Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht anoenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—-1/1I2 Uhr. # Preise der Anzeigen: laut aufliegendem Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abends geschlossen Einzelne Nummern 30 Heller. RoTiincnrnico" Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12,—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Austand: DO£UlJO|JI ölOC. Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.— halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteüährig Doli. —.85 Nr. 39. Wien, 23. September 1904. — 14. TisChri 5665, 8. Jahrgang. Von der Judenwanderung. Es ist nicht das erste Mal und wird leider auch nicht das letzte Mal sein, dass wir an dieser Stelle von der Judenwanderung sprechen müssen. Wir haben uns schon oft bemüht, eindringlich darauf hinzuweisen, dass durch die plan- und ziellose jüdische Wanderung nicht nur unserem Volks vermögen an Menschen und materiellen Gütern uneinbringlicher Schaden zugefügt wird, sondern dass wir auch durch die ungeregelte, willkürliche Emigration und Immigration leicht feindselige Massregeln der von ihnen betroffenen Staaten hervorrufen könnten. Alle diejenigen, die nur mit ein wenig Aufmerksamkeit diese Frage verfolgen, wissen, dass wir mit unseren Befürchtungen keineswegs zu pessimistisch sind. Man braucht nur an die Alien-Bill in England zu denken, deren Gefahren noch lange nicht beseitigt sind, an die Repressivmassregeln der Vereinigten Staaten Nordamerikas, an die Vorkommnisse in Südafrika, an die harten, wenn auch vielleicht nicht vollständig ungerechtfertigten Vorkehrungen der kontinentalen Staaten, die eine Durchreise, aber keinen längeren Aufenthalt gestatten, um die Grösse des Elends jüdischer Auswanderer wenigstens zu ahnen, wenn auch nicht zu kennen* Was in dieser Sache geschehen könnte, um die grössten Härten dieses Zustandes und die ärgsten Hindernisse einer Besserung zu beseitigen, haben wir an dieser Stelle wiederholt ausgeführt. Unser Vorschlag geht dahin, eine Organisation für die Emigration zu schaffen, die sowohl in den Ländern der Emigration als in denen der Immigration eine Anzahl von Geschäftsstellen haben müsste, in denen die Emigranten alles Wissenswerte erfahren, und wo man eine Regelung und Ordnung der Auswanderung beginnen müsste. In allen Hafenstädten, von denen aus der Strom der Auswanderer sich zu verteilen hätte, in allen grösseren Städten, in denen Auswanderer während der Durchfahrt zu rasten haben, müssten Bureaus dieser Organisation bestehen, die in systematischer Weise nach genau festgesetztem Modus für die rasche und gute Abwicklung der Weiterbeförderung, die Ausstattung der Auswanderer mit dem Nötigsten, die ärztliche Ueberwachung und die statistischen Erhebungen zu sorgen hätten. Bis jetzt gibt es in dieser Hinsicht nur Einzel* arbeiten. Die betreffenden Vereine oder Personen arbeiten nach eigenem Gutdünken, ohne ausreichende Mittel, ja meist ohne sichere Benachrichtigung von dem Eintreffen grösserer Auswandererzüge. Sie erfahren gewöhnlich nur zufällig durch Zeitungsnotizen oder Verständigung aus einer der Städte, die von den Auswanderern berührt wurden, dass wieder eine grosse Anzahl sehr oft von dem Nötigsten entblösster Emigranten zu erwarten sei. Dann muss die Hilfsaktion, so gut oder so schlecht es eben gehen will, durchgeführt werden, und oft, nur allzu oft, stehen die Helfer der Grösse des Elends einfach machtlos gegenüber. Es hat an Anstrengungen nicht gefehlt, diesem unseres Volkes unwürdigen Zustande ein Ende zu machen. Bald in Deutschland, bald in der Schweiz, in den Niederlanden, in England und Amerika werden Projekte ans Tageslicht gefördert, wie man dem Emigrationsproblem beikommen könnte. Es lässt sich auch nicht leugnen, dass eine Anzahl beachtenswerter Vorschläge zur Diskussion gestellt und da und dort sogar ein vielversprechender Anfang gemacht worden ist. Dabei ist es aber auch geblieben. Eine Kooperation der interessierten Faktoren ist bisher nicht einmal in bescheidenstem Masse zustande gekommen. Und doch, so sollte man meinen, gibt es wohl keine grosse jüdische Korporation, ja keine einzige jüdische Gemeinde, die nicht den gegenwärtigen Zustand als einen verbesserungsbedürftigen, ja geradezu gefährlichen empfände. Gefährlich deshalb vor allem, weil die Juden der Länder, nach denen der Hauptstrom der Auswanderung geht, um ihre eigene Position besorgt werden. Es ist kein Zufall, dass in Amerika immer lauter, und zwar auch von jüdischer Seite, der Ruf ertönt, man möge der regellosen, überhasteten Einwanderung, wie sie jetzt gang und gäbe ist, ein Ende machen. Schon hört man allen Ernstes in jüdischen Kreisen darüber diskutieren, ob die Aufnahmefähigkeit Amerikas für einwandernde Juden nicht bereits erschöpft sei, und ob man nicht für die nächsten Jahre — man spricht vorläufig von