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Die Welt · 1904-09-16 · 38 (16.9.1904) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 38 „bie weit" Seite 11 muss einen Barbaren ergreifen. Tief eingeprägt sind den durchwegfl intelligenten Gesichtern zwei Merkmale eines unterdrückten Volkes, beide liegen in den Augen, jene unbeschreibliche, unruhige, ständig flackernde Beobachtung und eine tiefe Melancholie. Unsäglich rührend macht sich dieser Ausdruck bei der Unmasse von Kindern, die bei dem heissen Wetter halbnackt auf den Strassen herumsprangen. Einst, d. h. noch vor etwa 30 Jahren, war dieser Stadtteil last ausschliesslich von Deutschen (Schweizer stets inbegriffen) bewohnt, heute ist die deutsche Ansiedlung 3—4 Kilometer weiter nördlich anzutreffen. Die Landsmannschaften halten — wenigstens in der ersten Generation, automatisch zusammen und zügeln auch gemeinschaftlich, «obald neue fremdartige Zuzügler ihnen unangenehm werden. Ein Stück Völkerwaaderung im kleinen." Die Naturalisationen der Juden in Amerika. Laut dem Berichte der Brocklyner Naturalisationtkommission wurden während der der letzten sieben Monate (vom 1. Januar bis zum 1. August) 6048 Fremde als Bürger aufgenommen. Von diesen bilden Fremde russischer und österreichischdeutscher Provenienz die Mpjorität (29% und 3o°/0)- Von diesen wieder sind 95°|0 Juden, somit wurden ungefähr 3350 Juden naturalisiert. Mr. Ezekiel Moses Ezekiel, Doktor der Bombayer Universität, wurde daselbst zum Lektor für semitische Sprachen ernannt. Juden in Afghanistan. Nach den statistischen Angaben gibt es in Afghanistan ungefähr 40.000 Juden. Obwohl sie nicht als vollgültige Bürger betrachtet sind, geniessen sie doch ziemliche Freiheit unter dem Schutze der freundlich gesinnten Mächte. Die Juden sind in 60 Gemeinden eingeteilt, von denen die grösste die von Kabul ist, die 2000 Menschen zählt. Die Emigration der Juden nach Kanada. Mr. H. Markt, Sekretär der Jewish Emigration Society in London, begab sich nach Kanada, um dort für jüdische Auswanderer Arbeit zu finden« Es gelang ihm tatsächlich, 200 Juden in Kingston und auch in anderen Städten Arbeitsengagements zu verschaffen. Es ist rätiich, dass die Juden, welche nach Kanada auswandern wollen, voren t mit dem Emigrationsbureau in London in Verbindung treten. Die Juden von Tunis. Moise Schwab, der Redakteur des „Etudes Juives", hatte eine Unterredung mit dem französischen General und Orientalisten Marinier, dem früheren Gouverneur von Bizerta, der jetzt Gouverneur von Epinal in Tunis ist. General Marmier erzählte, dass die Juden in Tunis zwar noch immer unter muselmännischer Jurisdiktion stehen, sich doch immer mehr dem französischen Einfluss unterwerfen. Die jüngere Generation spricht immer französisch, Der Beschäftigung nach sind die Juden Kleinhändler und Detailkrämer. GeneralM ar m i e r sprach sich im übrigen in lobender Weise über die Juden von Tunis aus und meinte, sie seien nicht so indolent wie die übrigen Orientalen. Sie sehen einer besseren Zukunft entgegen. Die Juden in Spanien. Der „Jewish Chronicle* veröftentlieht interessante Daten über die gegenwärtige Lage der Juden in Spanien. Noch im Jahre 1871 wurden einige Juden in Spanien naturalisiert, als Amadeus König und Zorilla Ministerpräsident war. Der Anfang wurde durch den Neffen Sir Moses Monte fiores, Mr. Haim G u e d a 11 a gemacht, der im Jahre 1868 mit Prim, der damals Diktator Spaniens war, wegen der Wiederzulas^ung der Juden nach Spanien Unterhandelte. Nach der Ermordung Prims knüpfte er Unterhandlungen mit dem Premierminister Sagasta an, welche auch von Erfolg gekrönt waren. Der erste bekannte naturalisierte Jude in Spanien ist Mr. Cunningham Graham, ein sozialistischer Abgeordneter. Es sind in Spanien erst wenig Juden vorhanden, aber ihre Zahl wächst, und das Land Ferdinands und Isabellas wird wieder in ihren Grenzen die „Judios" beherbergen. Jüdische Ehen in England. Nach der Statistik kamen im Jahre 1853 auf 1000 geschlossene Ehen in England 1,8 jüdische und im Jahre 1902 7,4 jüdische. Die Schächtfrage in England. In der letzten Sitzung des englischen Unterhauses ergriff ein Abgeordneter die Gelegenheit, um den Minister des Innern zu fragen, ob und wann er ein Gesetz gegen das jüdische Schächten vorlegen werde. Unterstaatssekretär Long erwiderte, dass er die Angelegenheit noch nicht studiert