aller Energie Stellung zu nehmen. Es ist kein Zweifel, dass Amerika noch lange für Einwanderer genügend Platz und Arbeitsgelegenheit hat, und es ist nicht einzusehen, warum gerade einem so tätigen, tüchtigen, intelligenten Bevölkerungsteile wie den Juden Hindernisse in den Weg gelegt werden sollten. Alle diese Bedenken müssten wie Spreu im Winde zerstieben, wenn eine geordnete Einwanderung stattfände, wenn man nicht fürchten müsste, dass die Neuankommenden sich an einigen wenigen Punkten festsetzen, wenn dafür gesorgt wäre, dass man sie dorthin dirigiere, wo sie Arbeit für sich fänden, ohne andere zu schädigen. Das ist nämlich auch ein Vorwand, der selbst von Leuten gebraucht wird, die angeblich frei von allem Judenhass sind, dass der heimische Arbeiter von den Juden unterboten und dadurch in seinem Existenzminimum herabgedrückt werde. Hat doch sogar der Jahreskongress der „Trades Unions" in Leeds jüngst solche Anwürfe mit Beifall begrüsst. Wir dürfen uns nicht verhehlen, dass wir nur auf Grund eines sorgfältig zusammengestellten Materials einen Gegenbeweis antreten können. Dieses Material aber kann nicht ein einzelner, auch nicht eine oder die andere Stadt liefern, sondern nur eine Weltorganisation, die ziffermässige Belege vorbringen kann, weil sie in den Bureaus der einzelnen Länder die nötigen Erbebungen zu pflegen in der Lage ist. Freilich werden dadurch die Judenfeinde nicht belehrt werden, die Staaten und Länder aber werden auch andere als bloss feindliche Stimmen zu hören bekommen. Vielleicht ist die Reise Mr. S. Bermans, der vom Londoner „Jewish Board of Guardians" na^h den Vereinigten Staaten und nach Kanada geschickt wurde, um die Bedingungen für eine weitere jüdische Einwanderung zu studieren, doch als Anfang einer vorbauenden Tätigkeit zu begrüssen. An sich ist sie von keinem besonderen Werte, weil weder Mr. B e rm an noch der „Jewish Board of Guardians" allein eine solche wichtige Frage zu entscheiden befugtJoder imstande ist. Als Beispiel einer gründlicheren Behandlung dieses Problems ist Mr. Bermans Reise aber entschieden zu loben, wenn wir auch über das Unzureichende der Aktion vollkommen im klaren sind. Wir können darum nur immer wieder darauf hinweisen, dass diese wichtige, vielleicht momentan wichtigste Frage der Gegenwartsarbeit für unser Volk nur von der jüdischen Gesamtheit mit Aussicht auf Erfolg gelöst werden kann. Wir Zionisten werden eine solche gemeinsame Aktion mit Freuden begrüssen und sie in jeder Weise unterstützen. Nicht an uns soll es liegen, wenn die unwürdigen, gefährlichen und dabei ungeheuer kostspieligen Methoden der jetzigen Juden Wanderung auch fernerhin beibehalten werden, wenn die rastlose Arbeit einzelner an dem grossen Problem : ermüdet und wenn auch das wenige, was jetzt schon geschieht, mit der Zeit aus Mangel an Interesse, an hilfsbereiten Woltätern und an materiellen Mitteln endlich nicht mehr geleistet wird. Wir hoffen aber, dass unsere Ge§inqungsgenossen, wenn schon nicht andere, das Interesse für diese Frage immer neu beleben werden. Können :^ar, dank der Teilnahmslosigkeit so vieler Juden, höch nicht unsere öffentlichrechtlich gesicherte Heim statte erwerben, so wollen 'wir ausser für manches andere auch dafür zu sorgen versuchen, dass unsere wandernden Brüder nicht im Elend verkommen mü^en. Di% Siegm. W e r n ej£. Ein Brief Zangwills Uber den Zionismus. Mr. Z a n g w i 11 richtete neulich einen Brief an eine stark besuchte zionistische Versammlung, die am 9. d. in St. Andrews Hall, London, stattgefunden hat. Z a n g w i 11 s Brief lautete: „Ich bedaure sehr, dass mein neuestes Werk, das mich ganz in Anspruch nimmt, mir das Erscheinen auf Ihrer Rednerbühne unmöglich machte. Aber vielleicht gam su letowa. Es ist jetzt ein sehr kritischer Moment für unsere Bewegung und das am schlechtesten Gesagte muss am ehesten verbessert werden. Die Luft ist voll von unklugen Reden. Was wir am meisten brauchen, ist Einigkeit; aber Einigkeit kann nicht erzielt werden, wenn jedermann seine Auffassung einzig und allein für deti Zionismus halten wird. Der Zionismus wird breit genug sein, um alle Auffassungen einschliessen zu können, sonst wird ihm die Kraft fehlen, irgend eine Auffassung in Tat umzusetzen. Die ganze Kraft der Judenschaft reicht kaum zur Lösung des vom Zionismus aufgestellten Problems aus; wie sollen es einige Atome zustande bringen! Es ist schon Zeit, dass der Schwanz die Änmassnng aufgebe, den Hund zu leiten. Bei dieser jetzigen Sachlage ist es sehr notwendig, sich in Erinnerung zu bringen, was eigentlich unsere Bewegung sei. Die schlaue Definition der „Misrachi", dass ihr Zionismus ein Zionismus plus etwas anderes sei, das heisst plus das religiöse Element, beweist es klar, dass der Zionismus nicht wesentlich mit den religiösen Zielen zusammenfällt. Er ist, wie er es immer war, eine politische Bewegung. Indirekt dient er zwar der Sache des Judentums weit mehr als die meisten Synagogen, aber nach seiner äusseren Seite muss er rein politisch genommen werden. Jede andere Art, ihn zu behandeln, wäre sein Ruin. Wie der Zionismus keine religiöse Bewegung ist, ist er auch keine ostafrikanische. Er ist an keinen anderen Ort als an Palästina gebunden. Aber er ist auch von keinem Orte ausgeschlossen, wenn dieser oder jener Ort dem grossen Zwecke unserer politischen Wiederherstellung dienen kann, indem er uns gewöhnt, ein eigenes Leben zu führen, unsere Kräfte für die letzte Wanderung sammeln hilft und politisches Kapital aufhäuft, um den Weg zu unserem endlichen Ruheplatz zu ebnen. Wenn neunzehn Jahrhunderte des Vegetierens und der Untätigkeit in einer Generation nicht verwischt werden können, müssten wir glücklich sein, wenn unserere Generation das Glück hätte, den Anfang vom Ende zu sehen, wenn es uns gewährt wäre, der Zukunft zu dienen. Man sagte, dass Russland jahrhundertelang langsam auf Konstantinopel hingearbeitet hat Sollen wir einmal politisch werden, dann müssen wir auch den Faktor der Langsamkeit, den die Politik ein-: schliesst, anerkennen, die Notwendigkeit der vereinigten Arbeit von Generationen einsehen. Und wie der Zionismus keine Ostafrikabewegung ist, so ist yer es noch weniger für die Kolonien in Palästina. Der Choweweziönismus ist erprobt worden