habe, dass er sie jedoch im Auge behalten werde. Judenwanderung. Der „Daily Telegraph'4 meldet aus Berlin, dass die Königsberger Polizeibehörde neue Bestimmungen über die russischen Emigranten, die Deutschland passieren, erlassen hat. Danach müssen die Auswanderer Auslandspässe oder Schiffskarten vom Norddeutschen Lloyd resp. der Hamburg-Amerika-Linie oder Mk. 400 bares Geld haben; wenn nicht, werden sie nach Russland zurückgeschickt. Beide Dampfergesellschaften haben an der Grenze Bureaus zum Schiffskartenverkauf errichtet. Einweihung der Synagoge des Berliner Vereines „Adass Jisroel". Am 4. September fand hier im Beisein von Vertretern der Residenz die feierliche Einweihung der neu erbauten Synagoge „Adass Jisroel44 in der Artilleriestrasse statt. Das in schöneni Stile erbaute, prächtig erleuchtete Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach der Ueberführung der Thorarolle.n in ihr neues Heim und dem Gebete für den Landesherrn ergriff der Rabbiner Dr. Münk das Wort zu einer Predigt. Mit Nachdruck und Feuer gab er dem Gedanken Ausdruck, dass, wie alles Fühlen und Denken des Juden nach dem Lande unserer Vergangenheit und unserer Zukunft gerichtet ist und gerichtet sein muss, so auch, dies Gotteshaus nur gebaut worden ist, um dem Tempel auf Zion voranzugehen. „In der Stunde, da wir dies Haus weihen," so etwa sagte er, „grüssen wir dich, du fremdes Land im Osten, grüssen wir die Mauer, die von einstiger Herrlichkeit erzählt. Wenn wir je dein vergessen, so möge verdorren unsere Rechte." Zur Frage der Ausschliessung der Juden von den Unteroffizierschulen. Nachstehende Bekanntmachung enthält das Heidelberger Amtsblatt wiederholt: Bekanntmachung. Nach einer Mitteilung der Inspektion der Infantericschulen hat dieselbe für die diesjährige Herbsteinstellung noch Bedarf an jungen" Leuten zwischen 17 und 20 Jahren, welche bei Unteroffizierschulen eintreten wollen. Einstellung erfolgt am 15. Oktober d. J. Gesuche sind entweder an das Kommando der betreffenden Unteroffizierschule direkt oder beim Bezirkskommando Heidelberg unter Beifügung a) eines vom Grossherz. Bezirksamt ausgestellten Meldescheins; b) eines Konfirmationsscheins bezw. Ausweises über den Empfang der ersten Kommunion; c) etwa vorhandene Schulzeugnisse; d) einer amtlichen Bescheinigung über bisherige Beschäftigungsweise, über früher bestandene Krank- ■ heiten und etwaige erbliche Belastung baldigst einzureichen. Bezirkskommando Heidelberg. Es können sich mithin nur junge Leute für die Schule melden, welche einen Konfirmandenschein besitzen oder sich über Empfang der ersten Kommunion ausweisen. In Baden werden die Juden nicht wie in Württemberg oder Sachsen-Weimar und Meiningen etc. konfirmiert, mithin haben sie auch keinen Konfirmandenschein. Internationales Handelslehrinstitut in Sirassburg. Dr. jur. B. Caleb, ehemaliger Bank-Attachee, hat dieses Institut gegründet (Strassburg, Julianstr. 1). Es sollen darin namentlich Ausländern die Fähigkeiten zur Konkurrenz im Welthandel beigebracht werden. Die Anstalt ist grosszügig angelegt. Der Uuterrichtsgang dauert vier Semester, mit Spezialkursen fünf Semester. Ein Internat steht zur Verfügung. Gesamtkosteil per Kopf 1200 Mk. 1500 Frcs. jährlich. Prospekte in der Anstalt. Dr. Leon Zadoc Kahn, ein Sohn des Grossrabbiners von Frankreich, bisher Vorsteher einer Klinik im grossen Hospital zu Paris, ist zum Chefarzt des Rothschild-Hospitals daselbst ernannt worden. Für das Rabbinerseminar in Konstantinopel ist ein neues Gebäude akquiriert worden. Der Sultan hat ein besonderes Dekret erlassen, dass alle künftigen Rabbiner dort ihre Ausbildung geniessen möchten. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau A. Haibert: Das Rätsel Jude. Der Roman eines modernen Juden. Verlag Hans Priebe und Komp., Berlin- Steglitz. Dass ich es gleich gestehe: ich habe das Buch ein wenig enttäuscht wieder weggelegt,nachdem ich es aufmerksam bis zur letzten Seite gelesen hatte. Das Warum war mir nach kurzem Nachdenken klar. Der Titel hat mehr versprochen, als der Autor gehalten hat. Die Psychologie dieses modernen Juden hat uns H a 1 b e r t nur recht skizzenhaft aufzeigen können. Und gerade darin hätte uns dieser Roman, der übrigens gar kein Roman ist. Neues bringen sollen. Wodurch dieser Mangel verschuldet wurde, pcheii.fc

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